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06. Juli 2012 00:02 Uhr

Untersuchungsbericht

Katastrophe von Fukushima hätte verhindert werden können

Die Katastrophe von Fukushima wäre vermeidbar gewesen, wenn nicht die Betreiberfirma Tepco, die Tokioter Regierung und die staatliche Atomaufsicht geschlampt und gekungelt hätten.

Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsausschuss des japanischen Reichstages am Donnerstag. Der Bericht gleicht einem politischen Todesurteil für die "Elite Japans". Die Katastrophe vom 11. März 2011 sei zwar zunächst von dem Jahrhunderterdbeben und dem Tsunami ausgelöst worden. Dennoch könne der darauf folgende Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi nicht als eine Naturkatastrophe angesehen werden. "Es war viel mehr ein schwerwiegendes Desaster von Menschenhand", so die Experten. Die Zerstörung der Reaktoren und der Kollaps der Kühlsysteme seien vorhersehbar und vermeidbar gewesen.

Regierung, Tepco und die Atomaufsicht hätten von dem Risiko gewusst, dass dieses AKW an der nordöstlichen Pazifikküste Japans nicht den gesetzlichen Sicherheitsanforderungen entspricht.    Es war sogar bekannt, dass Fukushima Daiichi viel zu tief am Meeresrand gebaut wurde, um einem massiven Erdbeben mit nachfolgenden Springwellen von 15 bis 30 Meter Höhe standzuhalten. Die sechs Nuklearmeiler wurden nur zehn Meter über der Küste gebaut, die in den vergangenen Jahrhunderten schon viele Tsunami erlebt hatte, drei davon in den vergangenen 120 Jahren. Man hatte eine Flutwelle nicht erwartet, "und das war der Anfang des Problems", gibt der damalige Regierungschef Naoto Kan heute zu. Der Ex-Premier beklagt nun "Arglosigkeit gegenüber den drohenden Gefahren". Kan resümiert: "Nicht nur die Geräte, sondern unser ganzes System und die Organisation waren unvorbereitet. Alle, die Verantwortung trugen, haben schwere menschliche Fehler gemacht."    

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Die Frage, warum nichts unternommen wurde, beantwortet das japanische Parlament mit dem vernichtenden Urteil: Kungelei. Die Situation habe sich deshalb weiter verschlimmert, weil das Krisenmanagement der Zentralregierung in Tokio und der zuständigen Regionalbehörden versagt habe, heißt es in dem amtlichen Untersuchungsbericht. Weil die Bevölkerung nicht rechtzeitig und wahrheitsgemäß informiert wurde, sei Chaos ausgebrochen. Einwohner wurden in Gebiete evakuiert, die dafür ungeeignet waren, weil sie stärker verstrahlt wurden als die ursprünglichen Heimatorte, resümiert der Parlamentsreport.   

Behörden hielten Informationen zurück

Aber die Aufsichtsbehörde für nukleare und industrielle Sicherheit (Nisa) und das zuständige Ministerium für Wissenschaft und Technik, denen die amerikanischen Messdaten vom Außenamt übermittelt worden waren, blockierten die Weitergabe. Selbst das Amt des Premierministers, das die Evakuierung koordinierte, wurde nicht informiert. Der heutige Wirtschaftsminister Yukio Edano, zur Zeit der Katastrophe japanischer Regierungssprecher, gibt diese Fehlleistung zu und findet es "außerordentlich bedauerlich, nichts davon gewusst zu haben".

  Durch effektivere und durchdachte Maßnahmen hätten die Auswirkungen jedoch deutlich verringert werden können, stellt der Untersuchungsbericht nun lakonisch fest, ohne Details zu nennen. Nicht beantwortet wird die Frage, warum Japan das amerikanische Angebot, rund 200 US-Helikopter zu Löscharbeiten und Evakuierungsmaßnahmen abgelehnt hat. Erklärt wird auch nicht, warum Tepco darauf verzichtet hat, mobile Notstromaggregate, von denen mindestens zwei Dutzend in der Nähe stationiert waren, zur sofortigen Kühlung der Reaktoren einzufliegen. Damit wäre die katastrophale Kernschmelze mit ziemlicher Sicherheit aufzuhalten oder gar zu verhindern gewesen.    Auch das Notfallsystem entpuppte sich als vergleichsweise lächerlich. Drei Feuerwehrfahrzeuge standen für die sechs havarierten Reaktoren bereit, um das kollabierte Notkühlsystem mit frischem Wasser zu versorgen. Eines wurde vom Tsunami mitgerissen, ein anderes steckte in den Trümmern fest. Es gab weder einen zentralen Einsatzstab noch ein unabhängiges Materialdepot oder gar eine Hubschrauberstaffel für eilige Transporte. Die letzte Katastrophenschutzübung für die rund 20 diensthabenden Mitarbeiter lag bereits Jahre zurück. Das organisatorische Chaos führte wie eine Kettenreaktion zu abstrusen Situationen. Weil den Technikern im Moment größter Panik der Strom für die Instrumente im Kontrollraum fehlte, sammelten sie auf dem Firmenparkplatz Autobatterien ein.

   Obwohl Fukushima gezeigt hat, wie gefährlich ein gleichzeitiges Versagen von Technik, Management und Politik ist, startet Japan sein Atomprogramm wieder. Am Donnerstag wurde um sieben Uhr Ortszeit der Reaktor 3 im Atomkraftwerk Oi trotz massiver Bevölkerungsproteste wieder hochgefahren.

Autor: Angela Köhler