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11. Januar 2012 00:01 Uhr

Internationaler Gerichtshof

Ein Israeli vertritt den Gaddafi-Clan in Den Haag

Nick Kaufman gehörte zu den Anklägern beim UN-Tribunal gegen Kriegsverbrecher aus Ex-Jugoslawien.Nun vertritt er den Gaddafi-Clan beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

  1. Nick Kaufmann Foto: ddp images / AP

Es hat eine gewisse Pikanterie, dass die Gaddafi-Familie einen israelischen Anwalt angeheuert hat, ihre Interessen am vor dem Internationalen Gerichtshof (ICC) in Den Haag zu vertreten. Vom beruflichen Selbstverständnis her findet Nick Kaufman, Experte für Kriegs- und Menschenrecht, das Mandat allerdings so ungewöhnlich auch wieder nicht. Der Auftrag der Gaddafi-Tochter Aischa, in Den Haag eine Untersuchung der fragwürdigen Todesumstände ihres Vaters Muammar Gaddafi und ihres Bruders Mutassim zu beantragen, "habe doch nichts damit zu tun, dass ich Israeli bin". So viele Anwälte mit ausgiebiger Erfahrung am Internationalen Strafgericht gebe es nun einmal nicht. Nick Kaufman hat nicht nur als Staatsanwalt in Jerusalem gedient. Er gehörte auch zu den Anklägern beim UN-Tribunal gegen Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien. Aischa Gaddafi, selbst Anwältin, war also gut beraten, als sie sich für Nick Kaufman entschied. Aber dass der gestürzte libysche Herrscherclan jetzt ausgerechnet die Dienste eines Rechtsprofis aus Israel in Anspruch nimmt, einem Land, das Gaddafi zu Lebzeiten als illegitim abtat, entbehrt nicht der Ironie.

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Jedenfalls kann sich Kaufman, der seit einem Jahr in Jerusalem eine Privatkanzlei unterhält, vor Interviewwünschen kaum noch retten. Für ihn ist das eine Gelegenheit, die Ungereimtheiten um den Tod Gaddafis ins Licht zu rücken. Gaddafi war am 20. Oktober nach einem Nato-Angriff nahe seiner Heimatstadt Sirte verletzt aus einem Abwassertunnel gezerrt worden. Allem Anschein nach seien Gaddafi und Sohn Mutassim "in höchst horrender Weise ermordet und ihre Leichen anschließend ausgestellt und in völliger Missachtung islamischen Rechts grotesk geschändet worden", heißt es in seinem Antrag an den Internationalen Strafverfolger in Den Haag, Jose Luis Moreno-Ocampo. Die Bilder dieser Verrohung, die um die Welt gingen, hätten seiner Mandantin "schweren emotionalen Stress" zugefügt.

Eine ganze Reihe Fragen, zum Beispiel ob der Gerichtshof einen Obduktionsbericht erhalten habe oder, falls nicht, warum er keine eigene Untersuchung veranlasste, verdienten Aufklärung, sagt Kaufman. Schließlich gelte auch im Fall Gaddafi das Prinzip internationalen Rechts: "Egal, wie schlimm eine Partei gegenüber einer anderen vorgegangen ist, so rechtfertigt das nicht abscheuliches Verhalten im Gegenzug."

Eine erste Antwort aus Den Haag ließ nicht lange auf sich warten. Demnach soll der neuen libyschen Führung bis Mai Zeit gegeben werden, um den von ihr zugesagten Report zum Tod Gaddafis zu liefern. Dann allerdings, fürchtet der israelische Anwalt, wären forensische Beweismittel oder Augenzeugen kaum noch aufzutreiben.

Nick Kaufman vertritt auch den von Interpol wegen Kriegsverbrechen gesuchten Gaddafi-Sohn Saadi, der derzeit in Niger Asyl genießt. Für den Fall, dass es in Den Haag und nicht in Tripolis, wie vom Übergangsrat gewünscht, zum Prozess kommt.

Autor: Inge Günther