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17. Juli 2017

Indien

Ein Unberührbarer als Präsident

In Indien findet heute Wahl des Staatsoberhaupts statt / Hindunationalisten haben beste Chancen.

  1. Kandidat Ram Nath Kovind Foto: AFP

BANGKOK. Wo in Indien ein Dalit auftaucht, findet sich nahebei meist auch ein Supdu, ein beim Saubermachen nützliches Körbchen. Das ist in dem mehr als 300 Räume zählenden Rashtrapati Bhavan, dem einst von den britischen Kolonialherren erbauten Palast, nicht anders, in dem heute der Präsident der größten Demokratie der Welt residiert. Dort wie im Rest des Landes gilt der Korb 70 Jahre nach Unabhängigkeit noch immer als typisches Arbeitswerkzeug der knapp 200 Millionen Dalits, wie Angehörige der früher als Unberührbare bezeichneten untersten Hindu-Kaste heißen.

Am heutigen Montag werden knapp 5000 Wahlmänner des Landes (71 Prozent von ihnen Millionäre und gut 30 Prozent vor Gericht angeklagt) ein neues Staatsoberhaupt bestimmen. Die Wahl haben sie zwischen zwei Unberührbaren: Für die oppositionelle Kongresspartei der Politikerdynastie Gandhis tritt Indiens erste weibliche Parlamentssprecherin Meira Kumarm an, eine Dalit aus Patna im Bundesstaat Bihar. Doch sie kämpft auf verlorenem Posten. Denn der 71-jährige Dalit und Rechtsanwalt Ram Nath Kovind, von der in Delhi regierenden hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) unter Premierminister Narendra Modi aufgestellt, dürfte fast zwei Drittel der Wahlmänner hinter sich vereinen.

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Ein Dalit im Rashtrapati-Bhavan-Palast ist nicht neu für Indien. Schon um die Jahrtausendwende residierte dort mit Kocheril Raman Narayanan ein Angehöriger der verpönten Bevölkerungsgruppe als Staatsoberhaupt. Doch diesmal weitet Hindunationalist Modi mit Nath Kovind nicht nur die Kontrolle seiner Partei über den indischen Staatsapparat aus. Er setzt auch ein wichtiges Symbol im Kampf um die zukünftige Herrschaft durch die BJP.

"Politisch waren die Dalits in der indischen Geschichte noch nie so wichtig wie heute", sagt Menschenrechtsanwalt Ravi Nair vom South Asia Human Rights Documentation Center in der Hauptstadt Delhi. Sie stellen 16,6 Prozent der Bevölkerung. Da die Hindunationalisten mit ihrer anti-islamischen Rhetorik Muslime weitgehend vergrätzt haben, braucht die BJP die Dalits für künftige Wahlsiege – in einer Zeit, in der die Wut der Dalits wächst.

Dafür gibt es viele Gründe: Ein Studentenführer wurde von hindunationalistischen Kommilitonen 2016 an der Universität Delhi in den Selbstmord getrieben. Vier Dalits wurden im Bundesstaat Gujarat, der Heimat von Premier Modi, öffentlich ausgepeitscht, weil sie angeblich mit Kühen gehandelt hatten. Ein landesweites, erst kürzlich vom Obersten Gericht wieder aufgehobenes Verbot der Kuhschlachtung brachte Hunderttausende von Dalits um ihre Jobs. Zudem stampfte die Modi-Regierung an 35 Universitäten die Mittel für Studiencenter ein, die sich um Integrationspolitik kümmerten und in denen viele Dalit-Intellektuelle arbeiteten.

Präsidentschaftskandidat Nath Kovind, der schon in jungen Jahren in ein radikales hindunationalistisches Reichsfreiwilligenkorps eintrat, wirkt daher wie ein Modell-Dalit. Vor sieben Jahren bezeichnete er die Religion des Christentums und des Islams als "fremdartig".

Autor: Willi Germund