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19. Mai 2010
BZ-Interview
Großmufti von Syrien: „Die Religion hat nichts in einem Parteinamen verloren“
BZ-INTERVIEW mit dem Großmufti von Syrien, Scheich Ahmad Badr al-Din Hassoun, über das schlechte Image des Islam und das C im Namen der Union.
FREIBURG. Seit den Anschlägen vom 11. September wird die islamische Religion im Westen oft gleichgesetzt mit Fanatismus und Gewalt. Annemarie Rösch sprach darüber mit dem Großmufti von Syrien, Scheich Ahmad Badr al-Din Hassoun. Er gilt als Verfechter des interreligiösen Dialogs. Auf Einladung der Universität Freiburg und der Konrad-Adenauer-Stiftung war der oberste muslimische Geistliche von Syrien in Freiburg.
BZ: Wie erklären Sie, dass die islamische Religion in der westlichen Welt heute ein so schlechtes Image genießt?Hassoun: Haben Sie schon einmal die arabische Welt besucht? Ich glaube nicht, dass Sie dort das Gefühl hatten, dass die Muslime Christen oder Juden hassen. Aus meiner Sicht verbreiten die Medien oft ein Bild, das überhaupt nicht der Realität in der muslimischen Welt entspricht. Sehen Sie zum Beispiel die viel kritisierte Rede von Papst Benedikt XVI. in Regensburg. Eigentlich wollte er damit einen Dialog eröffnen mit der islamischen Welt, seine Worte wurden aber von den Medien fehlinterpretiert, so dass man zum Schluss glauben musste, er kritisiere den Islam. Oder die Geschichte mit den dänischen Karikaturen. Sie waren die Taten Einzelner, doch die Medien haben so getan, als sei das die Mehrheitsmeinung des Westens.
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BZ: Sie kritisieren also auch die arabischen Medien? Sie waren es ja, die gegen die Karikaturisten gehetzt haben.
Hassoun: Ja, ich meine die westlichen und die arabischen Medien. Sie tragen oft zu Missverständnissen bei. Aber eigentlich sollten die Medien ein objektives Bild von der jeweils anderen Religion zeichnen. Auch wir Geistliche oder die Politiker stehen in dieser Hinsicht natürlich in der Pflicht. Wir müssen den Dialog mit Vertretern der anderen Religion suchen und Missverständnisse ausräumen.
BZ: Es scheint mir ein wenig einfach, den Medien die Schuld für das schlechte Image des Islam zuzuschieben. Es war doch vor allem islamistischer Terror, der dieses Bild geprägt hat.
Hassoun: Natürlich gibt es auch in der islamischen Welt große Versäumnisse, die zu dem schlechten Image des Islam beitragen. Immer wieder transportieren islamistische Terroristen Probleme in ihrer Heimat in den Westen. Denken Sie nur an diesen Pakistaner, der einen Anschlag in New York geplant hat. Doch auch da dürfen wir nicht vergessen, dass dies die Tat eines Einzelnen war. Er steht nicht für den Islam. Es würde Ihnen ja auch nicht gefallen, wenn man aus den Verfehlungen einzelner Bischöfe und kirchlicher Würdenträger Rückschlüsse auf das gesamte Christentum ziehen würde.
BZ: Eine gängige These lautet: Der Islam kennt keine Trennung von Religion und Staat. Sowohl von Islamisten wie auch Islamkritikern wird das immer wieder angeführt. Inwieweit ist die These denn von der islamischen Geschichte gedeckt?
Hassoun: Der Islam wie das Christentum sind Religion und Leben, nicht Religion und Staat. Jesus hat gesagt: Gebt des Kaisers, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Kurz vor seinem Tod hat der Prophet Mohammed gesagt: Ihr kennt die Angelegenheiten des Lebens besser. Weder im Koran noch in den Überlieferungen über das Leben des Propheten gibt es Anweisungen, wie ein Staat sein sollte, ob eine Republik, ein Königtum oder ein Kalifat. Wir Menschen sind diejenigen, die eine Staatsform aufbauen sollen, die unseren Bedürfnissen entspricht.
BZ: Befürworten Sie einen Staat, indem es eine Trennung zwischen Staat und Religion gibt?
Hassoun: Ja natürlich. Ich finde, dass die Religion nichts in der Politik verloren hat. Ich finde auch, dass politische Parteien nicht "islamisch" oder "christlich" in ihrem Namen führen sollte.
BZ: Sie fordern also, dass die Christlich Demokratische Union (CDU) das "christlich" aus ihrem Namen verbannt?
Hassoun: Ja. Die Religion hat nichts in einem Parteinamen verloren. Ich habe nichts dagegen, dass eine Partei christliche oder islamische Werte vertritt. Nur sollte sie die Religion nicht im Namen führen. Ich bin für eine strikte Trennung von Religion und Staat.
GROSSMUFTI
Ahmed Badr al-Din Hassoun ist als Großmufti die oberste religiöse Autorität in Syrien. Der muslimische Rechtsgelehrte erstellt für die Gläubigen Rechtsgutachten, die er aus den religiösen Schriften ableitet. In der arabischen Welt gibt es nur sechs Großmuftis. Hassoun war acht Jahre lang Mitglied des syrischen Parlaments. Er gilt als Verfechter eines liberalen Islams und tritt für eine Trennung von Staat und Religion ein. 2008 hielt Hassoun vor dem Europaparlament in Straßburg eine Rede, in der er sich für einen stärkeren Dialog zwischen den Religionen aussprach. Hassoun nahm auch am zweiten Ökumenischen Kirchentag in München teil.
Autor: ar
Autor: ar
