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02. August 2012
Das Gedächtnis der Kirche
Der Vatikan macht Forschern sein Geheimarchiv in Teilen zugänglich – die Dokumente aus der Zeit von Papst Pius XII. bleiben vorerst aber weiter unter Verschluss.
Schwere Stahltüren, die sich quietschend öffnen. Drahtige Schweizergardisten, die geheime Codes in elektronische Türschlösser eingeben. Ein buckliger Bibliothekar, der einen schweinsledernen Band aus dem Regal zieht und den Staub vom Umschlag bläst. Forscher, die hinter klimatisierten Panzerglasvitrinen geheime Codes auf Pergament entziffern. All das kommt in den durch Abenteuerromane gespeisten Vorstellungen über das Vatikanische Geheimarchiv vor – nur wenig davon auch in seiner Wirklichkeit.
Erstes Etappenziel auf dem Weg ins Archivum Secretum Vaticanum, wie das Archiv offiziell heißt, ist der Wachposten der Schweizergarde an der Porta Sankt Anna, der nur angemeldete Besucher passieren lässt. Sofern die Formalitäten erfüllt sind und die Gardisten nichts dagegen haben, geht es weiter vorbei an der vatikanischen Hauptpost, der Vatikanbank und der päpstlichen Feuerwehr im Belvedere-Hof. Hier betreten Bibliotheksbesucher an der Nordseite des Hofes den Apostolischen Palast durch eine schwere, mit Intarsien verzierte Holztür. Sie knarzt nicht, sondern steht sperrangelweit auf. Das darf man als Zeichen dafür ansehen, dass der Vatikan seit Neuestem mehr Wert auf eine Öffnung zur Außenwelt legt.
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Die jüngsten Skandale in der Kirche haben die Männer der Kurie dazu bewogen, etwas an der Außendarstellung ihrer Behörde zu ändern. Vor kurzem wurde ein Kommunikationsberater für das Staatssekretariat eingestellt, die Vatikanbank hat sich auf ihre Transparenz von Experten des Europarates durchleuchten lassen. Immer häufiger werden auch Journalisten in die mysteriösen Gemächer vorgelassen. Imageverbesserung und Entmystifizierung stehen zurzeit ganz oben auf der vatikanischen To-do-Liste.
Das Archivium Secretum Vaticanum bietet sich da schon wegen seines Namens an. Wobei das lateinische "secretum" ursprünglich weniger das Geheime, sondern nur bezeichnen sollte, dass es sich um das private Archiv des Papstes handelte. So erklärt es der Archivar Alfredo Tuzi, der in der Sala Leo XIII. die Gäste "im Namen seiner Exzellenz", des Archivleiters Sergio Kardinal Pagano, begrüßt. Hier stehen in hohen Regalen Aktenverzeichnisse, das Licht ist gedimmt. Hinter Tuzis Rücken, am Ausgabetisch, ist das Tippen eines jungen Bibliothekars zu hören, der Daten in einen Computer eingibt. In einem Seitenraum sieht man konzentrierte Forscher, die in dicken Wälzern blättern oder Handschriften studieren. Es riecht nach altem Papier.
Hier, im Saal der Indices, der sich kaum von einer besseren Staatsbibliothek unterscheidet, beginnt die Schatzsuche für die 1500 Wissenschaftler aus etwa 60 Ländern, die jedes Jahr das Geheimarchiv aufsuchen, das so geheim gar nicht mehr ist. Man muss auch nicht katholisch sein, um hier zu forschen. Seit 1881 ist das Archiv nicht nur dem Papst und Mitarbeitern der Kurie zugänglich, sondern auch Forschern, die ein überzeugendes wissenschaftliches Anliegen präsentieren und sich weniger freizügig kleiden als die Petersdom-Touristen im Sommer.
Der gegenwärtige Papst und Dan Brown wurden hier noch nicht gesichtet, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Benedikt XVI. hat seine Assistenten, der Bestsellerautor ("Illuminati") seine überbordende Fantasie. Außerdem sind weite Teile der 85 Regalkilometer des Archivs für Joseph Ratzinger, der zuletzt über Jesus von Nazareth geforscht hat, von geringem Interesse. Denn die ersten Dokumente stammen erst aus dem 9. Jahrhundert nach Christus. Vor 400 Jahren wurde es dann von Paul V. in der Engelsburg als Sammlung aller päpstlichen Dokumente gegründet. Heute umfasst es 650 Teilarchive. Vatikan-Historiker sind sich deshalb sicher, dass es sich beim Geheimarchiv um das "weltweit wichtigste Zentrum für historische Recherchen" handelt. So haben sie es zumindest im Päpstlichen Jahrbuch formuliert.
Tatsächlich können Wissenschaftler mit den anerkennenden Blicken ihrer Kollegen rechnen, wenn sie von ihrer Zulassung zum Archivio Segreto berichten. Sitzen sie dann aber erst einmal im Index-Saal, kehrt rasch die Ernüchterung ein. Einen Zentralkatalog gibt es nicht, die 48 bereits digital erfassten Terabyte sind im Vergleich zur gesamten Archivmasse nur der Anfang. Wer etwa Dokumente über die Vorbereitung der Entdeckungsreisen von Christopher Columbus sucht, der könnte seine Suche folgendermaßen beginnen, erläutert Archivar Tuzi: Er schlägt den Schedario Garampi auf, ein aus kaum lesbaren Notizzetteln des 18. Jahrhunderts zusammengeklebtes, meterdickes Inhaltsverzeichnis, blättert zu den Einträgen, die Papst Innozenz VIII. (1484 bis 1492) und dessen Korrespondenz mit dem damaligen Nuntius in Spanien betreffen. "Dann geht es weiter", sagt Tuzi. Das bedeutet, dass ein Archivar den entsprechenden Dokumentenstapel sucht und den Forscher in den Lesesaal, die Sala Pio XI. geleitet.
Allerdings ist keineswegs sichergestellt, dass der Stapel auch wirklich auffindbar ist. Aus Personalmangel sollen früher sogar die in botanischen Fragen durchaus qualifizierten vatikanischen Gärtner bei der Einarbeitung der Akten beteiligt gewesen sein. Außerdem gingen etliche Dokumente verloren, als Napoleon das Archiv 1810 plündern ließ und nach Paris entführte. Heute tun etwa 55 Mitarbeiter ihr Möglichstes, um beim Auffinden von Faszikeln, Episteln und Breven aus zwölf Jahrhunderten zu helfen.
Entsprechend sind Zufallsfunde keineswegs selten. Eine deutsche Historikerin hielt vor nicht allzu langer Zeit plötzlich den päpstlichen Freispruch für die Tempelritter von 1308 in den Händen. Schätze wie dieser sind noch bis zum 9. September in der Ausstellung Lux in Arcana in den Kapitolinischen Museen in Rom ausgestellt. Auch die Schau ist Teil der neuen Öffentlichkeitsstrategie des Vatikans. 100 ausgewählte historische Dokumente sind dort zu sehen. Die Bannbulle gegen Martin Luther ebenso wie Akten aus dem Prozess gegen Galileo Galilei, ein Beschwerdebrief Michelangelos oder ein Schreiben von Indianern an Leo XIII. auf Birkenbaumrinde.
Diese Zeugnisse lagern sonst im klimatisierten Pergamentsaal oder in den zwei Stockwerken des sogenannten Bunkers. Er befindet sich ein paar Schritte hinter den Archivsälen direkt unter dem für Besucher der Vatikanischen Museen zugänglichen Hof des Pinienzapfens ("Cortile della Pigna") und entschädigt diejenigen ein wenig, die sich das Archiv so vorgestellt haben, wie es Dan Brown beschreibt.
Hinter einer weinrot lackierten Brandschutztür tut sich ein 200 Meter langer, von Regalen gesäumter Gang auf. Die Wände sind aus grauem Stahlbeton, die Decken niedrig und mit Halogenleuchten versehen, auf dem Boden weisen gelbe Markierungen den Weg. Denkt man sich die Regale weg, erinnert das Geheimarchiv jetzt an eine Parkgarage. Doch statt des vatikanischen Fuhrparks lagern hier alte Briefsammlungen, dicke Lederbände mit der Korrespondenz des Staatssekretariats.
Auch mehrere Leitz-Ordner "Fix" stehen hier, das Archiv eines gewissen Monsignor Siino. Der sizilianische Prälat muss die Funktion eines neuzeitlichen Inquisitors gehabt haben. Er sammelte in den 1950er Jahren Dokumente über "Antikatholische Aktivitäten" wie "Protestantismus" oder "Freimaurertum", wie auf dem Aktenrücken verzeichnet ist. Diese Dokumente gehören zu dem Teil des Archivs, der noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Derzeit bereiten die Archivare die Dokumente aus der Zeit Pius XII. (1939 bis 1958) vor, die in zwei bis drei Jahren zugänglich gemacht werden sollen. Wissenschaftler erwarten sich dann Aufschluss über die umstrittene Rolle des Vatikans während der Nazizeit.
Trotz aller Öffentlichkeitsarbeit bleibt der Vatikan hier seiner Linie treu: Wann der Zeitpunkt zur Öffnung der teilweise brisanten Dokumente gekommen ist, entscheidet immer noch der Papst.
Autor: Julius Müller-Meiningen



