Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. November 2017

Lyon

Ernüchterung beim Parteitag von "En Marche"

"En Marche" hält Parteitag ab.

  LYON.   Wo ist die Euphorie geblieben? Und wo Emmanuel Macron? Noch anfangs des Jahres hatte der französische Präsidentschaftskandidat der Eigenbau-Bewegung "En Marche" in Lyon tausende von Anhängern mitgerissen und ihnen zugerufen: "Ich liebe euch wahnsinnig!"   Jetzt, an diesem kalten Novembertag, sind die Marschierer erneut in der Rhonestadt zusammen gekommen, um über die Zukunft ihrer neuen Partei "La République en Marche" zu diskutieren. Der Präsident ist in Paris geblieben, um sich um das libanesische Politchaos zu kümmern. Aber er hat vorgesorgt.

Die neue Parteiführung hat der Staatschef selber ausgewählt. Die offiziell 750, in Wahrheit weniger Delegierten müssen sie in der schmucklosen und schlecht geheizten  Messehalle am Rande von Lyon nur noch abwinken, und zur Sicherheit unter Ausschluss der Presse. Letztere wird erst zu den abschließenden Debatten zugelassen. Auch der neue Parteichef Christophe Castaner stand vor Kongressbeginn fest: Er ist der einzige Kandidat und wird per Handheben bestätigt, was den Gruppendruck erhöht. In seiner Antrittsrede erklärt Castaner, einer der engsten Macron-Vertrauten, er sei nur ein Animator und "kein Chef". Der Chef, der sitzt im Elysée. Sehr politisch wird der für drei Jahre gewählte Generaldelegierte, wie sich Castaner nennen darf, obwohl er kein Salär bezieht, mitnichten: Der Einsatz "für die Kaufkraft der Bürger" und gegen den Front National steht im Programm jeder besseren Landespartei.  

Werbung


Für Macron ist die Ernüchterung, bisweilen Enttäuschung seiner Anhänger vorerst nicht alarmierend. Bis 2019 stehen keine Wahlen an, und eine schlagkräftige Opposition ist weder links noch rechts in Sicht. Front National-Chefin Marine Le Pen ist schwer angeschlagen. Die Gewerkschaften und die Linke brachten vergangenen Woche in Paris klägliche 8000 Demonstranten gegen Macrons "neoliberale" Wirtschaftspolitik auf die Straße. Und der konservative Gegenpart zum Staatschef, Laurent Wauquiez, überzeugt auch nur die Hälfte der Republikaner. Der frühere Präsidentschaftskandidat Alain Juppé ließ kürzlich durchblicken, er stehe Macron näher als seinem eigenen Parteifreund Wauquiez. Der Staatschef wäre damit seiner Strategie, die gaullistische Sammelbewegung und die Sozialistische Partei systematisch zu spalten und zu zerschlagen, einen Schritt näher gekommen.

Autor: Stefan Brändle