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18. August 2017

Ein Unternehmen von Putins Gnaden

Altbundeskanzler Gerhard Schröder will in den Aufsichtsrat des russischen Energiekonzerns Rosneft – der in Deutschland expandiert.

Der russische Staatskonzern Rosneft, bei dem der sozialdemokratische Ex-Kanzler Gerhard Schröder anheuern will, ist riesig, zählt Transparenz nicht zu seinen Stärken und arbeitet wenig effizient. Und er leidet unter den Sanktionen des Westens. Die Bewerbung sei eine private Entscheidung, sagte Schröder. Er äußerte sich am Donnerstag gegenüber der Schweizer Zeitung Blick zu den Beweggründen für seinen voraussichtlichen Einstieg: "Ich bin der Auffassung, dass die Integration Russlands in die Weltwirtschaft und die Integration der Energiewirtschaft Russlands von großer Bedeutung ist." Zudem besitze Rosneft erhebliche Interessen in Deutschland, speziell im Osten.

Schröder hat sehr gute Chancen, am 29. September in den Aufsichtsrat der Ölfirma gewählt zu werden. Nach seine Worten wurde er von Rosneft-Chef Igor Setschin und den internationalen Aktionären des Konzerns angefragt. Das Jobangebot mit einem Bruttojahresgehalt von etwa 500 000 Dollar ist in Deutschland umstritten. Es ist nicht Schröders erster Russland-Posten, seit Ende 2005 sitzt er dem Aktionärsausschuss der Gazprom-Tochter Nord Stream vor. Rosneft gilt neben Gazprom als zweites Standbein der staatlichen russischen Rohstoffexportwirtschaft. Mit täglich geförderten fünf Millionen Barrel sogenannter Rohöleinheiten ist Rosneft zweitgrößter Rohstoffproduzent auf der Welt nach Gazprom.

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Rosneft hat 280 000 Mitarbeiter, mehr als die Bundeswehr Soldaten, und besitzt größere Ölreserven als jedes andere Unternehmen der Welt – geschätzte 37,7 Milliarden Barrel. Firmenchef Setschin ist der vielleicht engste Vertraute von Präsident Wladimir Putin. Wie dieser hat er KGB-Überfahrung, diente ihm als Chefsekretär in der Petersburger Stadtverwaltung und der Moskauer Regierung. "Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins", sagte ein Minister 2004 der Zeitschrift Time. Das Gespann soll dafür gesorgt haben, dass bei der Zerschlagung des Yukos-Konzerns 2004 die Filetstücke der vormals größten russischen Ölfirma bei Rosneft landeten. 2013 erwarb Rosneft den damaligen Branchendritten TNK-BP.

Experten haben ausgerechnet, dass sich Rosneft seit Putins Machtantritt inländische Aktiva im Wert von insgesamt 88 Milliarden angeeignet hat. Der Konzern expandiert auch im Ausland, im Deutschland hat er sich in Raffinerien wie Miro und Bayernoil eingekauft. Setschin selbst verkündete stolz, Rosneft stelle 5000 deutsche Arbeitsplätze sicher. Zuhause aber hat der Konzern mächtig Schulden angehäuft: zum Jahreswechsel insgesamt umgerechnet 62,6 Milliarden Dollar laut dem Fachportal finanz.ru. Das waren 35 Mal mehr als im Jahr 2003. Kritiker werfen Rosneft Vetternwirtschaft und Missmanagement vor.

Schulden, Vetternwirtschaft und westliche Sanktionen

Wer wie viel von Rosneft besitzt, ist nicht ganz klar. Nach offiziellen Angaben gehören 50 Prozent der Aktien der Staatsholding Rosneftegaz, 19,5 Prozent dem britischen Unternehmen BP, weitere 19,5 Prozent verkaufte man im Dezember an ein Konsortium, bestehend aus dem Schweizer Ölhändler Glencore und dem Katarer Investmentfonds QIA. Aber böse Zungen behaupten, die Käufer hätten nur als Strohfirmen gedient, der Verkauf sei der Fake des Jahres, das Aktienpaket insgeheim wieder bei Rosneft gelandet. Oder bei seinen Chefmanagern.

Wie auch Gazprom hat Rosneft kaum eigenen Technologien entwickelt. So engagierte man etwa bei der Erschließung des 1,4 Milliarden Barrel umfassenden Ölfeldes Wankerskoje in Ostsibirien ausländische Ingenieursfirmen. Und man setzt auf Kooperation mit westlichen Rohstoffkonzernen wie ENI, BP und vor allem US-Branchenführer Exxon-Mobil. Rosneft und Exxon-Mobil vereinbarten 2011 eine strategische Partnerschaft, bei der es um schwer erschließbare Ölfunde in der Arktis und dem Schwarzen Meer geht. Setschin und der damalige Exxon-Chef und heutige US-Außenminister Rex Tillerson sollen damals regelmäßig gemeinsam Motorrad gefahren sein. Die Wirtschaftsagentur RBK meldete im Juli, dass Rosneft Exxon jetzt Anteile an Ölreserven auf der Polarinsel Jamal anbietet, die etwa vier Milliarden Dollar wert sein sollen.

Rosneft leidet unter den Sanktionen, die der Westen nach der Krimkrise gegen Russland verhängt hat. Westliche Firmen dürfen weder Technik noch Know-how an russische Rohstoffförderer verkaufen. Soll Schröder im Westen Lobbyarbeit machen? "Ich glaube nicht, dass er Rosneft helfen kann", sagt der Petersburger Wirtschaftsexperte Dmitri Trawin. "Er ist kein Fachmann im Ölgeschäft, weiß auch nicht, wie russische Betriebe funktionieren." Aber es sei möglich, dass er angeheuert wurde, um mit seinen Beziehungen Rosnefts internationale Position zu stärken. Und um vielleicht sogar die Sanktionen zu beenden. "Diese Sanktionen erfüllen ihre Funktionen nur bedingt", sagte Schröder am Donnerstag.

Autor: Stefan Scholl