30. Oktober 2009

Die Steppe verwandelt sich in ein großes Grab

Graben nach jedem Tropfen: Wasserstelle in Kenia | Foto: DPA
Angespannt schaut Erkal Lorinyo zu, wie sein an den Hinterbeinen an einem Baum aufgehängtes Dromedar noch einmal klagend brüllt und dann stoßweise aus der aufgeschnittenen Halsschlagader blutend den Geist aufgibt. Der 65-jährige Nomade musste sein letztes Nutztier schächten lassen, nachdem sein anderes Dromedar verdurstet war: Auf diese Weise wird der Kenianer wenigstens noch etwas Geld aus dem Verkauf des Fleisches bekommen – knapp hundert Euro umgerechnet.

Ist das Geld aufgebraucht, wird Erkal nichts anderes übrig bleiben, als sich in die Schlange der ausgemergelten Gestalten einzureihen, die in der Provinzhauptstadt Lodwar bereits für Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland anstehen müssen: Mehr als 3,8 Millionen Kenianer sind nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Oxfam von der gegenwärtigen Hungersnot in dem ostafrikanischen Staat betroffen.

"Es ist die schlimmste Dürre seit dem Jahr, in dem die vielen Dromedare starben", sagt Esta Ekouam: Die Großmutter, die ihr Alter nicht benennen kann, meint das Jahr 1969, in dem der "Northern Frontier Distrikt", die karge Region Kenias an der Grenze zu Somalia, schon einmal von einer Jahrhundertdürre heimgesucht wurde.

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Auch jetzt sind die weiten Flächen östlich des Turkana-Sees von einer seit fünf Jahren anhaltenden Trockenheit wieder zu steinhartem Ton gebacken: Wie kahle Gerippe stehen die seltenen Bäumchen in der Landschaft, die graslose Steppe ist von Tierkadavern übersät, die Wasserlöcher ausgetrocknet. Immer häufiger geraten sich Nomaden um den begehrten Zugang zu den versiegenden Wasserstellen in die Haare: Allein bei einem Zwischenfall Ende des vergangenen Monats wurden nach Angaben des kenianischen Roten Kreuzes mehr als 35 Menschen getötet. Zahllose Kinder seien vom Hungertod bedroht, sagt Catherine Fitzgibbon, kenianische Vizedirektorin der Hilfsorganisation "Save the Children": "Täglich nimmt die Zahl der zu unseren Zentren kommenden unterernährten Kinder zu: Wir erwarten, dass es noch schlimmer wird."

Schon heute müssen viele der noch im Wachstum Begriffenen von einer Mahlzeit am Tag auskommen: "Ihnen fehlen wichtige Nährstoffe: Ihrem Körper und ihrem Gehirn drohen deshalb bleibende Schäden". Dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) stehen nach eigenen Angaben zur Kenia-Hilfe lediglich 24 Millionen US-Dollar zur Verfügung: 300 Millionen Dollar wären nötig, um die Hungernden in den kommenden sechs Monate mit Lebensmitteln zu versorgen.

Und dabei ist Kenia keineswegs das einzige von der Dürre heimgesuchte Land in der Region: Auf Oxfams Liste stehen sieben Staaten am Horn von Afrika und weiter westlich, in denen 23 Millionen Menschen von der Dürre betroffen seien. Genau 25 Jahre nach der großen äthiopischen Hungersnot, die mehr als eine Million Menschenleben forderte, rief auch die dortige Regierung die internationale Gemeinschaft wieder um Hilfe an: Das fällt den Regierenden in Addis Abeba nicht leicht, wo sie doch den Anschein erwecken wollten, dass ihr Staat wiedererstarkt ist.

"Wir werden unsere Hände niemals wieder bettelnd ausstrecken müssen, um das zu bekommen, was wir brauchen", hatte die Regierung unter Premierminister Meles Zenawi noch im vergangenen Jahr geschworen: Nun sind nach Angaben der Regierung doch wieder 6,2 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Nach Schätzungen des WFP könnten es sogar zehn Millionen sein.

Noch viel größeres Kopfzerbrechen als Kenia und Äthiopien bereiten den UN-Fachleuten deren Nachbarstaaten: In Eritrea verwehrt die Regierung ausländischen Experten den Zugang zum Pariah-Staat, um das Ausmaß der Not überhaupt einschätzen zu können. Und in Somalia begeben sich Helfer in Lebensgefahr. Fast eine Million Flüchtlinge aus Mogadischu vegetieren alleine in den Behelfslagern entlang der Straße zwischen der zerstörten Hauptstadt und Afgoye. "Im Grab wäre es besser, als hier zu leben", sagte die 42-jährige Flüchtlingsfrau Halima Hassan jüngst einem Journalisten. Das WFP musste seine Hilfslieferungen für Somalia halbieren, weil sich unter den Industrienationen keine Geber finden lassen.  

Autor: Johannes Dieterich



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