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12. August 2017

Drama am "Tor der Tränen"

10 000 Ostafrikaner erreichen jeden Monat das Bürgerkriegsland Jemen / Die Flucht über das Rote Meer organisieren skrupellose Banden.

  1. Afrikanische Flüchtlinge stranden in Jemen. Foto: dpa

LIMASSOL/DSCHIBUTI. Das "Tor der Tränen" nennen die Jemeniten die strategisch bedeutende Meerenge, die den Golf von Aden mit dem Roten Meer verbindet. Der Legende nach sollen dort bei einem schweren Erdbeben Zehntausende von Menschen ertrunken sein. Durch die Naturkatastrophe, heißt es, sei der afrikanische vom asiatischen Kontinent getrennt worden. Schauplatz entsetzlicher Tragödien ist das "Tor der Tränen" bis heute geblieben. Tagtäglich bringen skrupellose Schlepperbanden afrikanische Flüchtlinge von der somalischen Küste in den nur 100 Kilometer entfernten Jemen. Was auf der gefährlichen Überfahrt in den überfüllten Booten geschieht, wird nur selten berichtet. Wahllos schlagen die vom Whisky oder der Kaudroge Khat berauschten Kapitäne mit Holzknüppeln auf ihre Schutzbefohlenen ein, wenn diese ihre Anweisungen nicht befolgen oder wenn es, wie zu Beginn dieser Woche, beim Aussteigen an der Küste zu Verzögerungen kommt.

"Aus Furcht, von Milizen aufgegriffen zu werden, stießen die Schlepper mehr als 180 Flüchtlinge ins stürmische Meer", teilte am Donnerstag die Internationale Organisation für Migration (IOM) unter Berufung auf Augenzeugen mit. Mindestens 55 von ihnen sind ertrunken, 30 werden vermisst. Ihre Überlebenschancen sind gering. Bereits am Mittwoch hätten die Schlepper 120 Menschen aus ihren Booten ins offene Meer getrieben. 50 seien ertrunken. Es könnte sich um den "Beginn eines neuen Trends" handeln, sagte IOM-Sprecherin Olivia Headon der Nachrichtenagentur Reuters. Die Schlepper hätten dagegen ihre Boote retten und durch das "Tor der Tränen" zurück nach Somalia fahren können, wo Tausende auf die Überfahrt in den Jemen warteten.

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Die meisten der Flüchtlinge gehören der äthiopischen Volksgruppe der Oromo an, gegen die die Regierung in Addis Abeba gnadenlos vorgeht. Die größte ethnische Gruppe in dem ostafrikanischen Land ist nach Erkenntnissen von Amnesty International willkürlichen Verhaftungen ausgesetzt. Es gebe Fälle von Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen. Wie verzweifelt die Oromo sein müssen, zeigt letztendlich auch ihre Bereitschaft, in ein Land zu flüchten, in dem seit mehr als zwei Jahren ein brutaler Bürgerkrieg tobt und mehr als 400 000 Menschen von der Cholera infiziert sind.

111 500 afrikanische Flüchtlinge kamen 2016 in den Jemen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahr waren es nach Schätzungen der UNO knapp 60 000. Die Heimatlosen hoffen auf Arbeit in Saudi-Arabien oder den Emiraten am Persischen Golf. Doch Flüchtlinge aus Bürgerkriegsstaaten wie Syrien, Irak, Somalia oder Jemen sind dort unerwünscht. Als "Gastarbeiter" auf der arabischen Halbinsel verpflichtet werden vor allem Nicht-Muslime aus Indien, Thailand und Sri Lanka. Jemeniten gelten als Unruhestifter, weshalb die meisten Einwohner des ärmsten Land Arabiens lieber in ihrer von arabischen Kampfflugzeugen zerbombten Heimat bleiben, als auf der Flucht ins Ungewisse zu sterben.

Allerdings ist auch die Leidensfähigkeit der Jemeniten begrenzt. Mehr als 5000 ließen sich 2016 von Schleppern nach Somaliland und Djibouti bringen. Eine andere Route führt das Rote Meer in den Sudan und von dort aus auf dem Landweg zur libyschen Mittelmeerküste – aber auch auf dieser Route lauert der Tod.

Autor: Michael Wrase