David gegen Monsanto

Stefan Brändle

Von Stefan Brändle

Mi, 12. September 2018

Ausland

 In den USA wurde der Hersteller glyphosathaltiger Unkrautvernichtungsmittel zu einer Millionenstrafe verurteilt – in Frankreich kämpft ein Bauer gegen die Bayer-Tochter.

  Die Ackerfurchen sind tief, die Schollen trocken und hart, doch Paul François stolpert über etwas anderes – ein Wort. Ihm will das Substantiv "Anbau" nicht einfallen, als er erzählt, er habe mittlerweile vollständig auf biologischen Anbau umgestellt. "Ab und zu habe ich ganz kurze Aussetzer, wie Gedächtnislücken", sagt der Landwirt, der sonst ebenso rasch wie präzise spricht. "Es ist, wie wenn der Motor für eine Sekunde stockt. Dann springt mein Gehirn wieder an." Schuld ist sein Unfall, als François einen Tank mit dem Pflanzenschutzmittel Lasso öffnete und dabei giftige Dämpfe einatmete.

Doch darüber redet er ungern. Lieber berichtet der 53-Jährige über die Entwicklung seines 240 Hektar großen Guts im westfranzösischen Bernac, auf dem er geboren ist. "Die Umstellung auf Bio dauerte Jahre und verlangte viel Einsatz, doch heute bewirtschafte ich die grünen Bohnen, den Raps und Weizen nur noch nachhaltig." Unkrautvernichtungsmittel kommen nicht mehr zum Einsatz. Stattdessen ein zusätzlicher Angestellter, wie François mit Genugtuung in der Stimme meint. Ohne Chemie erfordere der Anbau – jetzt kommt das Wort problemlos über die Lippen – etwas mehr Aufwand.

Der temperamentvolle Westfranzose legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht erst seit seinem Unfall 2004 auf Bio setze. Schon Jahre zuvor habe er sich mit der Idee befasst. Aber er räumt ein: Auf dem elterlichen Gut Beauregard sei früher stets mit Herbiziden und Pestiziden gearbeitet worden. "Das war praktischer und ging schneller", erzählt François.  

Als er den Hof übernahm, blieb er zuerst dabei – bis zum Unfall. "Es war am 27. April 2004, einem Tag mit blauem Himmel." François öffnete einen Tank mit dem Spritzmittel Lasso, um nachzuschauen, ob es aufgebraucht war. War es aber nicht. In der Sonnenhitze hatte es starke Dämpfe entwickelt – die François einatmete, als er den Deckel öffnete. Bald darauf wurde ihm schlecht und schwindlig. Ins Haus zurückgekehrt, verlor er das Bewusstsein. Seine Frau, eine ausgebildete Krankenschwester, rief sofort den Notarzt und forderte die Notfallstation auf, das Beatmungsgerät zu aktivieren. Das rettete möglicherweise sein Leben.  

Seither kämpft der Getreidebauer gegen schwere Symptome wie Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, Immunschwäche. Und er kämpft gegen den US-Agrarkonzern Monsanto, den Hersteller von Lasso, der seit Juni dieses Jahres zum Leverkusener Chemiekonzern Bayer gehört. François fand heraus, dass Lasso in Kanada und Großbritannien wegen seiner Gefährlichkeit verboten ist. Auf dem französischen Etikett stand hingegen: "Erfordert keine spezielle Ausrüstung", also auch keine Atemschutzmaske.   Monsanto bestreitet jeden Bezug zu François’ Gesundheitsproblemen. Der Landwirt verlangte vergeblich eine Entschädigung und zog 2007 vor Gericht. Wenige Monate danach untersagte auch Frankreich den Einsatz von Lasso. Der Rechtsstreit geht weiter. Sollte der Landwirt aus der Charente-Region Recht bekommen, dürften andere Lasso-Opfer seinem Beispiel folgen – und auch solche, die Glyphosat verspritzt haben. Vor gut einem Monat hatte ein US-Gericht Monsanto zur Zahlung von knapp 250 Millionen Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil seine glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel wesentlich zur Krebserkrankung des Klägers beigetragen hätten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Monsanto hat Berufung eingelegt.

In Frankreich, dem größten Agrarland der EU, könnten die Geschädigten in die Dutzende, ja Hunderte gehen, schätzt der Verein Phyto-Victimes, der sich für Opfer wie François einsetzt. Beide Seiten kämpfen daher mit letztem Einsatz. François hat bisher 50 000 Euro in den Rechtsstreit gesteckt, wovon nur ein kleiner Teil durch Spenden des Vereins gedeckt wird. "Ich hätte nie gedacht, wie gewaltsam es sein würde", sagt François beim Gang über seine Felder. Damit meint er nicht seine Migräne, gegen die sogar morphinhaltige Schmerzmittel die Wirkung verlieren. Er meint das Verhalten von Monsanto. "Ich habe vor Gericht noch nie einen Vertreter der Firma zu Gesicht bekommen. Nur die Anwälte lassen sich blicken, um eiskalt zu erklären, ich hätte nach dem Einatmen der Lasso-Dämpfe zuerst einen Gerichtsvollzieher holen sollen, um alles aufzuzeichnen."

Der Prozess dauert bereits zehn Jahre. Auf dem Weg durch die Instanzen erhielt François zweimal Recht mit dem Argument, das Lasso-Etikett habe ungenügend auf die Gefährlichkeit hingewiesen. Der Kassationshof, die oberste Instanz, befand jedoch Ende 2017, die Kernfrage – wie gefährlich das Mittel ist – sei nicht genügend geklärt worden und ordnete einen neuen Prozess an.   Monsanto äußert sich nicht zum laufenden Verfahren, hat aber seinen Standpunkt in einer Pressemitteilung zusammengefasst: "Die fundierte Analyse des Falles hat ergeben, dass es für den Zusammenhang zwischen dem Herbizid Lasso und den Symptomen von Herrn François keinen Beleg gibt."

François hingegen verweist auf Studien, die bestätigten, dass der Lasso-Wirkstoff Monochlorbenzol das Immun- und Nervensystem angreift. "Mein Abwehrsystem ist so geschwächt, dass jede Infektion tödlich ausgehen kann." Auf dem Rückweg in sein Büro sinniert er, ob die Übernahme durch Bayer vielleicht etwas am Ausgang des Verfahrens ändern könnte. "Zu hoffen wäre es." Ein Vertreter von Bayer-France habe ihm unter vier Augen gesagt, man könne nur den Kopf darüber schütteln, wie sich Monsanto mit seinen Kunden auf der halben Welt anlege. Das habe Bayer bei der Übernahme unterschätzt.   Zu den guten Wünschen für seine Gesundheit beim Abschied meint der Landwirt: "Wünschen Sie das den Bauern in China und Afrika. Dort scheint dieses Herbizid noch zugelassen zu sein."