Im "Herzen der Hölle"

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

Fr, 12. Oktober 2018

Ausland

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das ehemalige Konzentrationslager Chaidari bei Athen.

ATHEN. Über jedem Griechenland-Besuch eines deutschen Bundespräsidenten liegt der dunkle Schatten der Geschichte. Auch wenn es ein strahlender Spätsommermorgen ist wie dieser. Bei Sonnenaufgang brechen Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vom Hotel Grande Bretagne am Athener Syntagmaplatz auf. Ihr Ziel ist die Arbeitervorstadt Chaidari im Nordwesten Athens. Hier beginnt vor der offiziellen Begrüßung durch den griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos die Visite des Bundespräsidenten in Griechenland. Die Fahrt nach Chaidari führt Steinmeier 74 Jahre zurück in die Vergangenheit.

Block 15 heißt das weißgestrichene Gebäude. Es gehört zu einem Kasernenkomplex, der 1943 von den deutschen Besatzern als Haftlager eingerichtet wurde. Mehr als 20 solcher Gefängnisse gab es im besetzten Griechenland, Chaidari war das berüchtigtste. Nahrungsentzug, Zwangsarbeit, Folter, willkürliche Exekutionen – die Griechen sprachen damals von Chaidari als dem "Herz der Hölle". Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchen Chaidari allein. Das Ehepaar legt an der Gedenktafel ein Blumengebinde nieder. Die Presse ist nicht zugelassen. Das nimmt diesem Besuch Publizität– und gibt ihm Bedeutung.

Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg liegt ein Dreivierteljahrhundert zurück. Aber diese Vergangenheit ist immer gegenwärtig, wenn ein deutscher Staatsgast nach Griechenland kommt. Seit Jahrzehnten streiten beide Länder um Reparationen für die Zerstörungen und die Massaker der Besatzer. Im Vorfeld des Steinmeier-Besuchs hatten Regierungschef Alexis Tsipras und Parlamentspräsident Nikos Voutsis das Thema mit Nachdruck zur Sprache gebracht. Bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Steinmeier redet Pavlopoulos am Donnerstag lang und über viele Themen, lobt die "ausgezeichneten bilateralen Beziehungen". Die heikle Reparationsfrage erwähnt er mit keiner Silbe. In seiner Tischrede beim abendlichen Staatsbankett sprach Pavlopoulos das Thema laut offiziellem Redemanuskript zwar an, aber nur kurz.

Auch Tsipras zeigte beim Treffen mit Steinmeier Zurückhaltung. Er sprach von einem "Neubeginn in den griechisch-deutschen Beziehungen". Die Reparationsfrage streifte er nur flüchtig mit dem Hinweis, man dürfe "Differenzen aus der länger zurückliegenden Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren", sondern müsse sie "auf der Basis des Völkerrechts lösen". Das klang fast versöhnlich. Der Bundespräsident erinnerte an die "unvorstellbaren Grausamkeiten", die in Chaidari und andernorts "im Namen meines Landes, Deutschlands begangen worden sind." Er verneige sich vor den Opfern, sagte Steinmeier, "aber vor allem bitten wir um Verzeihung hier in Griechenland für das, was geschehen ist."

Kein deutscher Politiker ist in den vergangenen Jahren so oft in Griechenland gewesen wie Steinmeier. Drei Mal kam er als Außenminister, als Bundespräsident ist es sein zweiter Besuch – ein "Ausdruck der engen Beziehungen", wie er beim Auftritt vor der Presse mit Pavlopoulos sagt, aber auch ein Hinweis darauf, dass es "Potenzial für Verbesserungen in unseren Beziehungen gibt" – eine Anspielung auf das, was Steinmeier keine einfachen Jahre nennt. Die Schuldenkrise hat einen Keil zwischen beide Völker getrieben. Tsipras sprach von der "Notwendigkeit, die acht Jahre der Krise mit ihren Stereotypen, die das Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland vergiftet haben, hinter uns zu lassen". Es wird deutlich: Athen will in den Beziehungen ein neues Kapitel aufschlagen.

Am Freitag fährt Steinmeier mit Pavlopoulos in dessen Heimatstadt Kalamata. Dort besichtigt er die Ausgrabungen von Messini. Aber auch bei diesem Ausflug holt den Bundespräsidenten die dunkle Geschichte ein. Sein Besuch in Kalamata fällt auf ein beziehungsreiches Datum: Am 12. Oktober 1944 verließen die letzten Truppen der Wehrmacht Athen.