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14. September 2017

Keine Grenzen und nur eine Währung

Der Kommissionschef will die EU stärker zusammenwachsen lassen.

  1. Der EU-Kommissionschef will weiter bauen am Haus EU. Foto: dpa

Wochenlang hat Jean-Claude Juncker an seiner Rede zur Lage der Union gefeilt. 80 Prozent der von ihm angekündigten Gesetzesvorschläge liegen bereits auf dem Tisch, mehr als die Hälfte seiner Amtszeit ist vorbei. Knapp zwei Jahre vor der nächsten Europawahl scheint ihm die Zeit reif, um öffentlich darüber nachzudenken, wo es mit Europa hingehen soll. Seine Antwort: Die EU muss sich noch enger zusammenschließen. Doch wie realistisch sind diese Pläne?

Reform der Eurozone
Der wirtschaftliche Aufschwung ist da, lautet die stolze Bilanz knapp zehn Jahre nach Beginn der Finanz- und Eurokrise. Durchschnittlich wächst die gesamte Union um jährlich 2 Prozent, die Eurozone sogar um 2,2 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand in neun Jahren. Allerdings sind noch immer viele Regionen abgehängt, die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa bleibt sehr hoch. Den Chef der Eurogruppe möchte Juncker gleichzeitig zum EU-Kommissar für Währung machen und so das Amt aufwerten. Der Rettungsfonds ESM soll schrittweise zum Europäischen Währungsfonds ausgebaut werden. Im Budget soll die Eurozone eine eigene Haushaltslinie bekommen, der Kommissionschef will aber weder ein eigenes Eurobudget noch ein eigenes Parlament für die Eurozone.

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Gemeinschaftswährung Euro
"Wenn wir wollen, dass der Euro unseren Kontinent mehr eint als spaltet, dann sollte er mehr sein als die Währung einer ausgewählten Ländergruppe" – mit diesem Satz sorgte Juncker für Aufsehen. Allerdings erinnerte er damit nur an das, was in den EU-Verträgen steht und wozu sich jedes neue Mitgliedsland verpflichtet. Bis auf Dänemark und Großbritannien – das im März 2019 aus der EU austreten will – haben sich alle 26 Mitgliedsstaaten offiziell dem Ziel verschrieben, den Euro einzuführen. Wenn das, wie in Schweden oder momentan in Polen, am Willen der Mehrheit scheitert, übt Brüssel aber keinen Druck aus. Schließlich soll die Einheitswährung nicht zur ungeliebten Zwangswährung werden. Neu ist Junckers Idee, den Ländern ohne Euro technische und finanzielle "Heranführungshilfen" anzubieten. Wenn damit eine Art Troika gemeint ist, die sich in Warschau, Budapest oder Prag in den Finanzministerien umschaut, dürfte die Idee dort auf wenig Begeisterung stoßen.

Ein sozialeres Europa
Schon Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron hat den EU-weit liberalisierten Arbeitsmarkt als Jobkiller und Sargträger des europäischen Sozialmodells ausgemacht. Er drängt darauf, die Entsenderichtlinie weiter zu verschärfen, die Entlohnung und Sozialleistungen für Arbeitnehmer im Ausland regelt. Juncker hat die Forderung in seiner Rede aufgegriffen. Das Thema ist ein brisanter Streitpunkt zwischen Ost- und Westeuropa, deren Spaltung der Kommissionspräsident ja gerade überwinden möchte. Osteuropäische Unternehmen können bei Aufträgen punkten, weil sie geringere Löhne zahlen und geringere Sozialabgaben leisten müssen als die Konkurrenz. Müssen sie sich vom ersten Tag des Auftrags an den Tarifverträgen vor Ort orientieren, ist dieser Vorteil weg. Andererseits haben dann heimische Betriebe wieder eine Chance. Im EU-Parlament wird die geplante Reform in den kommenden Monaten für heiße Debatten sorgen, zumal Juncker mit einer europäischen Arbeitsmarktbehörde die Umsetzung kontrollieren und damit in die innerste Zuständigkeit der Nationalstaaten eingreifen will.

Fairer und transparenter Handel
Die EU will sich künftig besser dagegen schützen, dass ausländische Investoren Schlüsselbereiche von Industrie, Energieproduktion und Infrastruktur übernehmen, während deren Regierungen ihre eigenen Märkte strikt gegen Ausländer abschotten. Auch diese Idee stammt vom französischen Präsidenten Macron und hat vor allem China im Visier. Mit Verweis auf das Kanadafreihandelsabkommen Ceta, das kommende Woche provisorisch in Kraft tritt, zeichnet Juncker ein sehr optimistisches Bild der europäischen Handelspolitik. Er hofft, dass die Abkommen mit Japan, Mexiko und anderen südamerikanischen Ländern ebenso während seiner Amtszeit zum Abschluss kommen wie Verhandlungen mit Australien und Neuseeland, die nach seinem Wunsch nun starten sollen. Angesichts der Widerstände gegen das USA-Abkommen TTIP oder gegen Ceta, das deshalb nur in Teilen rechtskräftig ist, scheint dieser Optimismus unangebracht.

Erweiterung
In seiner Amtszeit, das hat Juncker gesagt, werde die EU nicht weiter wachsen. Eine Mitgliedschaft der Türkei sei wegen der rechtsstaatlichen Entwicklung in absehbarer Zeit ausgeschlossen. Die Balkanstaaten jedoch müssten bald aufgenommen werden. Zudem sollen die Schlagbäume zu Bulgarien und Rumänien rasch fallen. Seit Jahren drängen beide Länder in den Schengenraum. Bislang wurde dies abgelehnt, da sie ihre Außengrenze Richtung Ukraine, Schwarzes Meer und Balkan nicht ausreichend kontrollieren.

Autor: Daniela Weingärtner