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16. August 2013

Japan

Fukushima setzt Abe unter Druck

Verseuchtes Grundwasser aus dem Unglücks-AKW alarmiert die japanische Regierung / Nippons Strompreise steigen.

Das radioaktiv verseuchte Grundwasser aus der Nuklearruine Fukushima steht Japans Premierminister Shinzo Abe sprichwörtlich bis zum Kinn. Die Hiobsbotschaft, dass täglich bis zu 300 Tonnen nuklear verseuchtes Wasser in den Pazifik fließen, hat nun auch die Politik im bisher stets atomfreundlichen Tokio in Alarm versetzt. "Dringliche Angelegenheit", "unverzüglich substanzielle Schritte" – solche klaren Bekenntnisse sind von Japans neuem Regierungschef bisher eher selten zu hören gewesen.

Zwei Jahre nach der Fukushima-Katastrophe aber schaltet sich der Regierungschef persönlich ein, weil er den Stromkonzern Tepco als hoffnungslos überfordert einschätzt. "Anstatt sich auf Tepco zu verlassen, wird die Regierung jetzt selbst Maßnahmen ergreifen", sagte der Premier. Welche das sind, wann sie eingeleitet werden und wie die Erfolgsaussichten dafür einzuschätzen sind, ließ Abe offen.

Nur eines ist sicher: Atombetreiber Tepco ist weder technisch noch finanziell fähig, die Folgen der Atomhavarie zu beseitigen oder auch nur angemessen zu mildern. Sogar das japanische Atomaufsichtsamt stellte fest, dass Tepco "der Sinn für die Dringlichkeit der gegenwärtigen Krise" fehlt. Wie hilflos das Strommanagement der bedrohlichen Situation entgegentritt, verraten selbst die amtlichen Zahlen. Nach Schätzungen des Tokioter Wirtschaftsministeriums fließen – und das vermutlich schon seit gut zwei Jahren –  täglich rund 300 Tonnen verstrahltes Grundwasser ungehindert ins Meer.

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Ende voriger Woche sah sich Tepco erstmals in der Lage, mit dem Abpumpen der radioaktiv belasteten Flüssigkeit zu beginnen. In den ersten sechs Stunden jedoch wurden lediglich 13 Tonnen abgesaugt, also gerade einmal ein Sechstel der gleichzeitig nachfließenden Menge. Das  Pumpsystem soll nun Schritt für Schritt bis zu einer Leistung von 100 Tonnen pro Tag hochgefahren werden. Wann das geschieht, weiß keiner und Experten bezweifeln, dass das Problem damit lösbar ist. Auch wenn Premier Abe versprach, das ausströmende Wasser auf täglich 60 Tonnen begrenzen zu wollen.

Um das eine oder gar mehrere Lecks im Kühlsystem abdichten zu können, müssten die Ingenieure aber erst einmal die undichten Stellen finden, was bisher noch nicht gelungen ist. Auch dem Regierungschef wird deshalb allmählich klar, dass die "Stabilisierung der Anlage eine extreme Herausforderung wird".  Das wird lange dauern – die Rede ist nun von 40 Jahren, bis alle Schäden beseitigt sind.

Vor allem wird es teuer, die Kosten werden auf mindestens acht Milliarden Euro geschätzt.    Darin noch nicht enthalten ist der jüngste, Milliarden schwere Plan von Abe. Der Premier lässt prüfen, ob sich die Atomruine wasser- und strahlungsfest abschotten lässt. Gedacht ist an eine Technologie, wie sie auch beim U-Bahnbau gegen Grundwassereinbrüche angewendet wird. Allerdings ist dieses Verfahren noch niemals in so großem Stil getestet worden. 

Die Atomkatastrophe zeigt ökonomische Wirkung

Die von Tepco bislang errichteten unterirdischen Barrieren erfüllen diesen Zweck offenbar ganz eindeutig nicht. Man hatte nicht einkalkuliert, dass mittlerweile täglich etwa 400 Tonnen Grundwasser von den umliegenden Hügeln zusätzlich  in das Reaktorgelände eindringen und sich dort mit verseuchtem Kühlwasser vermengen. Um diesen Strom aufzuhalten, war versucht worden, den Boden mit Chemikalien zu erhärten. In der Folge bildeten sich kleine Stauseen, die das Wasser über die künstlichen Barrieren hinweg hoben und ins Meer fließen ließen. Nach bisherigen Erkenntnissen enthält diese Brühe Strontium- und Cäsium-Isotope sowie Tritium. Diese Stoffe gelten als mögliche Verursacher von Leukämie und Knochenkrebs.

Die Regierung steht aber nicht nur deshalb enorm unter Druck. Die Atomkatastrophe von Fukushima zeigt immer mehr auch ökonomische Wirkung. Vor dem Desaster deckte Japan zu einem knappen Drittel seinen Strombedarf aus Nuklearenergie, jetzt sind lediglich noch zwei der rund 50 Reaktoren am Netz. Erst im Sommer 2014 kann Premierminister Abe ungeachtet der Gefahren vier weitere modernisierte Meiler zuschalten lassen. In der Zwischenzeit wird verstärkt auf teure Kohle und Erdgas gesetzt, was nicht nur die Kosten gigantisch in die Höhe treibt, sondern auch die Umwelt belastet.

Der Stromkonzern Tepco etwa, der mit 30 Millionen Japanern fast ein Viertel der Bevölkerung versorgt, verfeuerte im energieintensiven Juni fast doppelt so viel Kohle wie vor einem Jahr. Das ist der höchste Monatsverbrauch seit zehn Jahren. Das spüren die Haushalte an den Strompreisen, die auch schon vor der Atomkrise zu den höchsten der Welt gehörten. Japan treibt erst seit kurzem den Ausbau von Wind- und Solarenergie voran. Damit kann nach Regierungsangaben aber in diesem Jahrzehnt der Ausfall der Atomkraft nicht kompensiert werden.

Autor: Angela Köhler