In Nussschalen nach England

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Do, 06. Dezember 2018

Ausland

Weil sie die Abschottung Großbritanniens fürchten, wagen Migranten die Fahrt über den Ärmelkanal.

LONDON. Immer mehr Migranten versuchen in diesem Winter, von der französischen Küste nach England überzusetzen, oft in winzigen Booten und unter Lebensgefahr. Geldgierige Menschenschmugglern haben sie zur Eile drängen können – mit dem Argument, mit dem Brexit, der derzeit im Londoner Parlament diskutiert wird, schotte sich Großbritannien bald vom europäischen Kontinent ab.

Vor wenigen Tagen klingelte frühmorgens das Telefon bei der Polizei in Folkestone. Jemand hatte beim Strandspaziergang an der Steilküste über sich Hilferufe von Menschen gehört. Mehrere Kletterer krallten sich an die Kreidefelsen und wussten nicht mehr weiter. Es handelte sich um iranische Migranten, die nachts versucht hatten, nach England einzureisen. Das Schlauchboot, in dem die Iraner über den Ärmelkanal gesetzt hatten , lag noch ziemlich lädiert unten am Strand.

Die ungeübten Kletterer sind nicht die einzigen, die in den vergangenen Wochen auf waghalsige Weise die britische Küste angesteuert haben. Derzeit brechen in Calais immer mehr Migranten in kleinen Booten zur Fahrt nach England auf.   Die allerwenigsten von ihnen schaffen es freilich bis zu den berühmten Felsen. Und nur ein Teil erreicht überhaupt das englische Ufer. Die meisten – in Seenot geraten, verängstigt und halb erfroren – fischt die französische oder britische Küstenwache irgendwo auf dem Ärmelkanal auf.

  Die Beamten der "Border Force" an der Küste von Kent und im Hafenbereich von Dover sehen mit Sorge die vielen schwimmenden Nussschalen: "Ein irres Risiko" gehe ein, wer sich an Bord dieser Gefährte begebe, warnen Grenzwächter, die bereits Kleinkinder aus Booten gerettet haben, in die das Wasser schwappte. Es sei "geradezu ein Wunder, dass an unseren Küsten noch keine Leichen angetrieben worden sind".

Gefährlich ist der Ärmelkanal nicht nur wegen der oft rauen See und des widrigen Wetters in dieser Weltengegend. Die Straße von Dover ist der meistbefahrene Wasserweg der Welt – und die Migranten setzen in ihren winzigen Booten bei Nacht und oft auch bei Nebel über. Den Ärmelkanal auf diese Weise zu überqueren, meinen britische Küstenwächter, das sei, als spaziere man zur Hauptverkehrszeit über die vierspurige Autobahn, die rund um London führt.

Dass sich die Migranten vermehrt für riskante Bootsfahrten entscheiden, führen Experten auf die bessere Abschirmung der Zufahrten zu Fähren und Tunnelzügen in Calais zurück sowie auf die häufigen Aktionen der französischen Polizei gegen illegale Migrantenlager. Menschenschmuggler, die für Tausende Pfund Boote besorgen, suchen zudem den Migranten einzureden, dass sie jetzt schleunigst fahren müssten – bevor im März nächsten Jahres der Brexit alles erschwere. Das falsche Bild einer sich gegen Europa abschottenden Insel verfehlt seine Wirkung nicht.

Politiker wie Charlie Elphicke, der Unterhaus-Abgeordnete für Dover, klagen bereits darüber, dass die Behörden nicht genug unternähmen "gegen diesen frechen Versuch" unerwünschter Ausländer, "in Britannien einzubrechen".Elphicke hört seine Wähler schon über eine "neue Invasion" klagen. Denn bei der Aufnahme von Flüchtlingen und selbst von Flüchtlingskindern hat sich London im Einverständnis mit Politikern wie Elphicke bisher sehr zurückgehalten.