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11. Februar 2010

Der Autobauer ruft seine eigene Zukunft zurück

Toyota räumt große technische Probleme bei mehreren Fahrzeugen ein und gelobt Besserung – die Öffentlichkeit vermutet eine Kampagne der US-Konkurrenz.

  1. Akio Toyoda und beim gestenreichen Versuch, das Unvorstellbare zu erklären. Foto: DPA

Akio Toyoda passt derzeit nur noch das Büßerhemd. Jetzt muss der Enkel des Konzerngründers auch noch Toyotas Lieblingskind aus dem Rennen nehmen. Weltweit bisher 437 000 Hybridfahrzeuge könnten auf Schlaglöcher und Bodenwellen falsch reagieren, weil die Software für das Bremssystem ABS nicht zuverlässig funktioniert. Nach der katastrophalen Rückrufaktion von acht Millionen "normalen" Toyotas ist das die vielleicht schlimmere Pleite.

Als die jüngste Variante des Prestigemodell Prius im Herbst des vorigen Jahres an den Start rollte, schwärmte Konzernchef Toyoda noch von der "Zukunft der Toyota-Autos". Der trotz seiner augenscheinlichen Hässlichkeit extrem populäre Mittelklassewagen war als "Weltmeister des Klimaschutzes" 2009 der meistverkaufte Wagen in Japan. "Nun ist er Synonym dafür, wie das Vertrauen in die ganze Marke erodiert", urteilt Tatsuya Mizuno. Als Inhaber einer Kreditberatung in Tokio weiß er aus erster Hand, "wie sich die Kunden enttäuscht über Qualität und Sicherheit von diesen Autos abwenden". Und Akio Toyoda, der dieser Tage auf einer Pressekonferenz in Tokio noch einmal flehentlich um Nachsicht für die größte Panne in der Firmengeschichte bat, gehen langsam die Argumente aus.

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Anders als alle anderen bisher zurückgerufenen acht Millionen Toyotas ist der Prius ein lupenreiner Japaner, und der Pfusch lässt sich nicht auf ausländische Zulieferer abschieben. So versuchten die Autobauer aus Japan bisher das Unvorstellbare zu erklären. Genau wie der ebenfalls betroffene Hybrid Lexus HS250h wird der Prius vollständig in den heimischen Stammwerken montiert, tragen alle wesentlichen Teile und Komponenten das Gütesiegel Made in Japan.

Börsenwert von Toyota sackte um 31 Milliarden Dollar ab

Damit ist klar: Nicht die rasante Auslandsexpansion allein, das Zurückbleiben fremder Lieferanten, der Mangel an Toyota-Spirit in China oder den USA sind für die Pleite verantwortlich – Japans Vorzeigeunternehmen hat sich und den Behörden jahrelang mit der Behauptung in die Taschen gelogen, seine Qualität sei in der Branche unerreicht. Die Folgen dieser offenkundigen Täuschungsaktion sind längst noch nicht absehbar, allein die Rückrufaktion kostet jedoch bisher 1,4 Milliarden Dollar. Die Wirtschaftsagentur Bloomberg hat errechnet, dass der Marktwert von Toyota in knapp drei Wochen um 31 Milliarden Dollar gefallen ist. Das dürfte erst der Beginn einer Bremsspur sein, die sich durch die ganze Welt zieht. Mindestens 34 Sammelklagen drohen allein in den USA und Kanada, Dutzende Toyota-Käufer ziehen wegen persönlicher Unfallschäden vor Gericht. Nach derzeitigem Kenntnisstand verloren bei diesen Unfällen bis zu 19 Menschen ihr Leben. Rund 1,75 Millionen Toyotas müssen in Europa nachgebessert werden, davon sind 53 000 vom Typ Prius. Die Hybridproduktion in Japan wird bis vermutlich Anfang März gestoppt.

Der Konzernchef persönlich geht auf Werbetour

Erstmals nimmt Toyota damit die "Sicherheitsbedenken unserer Kunden ernst", wie der 53-jährige Konzernlenker offiziell versichert. Akio Toyoda will selbst in die Länder reisen, in die Toyota bevorzugt exportiert, um das Debakel "mit meinen eigenen Worten zu erklären". So selbstverständlich war das für Branchenexperten offenbar nicht. "Endlich tut Toyota etwas, um das Verbrauchervertrauen zurück zu gewinnen", atmet Mamoru Kato, Analyst beim Tokyo-Forschungszentrum in Nagoya auf. Bisher suchte der weltgrößte Autokonzern – und mit ihm fast die ganze Nation – die Fehler vornehmlich bei anderen.

Im Katastrophenschmerz um den nationalen Vorzeigekonzern wirft Japan vor allem den USA vor, die Lage emotional für eigene Interessen auszunutzen, um der Nippon AG zu schaden. "Die Amerikaner übertreiben", sagt der Tokioter Hirouki Komiya und er spricht für viele Landsleute. "Das sieht aus wie Japan-Prügel, weil die amerikanischen Hersteller in den Problemen beim Hauptkonkurrenten Toyota eine große Chance sehen." Man vermutet in Tokios Medien, dass hinter der extrem massiven Kritik in den USA politische Kräfte stecken, weil die US-Regierung heute 60,8 Prozent Anteile am bankrotten Autobauer General Motors besitzt.

Japans führende Wirtschafts- und Finanzzeitung Nikkei fürchtet angesichts der Wahlen im November einen wachsenden Protektionismus. "Ausländische Hersteller könnten zunehmend attackiert werden", warnt Nikkei. "Toyota sollte nicht zum Sündenbock für irgendwelche Versuche werden, den Frust der amerikanischen Wähler über die andauernde Wirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit in andere Kanäle zu lenken", appelliert auch die Tageszeitung Japan Times an ihre Leser. Realismus und Selbstkritik klingen anders.

Autor: Angela Köhler