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05. Juni 2012

Rennradfahrer aus Ruanda

Die Vergangenheit fährt mit

Ein Rennradfahrer aus Ruanda träumt von Paris und der Tour de France.

Draußen herrscht trockene Hitze. Drinnen, in einer dunklen, fensterlosen Holzhütte, sitzt Gasore Hategeka auf einem Holzhocker und träumt davon, die Tour der France zu gewinnen. Er möchte das Gelbe Trikot tragen, bis nach Paris fahren, vorbei an Hunderttausenden, die ihm zujubeln. Das wäre der Höhepunkt, aber er seufzt und zuckt die Schultern: "So weit bin ich leider noch nicht."

Gasore Hategeka, 24 oder 25 Jahre alt – sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht – , ist aber schon ganz schön weit. Kürzlich ließ er sich ein Haus aus Stein bauen, mit Strom und fließendem Wasser, in das er bald mit seiner Frau Marceline einziehen wird. Er verdient 100 Dollar im Monat und hat einen festen Job. Und das ist in dem Dorf Sashwara in Ruanda sehr viel. Hategeka ist Rennradfahrer im Team Ruanda. Er trägt stolz das Trikot mit den Farben Azurblau, Knallgelb und Hellgrün; sein 3000 Dollar teures Rad der Marke Eddy Merckx und die 200 Dollar teuren Schuhe stehen glänzend in dem unmöblierten Raum.

Sein Idol ist der Spanier Alberto Contador. Hategeka lächelt verlegen, geht in eine Ecke und kramt ausländische Magazine hervor. Weil er weder schreiben noch lesen kann, dauert es, bis er die Artikel über sich gefunden hat. Der junge Mann kann es immer noch nicht glauben, dass sich Fremde für ihn interessieren. Ungläubig tippt er auf die Hochglanzfotos. "Hier, das bin ich."

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Ob der Asphalt vor Hitze glüht oder ob es Bindfäden regnet, jeden Tag setzt sich Hategeka seinen Helm auf und fährt los. Radfahren ist für ihn mehr als nur ein Sport, es ist für ihn ein Versprechen, aus der Armut zu entkommen und die Vergangenheit abzuschütteln. Seine Mutter starb, als er noch ein Baby war. Der Hutu musste während des Völkermords 1994 mit seiner Familie in den Kongo fliehen und später mit ansehen, wie sein Vater von Tutsi-Soldaten ermordet wurde. Plötzlich war er Waise, und um ein wenig Geld zu verdienen, baute Hategeka sich ein Holzrad und transportierte damit Kartoffeln. Und dann, nur ein Jahr später, wurde er auf der Straße von seinem heutigen Trainer entdeckt und in das Team Ruanda aufgenommen.

In seinem Team fahren zwölf Fahrer. Es sind Hutu und Tutsi, die zusammen trainieren und leiden, sich anspornen und eines gemeinsam haben: Sie alle verloren während des Genozids Angehörige. Der ostafrikanische Staat war im April 1994 trauriger Schauplatz eines Völkermordes, bei dem extremistische Hutu 800 000 Menschen abschlachteten, zumeist Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch moderate Hutu, die sich dem Gemetzel entgegenstellten.

Jonathan Boyer hatte von Ruanda keine Ahnung, bevor er 2006 hierher kam und das Nationalteam aufbaute. "Ich hatte kaum eine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde. Und das war vielleicht auch ganz gut so", sagt der 56-jährige US-Amerikaner. Aufgewachsen im strenggläubigen Utah, war er der erste Amerikaner, der 1981 an der Tour de France teilnahm. Insgesamt fünf Mal fuhr er mit und schaffte es bis auf den zwölften Platz. 1985 gewann er das Race Across America über 5000 Kilometer von der West- zur Ostküste in weniger als elf Tagen. Mit 32 Jahren, 1987, beendete er seine sportliche Karriere, eröffnete ein Fahrradgeschäft in Kalifornien. 2002 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen zu neun Monaten Haft und fünf Jahren Bewährung verurteilt. Darauf angesprochen, schluckt er laut.

Boyer ist zierlich und drahtig, hat sehr wache, sehr blaue Augen, seine grauen Haare müssten mal wieder nachgeschnitten werden, sein T-Shirt hat Löcher. Er redet ruhig und ausführlich, aber auch vorsichtig. "Ich habe Fehler in meinem Leben gemacht", sagt er und schiebt hinterher: "Doch für Gott ist es wichtiger, was man aus seinen Fehlern lernt." Ein Freund lud ihn nach Ruanda ein, und nachdem er gesehen hatte, wie viele begabte Radfahrer es dort gibt, blieb er. "Ich wollte nochmal von vorne anfangen", sagt er. Jeder kennt seine Geschichte. Er kann sie überhaupt nicht verheimlichen, wie auch in Zeiten von Google. "Doch die Menschen hier sind weniger an meiner Vergangenheit interessiert als an dem, was ich jetzt mache", sagt er.

Das Team Ruanda ist

eine Schicksalsgemeinschaft

Das Team Ruanda ist eine Schicksalsgemeinschaft. Es bietet eine Chance für die jungen Männer, ihre Familien zu versorgen. Und die Chance für Boyer, sich noch einmal zu bewähren. Wohl nirgendwo sonst auf der Welt hätte er solch einen Job nach seiner Verurteilung erhalten. Er denke sehr oft darüber nach, zurück in die USA zu gehen, "denn ständig fällt der Strom aus, die Sportler haben zuhause wenig zu essen". Außerdem ärgert es ihn, dass seine Fahrer so unkritisch seien und nicht immer auf Anhieb verstünden, was er über Krafteinteilung oder Sattelhöhe erklärt. "Aber vor allem ruinieren sie ihre teuren Schuhe, weil sie diese nach jeder Fahrt wild sauber schrubben", schimpft er, macht eine Pause und sagt dann: "Trotzdem, ich möchte noch nicht weg, was soll ich woanders?"

Es gibt Talente im Überfluss in diesem Land, in dem das Fahrrad für die meisten das einzige Fortbewegungsmittel ist. Adrien Niyonshuti nahm als Erster an einem europäischen Profirennen teil, er ist der Beste der Mannschaft, fährt mittlerweile auch für das südafrikanische Team MTN und verdient 1000 Dollar im Monat. Er hat sich für die Olympischen Spiele qualifiziert, momentan trainiert er in Johannesburg für London. Bis vor sechs Jahren fuhr Niyonshuti mit einem Holzrad bei einem Straßenrennen mit, bei dem Boyer ihn rekrutierte. Der Tutsi hat während des Genozids sechs seiner Brüder und seine Großmutter verloren. Die Gedanken daran sind allgegenwärtig. Wenn der 25-Jährige einige Zeit nicht trainiert, bekommt er Albträume. "Er ist ein Wunder", sagt Boyer über seinen Schüler.

Das Teamquartier in Musanze ist auch das Wohnhaus von Boyer. Hier werden die Fahrer versorgt, machen jeden Abend Yoga und lernen Englisch. Boyer bringt ihnen bei, was es heißt, ein Profiradsportler zu sein; wie wichtig die Ernährung ist, welche Tritttechniken es gibt, wie man trinkt, ohne anzuhalten. Doping würden seine Fahrer überhaupt nicht kennen. "Sie wissen nicht einmal, was Aspirin ist", behauptet Boyer. Er organisiert das Equipment und den Tagesablauf seines Teams. Zwar wird er auch von der ruandischen Regierung unterstützt, doch die meisten Gelder sind Spenden.

Unter der Woche trainiert die Mannschaft bis zu vier Stunden, samstags und sonntags bis zu sieben Stunden. Jeden Tag rasen sie die steilen Hügel rauf und runter, durch gefährlich scharfe Kurven. Vorbei an Frauen, die ihre Babys auf dem Rücken und ihr Gepäck auf dem Kopf tragen. Vorbei an Männern und Kindern, die mit rostigen Rädern sperriges Gut transportieren. Vorbei an einer unfassbar schönen Landschaft und an den vielen weißen Geländewagen der Hilfsorganisationen.

Gasore Hategeka hat für all dies keinen Blick. Er will siegen. Er hat 2010 an den Commonwealth Games in Indien teilgenommen und danach in der Schweiz trainiert. Der junge Mann war zuvor noch nie außerhalb Ruandas. Und jetzt träumt er von der Fahrt durch Frankreich.

Autor: Cigdem Akyol