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13. September 2017

Irak

In einem Flüchtlingslager wohnen IS-Familien und IS-Opfer eng beieinander

In einem Flüchtlingslager in der Nähe von Mossul wohnen IS-Familien und IS-Opfer eng beieinander.

  1. Flüchtlingslager bei Mossul Foto: dpa

Auf den ersten Blick herrscht im Zeltlager Salamiya, südlich der Stadt Mossul, das ganz normale irakische Flüchtlingselend. In Reihen steht Zelt an Zelt, so weit das Auge reicht. Dazwischen spielen ein paar Kinder auf den staubigen Wegen. Bei 44 Grad Celsius haben sich die meisten in den Schatten ihrer Zelte geflüchtet.

Und doch gibt es hier spezielle Zelte, "Daesh-Familien" werden jene genannt, die darin leben, Familien des IS, des sogenannten Islamischen Staates. Die bestehen fast immer nur aus Frauen und Kindern. Deren Väter, Männer oder Söhne hatten beim IS gearbeitet und sind entweder umgekommen oder wurden gefangen genommen. Nach längeren Verhandlungen mit der Lagerleitung sind einige der Familien schließlich bereit, zu sprechen.

Iman Darwish bittet in ihr Zelt, in dem ihre sieben Kinder auf Matten sitzen. Alles, was die Familie mitnehmen konnte, befindet sich in zwei Taschen in der Ecke des Zeltes. Dazu ein Spirituskocher, ein Topf, ein Teekessel, ein Wasserkanister und eine zerschlissene Schultasche mit einem Micky-Maus-Aufdruck. Sie kämen aus einem Dorf in der Nähe Mossuls, berichtet Iman. Sie trägt ein braun-beiges Kopftuch, ihr Gesicht ist mit einem rosa Tuch bedeckt. Adel, ihr Mann, habe bei der Elektrizitätsgesellschaft gearbeitet. Nachdem der IS in ihr Dorf gekommen sei, habe er vom irakischen Staat keinen Lohn mehr bekommen. Um nicht zu verhungern, habe er beim IS als Koch gearbeitet. Bei einem Bombenangriff sei er ums Leben gekommen. "Er war nie ein IS-Kämpfer", insistiert sie. "Er konnte gar nicht kämpfen, er konnte sich nur mit Mühe bewegen und nichts Schweres schleppen. Er hat einfach nur für den IS gekocht."

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Ein paar Zelte weiter lebt Fawziya Farah mit ihren Kindern. Eine ähnliche Geschichte. Ihr Mann habe bis zur Machtübernahme des IS beim Erziehungsministerium gearbeitet. Was hätte er machen sollen, fragt sie fast flehend. "Er hat das gemacht, damit wir überleben. Er war kein Kämpfer, hatte keine Uniform und keine Waffe. Er hat nie an irgendeiner Schlacht teilgenommen. Er war nur Wächter." Die Geschichten klingen alle ähnlich. "Mein Mann hat niemandem etwas zuleide getan, das kann das Dorf bezeugen. Selbst wenn jemand geraucht hat – das war unter dem IS verboten –, hat er einfach in die andere Richtung gesehen", erzählt sie. Überprüfen lässt sich das alles nicht. Keine der Frauen berichtet, ihr Mann habe im Namen des IS gemordet.

Fawziya möchte mit ihren acht Kindern wieder in ihr Dorf zurück, in ihr Haus. Was mit dem geschehen ist und ob jemand anderes dort wohnt, weiß sie nicht. Niemand aus den IS-Familien darf derzeit zurück. Die Behörden befürchten, dass sie selbst Opfer von Racheaktionen von IS-Opfern werden können. "Wir wissen nicht, was wir mit ihnen machen sollen", sagt einer der Mitarbeiter der Lagerverwaltung, der anonym bleiben möchte. "Zurück in ihre Dörfer können wir sie nicht schicken. Und eigene Dörfer für die IS-Angehörigen zu bauen, wäre auch irgendwie merkwürdig und schafft neue Probleme." Und so leben die Flüchtlinge in dem Lager in einer eigentümlichen Koexistenz zusammen, IS-Familien und IS-Opfer wohnen Zelt an Zelt.

In Fawziyas Zeltgasse etwa lebt auch Aisha Salem mit ihrer Familie – genauer mit dem, was ihr an Familie geblieben ist. "Ich habe meinen Mann verloren, gleich am Anfang, als der IS kam. Er war Dorfvorsteher. Der IS hat ihn mitgenommen und umgebracht", erzählt sie. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche und zeigt das Foto ihres voller Stolz dreinblickenden Mannes. Und dann das seiner Leiche. "Und dann, zehn Tage, bevor uns die irakische Armee befreit hat, haben sie auch noch meinen Sohn mitgenommen." Er habe versucht, sich in das befreite Gebiet durchzuschlagen, wo er sich der irakischen Armee anschließen wollte. Auch er wurde getötet. Aisha Salem bricht in Tränen aus. "Wir werden wohl noch auf absehbare Zeit im Lager bleiben müssen", sagt sie, ihr Haus steht nicht mehr. Zuerst hätten sich IS-Einheiten einquartiert, dann sei es bei einem Luftangriff der Anti-IS-Koalition zerstört worden.

Und wie ist ihr Verhältnis zu ihren Mitbewohnern, denen sie jeden Tag hier im Lager begegnet? "Ich bete jeden Tag zu Gott, dass er sie zur Rechenschaft zieht. Wir wollen keine Blutrache. Aber wir hoffen natürlich, dass die Regierung für Gerechtigkeit sorgt." Eine Vorstellung, wie diese aussehen könnte, haben die Angehörigen der einen Seite so wenig wie die der anderen. Im Moment leben sie alle im gleichen Lagerelend.

Autor: Karim El-Gawhary