Einig nur in den Feindbildern

Stefan Brändle

Von Stefan Brändle

Mo, 11. Februar 2019

Ausland

In Frankreich prügeln sich Rechts- und Linksextremisten um die Vorherrschaft bei den Gelbwesten.

PARIS. Bei ihrer 13. Demonstration sind am Samstag in Frankreich landesweit 51 000 regierungs- und systemkritische Gelbwesten auf die Straße gegangen. Es gab dabei mehrere Schlägereien zwischen Rechts- und Linksextremisten; in Lyon gerieten laut Polizei je 100 Vertreter beider Seiten aneinander. Sie versuchten, sich zuerst innerhalb des Demonstrationszugs mit nationalistischen oder antifaschistischen Parolen zu übertönen. Dann trennten sie sich, und es begann eine Massenschlägerei. Anwohner filmten den Straßenkampf zwischen den Männern, die allesamt gelbe Westen trugen. Die Polizei blieb außen vor. Der Polizeipräfekt rief die friedlichen Teilnehmer dazu auf, die Demonstrationen zu verlassen.

Spannungen zwischen Rechts- und Linksextremen hatte es bei Protestumzügen der "gilets jaunes" von Anfang an gegeben. Bisher überwog aber ihr gemeinsames Ziel – der Angriff auf Symbole des Staates und des Reichtums. Nun tritt die direkte Konfrontation zwischen den radikalsten Elementen innerhalb der Bewegung in den Vordergrund. Er könne sich nicht erinnern, eine solche "Verfolgungsjagd zwischen Nationalisten und Antifaschisten" je erlebt zu haben, meinte Extremismusforscher Jean-Yves Camus am Wochenende. Beiden Seiten lieferten sich, so meinte er, einen "Wettbewerb" um die Vorherrschaft an den Samstagsprotesten. Die trotzkistische "Neue antikapitalistische Partei" wirft den rechtsextremen, aus dem Studentenverband GUD hervorgegangenen "Zouaves" vor, sie hätten mehrere ihrer Mitglieder angegriffen und spitalreif geschlagen. Ähnlich tönt es von der Gegenseite zurück.

Antisemitismus und Antiparlamentarismus

Die Gelbwesten-Pionierin Jacline Mouraud warnt davor, die Bewegung sei "von der Ultrarechten und der Ultralinken völlig unterwandert". Wobei die Unterscheidung nicht immer leicht fällt: Die Transparente zeugen von gemeinsamen Feindbildern wie Emmanuel Macron, den Pariser Eliten oder dem "Kapital" – verkörpert durch Macrons früheren Arbeitgeber Rothschild. Unter den brennenden Autos stachen am Samstag die Luxus- und Polizeiwagen hervor. Die Proteste haben deutliche antisemitische und antiparlamentarische Untertöne.

Mehr als 50 Abgeordnete der Macron-Partei La République en Marche (LRM) sind seit Beginn der Gelbwestenproteste Opfer von Drohungen oder Anschlägen auf ihre Büros oder Wohnsitze geworden. Am Freitag wurde auf das Haus von Richard Ferrand ein Brandschlag verübt. Der enge Vertraute Macrons ist derzeit Präsident der Nationalversammlung, weshalb der Anschlag auch Symbolwirkung hat.   Die Rechtsextremistin Marine Le Pen und Linkenchef Jean-Luc Mélenchon verurteilten die Brandstiftung. In den sozialen Medien wurde aber auch applaudiert. Manche sehen sich an den – fehlgeschlagenen – Sturm rechtsextremer Ligen auf die Nationalversammlung im Jahr 1934 erinnert. Denn die Gelbwesten hatten am Samstag auch deren Sitz in Paris zum Ziel. Nur ein harter Polizeieinsatz hielt sie davon ab, die Umzäunungen des Parlamentes einzureißen. Einem Demonstranten wurde dabei die halbe Hand weggerissen, als er eine polizeiliche Blendgranate berührte.