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03. Januar 2013

Nahost

Keine Mauer durchs Paradies - wie ein palästinensisches Dorf sein Kulturerbe bewahren will

Das palästinensische Dorf Battir kämpft um den ungeteilten Erhalt seiner 2000 Jahre alten Gartenterrassen / Auf der Unesco-Welterbeliste vorgemerkt.

So wie an fast jedem Morgen folgt Oum Aschraf dem Lauf des Wassers. Nach den ersten Winterregen plätschert es besonders munter durch die Steinrinnen. Aber welchen Weg das Rinnsal an welchem Tag und zu welcher Stunde durch die terrassierten Gärten nimmt, ist in einem uralten, ausgetüftelten System festgelegt. Oum Aschraf kennt es in all seinen Verästelungen. Die 62-jährige Palästinenserin gehört einer der acht Familienclans aus Battir an, die sich die Wasserrechte teilen. Sie schiebt den Mantelärmel hoch, um den Pfropfen aus Stofffetzen aus dem Ablauf zur einen Abzweigung zu ziehen und in einen anderen zu stopfen. Noch ein Stein drauf, um die Dichtung zubeschweren. Schon ergießt sich das Bächlein in neue Richtung.

Mehr als zwei Dutzend Mal ändert die Bäuerin den Lauf des Wassers, bis sie mit vor Anstrengung und Kälte geröteten Wangen die Talsenke erreicht. Dort leitet ein Rohr das Wasser unter den Bahngleisen durch. Flink überquert sie die Schienen, um ihre frisch gepflanzten Orangenbaumsetzlinge auf der anderen Seite zu fluten. Werden ihr die Finger nicht langsam steif vom kalten Wasser? "Ach was", winkt Oum Aschraf ab, "ich bin das gewohnt." Es klingt stolz. In Battir wächst jedes Kind zwischen den Bewässerungskanälen auf und das seit Menschengedenken. Das Aquädukt stammt aus römischer Zeit und ist mindestens 2000 Jahre alt. Es macht Arbeit, ist aber zugleich ein Quell des Vergnügens. Die Hauptzisterne dient den Kindern aus dem Dorf im Sommer als Becken, in das sie springen.

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Doch die Idylle ist bedroht. Durch die einmalige, weitgehend intakte Kulturlandschaft will Israels Regierung einen mehrere Meter hohen, 500 Meter langen Sicherheitswall ziehen, und zwar entlang der alten, unter ottomanischer Herrschaft gebauten Bahnlinie. Im Abschnitt Battir soll damit eine der letzten Lücken der Sperranlage geschlossen werden, die sich durchs Westjordanland windet.

Die Bauern von Battir verlören ein Gutteil ihrer Lebensgrundlage. Auf die Versprechen israelischer Militärs, ihnen zu bestimmten Zeiten Zugang zu den Feldern jenseits der Mauer zu verschaffen, gibt Oum Aschraf wenig. "Das Wasser läuft viel zu schnell durch die Kanäle, als dass wir warten können, bis die Israelis ein Tor öffnen", winkt sie ab.

Ihre größte Hoffnung setzen die Menschen aus Battir auf das Oberste Gericht im 14 Kilometer entfernten Jerusalem. Die beiden Petitionen, die sie und die Umweltschützer von "Friends of the Earth in the Middle East" (FOEME) gegen die Mauerbaupläne eingereicht haben, ließen die Richter nicht unbeeindruckt. Nach ausführlicher Anhörung ordneten sie jüngst an, den Verlauf der Route zu überdenken und binnen 90 Tagen Alternativen vorzulegen. Unerwartete Schützenhilfe erhielt Battir auch von der israelischen Natur- und Nationalpark-Behörde. Die von einem Offizier vor Gericht vorgetragenen Sicherheitsbedenken wischte der staatliche Naturschützer glatt beiseite. 2005 habe man noch angesichts der damaligen gespannten Lage Umweltbedenken zurückgestellt. Aber da die Barriere immer noch nicht gebaut sei, könne man keine Dringlichkeit mehr erkennen. Zumal "aus öffentlichem Interesse ein Schutz dieses besonderen und wertvollen Gebiets" geboten sei.

Es bestehen gute Chancen, dass die UNESCO das ähnlich sieht und die Gartenterrassen von Battir, einem der ältesten palästinensischen Dörfer, zum Weltkulturerbe erklärt. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen hat sie bereits auf ihrer Liste vorgemerkt. Alle UNESCO-Experten, die bislang vor Ort waren, zeigten sich höchst angetan. Im Januar soll der endgültige Antrag der palästinensischen Autonomieführung eingereicht und im Juni entschieden werden.

Vorerst schwanken die 5000 Einwohner von Battir zwischen Sorgen und hochfliegenden Plänen. Als potenzielles UNESCO-Dorf winken ganz neue Einnahmequellen. "Ökotourismus bringt zehn mal mehr als Landwirtschaft", meint Mohammed Obidallah, Projektleiter der palästinensischen Sektion von FOEME (es gibt auch eine israelische und eine jordanische). 3,6 Millionen Dollar hat die Weltbank bereitgestellt, um die Wasserreservoirs zu erneuern und das alte Gestein der verzweigten, zehn Kilometer Wasserrinnen freizulegen. Ein erstes Gästehaus ist fertig, ein Ökomuseum in Planung. Aber der eigentliche Reiz besteht darin, durch diesen Garten Eden zu wandern, in dem im Sommer pralle Auberginen, Tomaten, scharfe Paprika und Zucchini reifen und im Winter Blumenkohl, Sellerie und Spinat. Nicht umsonst nennen die Besitzer ihre Parzellen "Paradiese".

Dass sie daraus nicht längst vertrieben worden sind, ist Hassan Mustafa zu verdanken. 1949 vereinbarte er mit dem späteren israelischen Verteidigungsminister Mosche Dajan, dass die Bauern von Battir die Felder jenseits der Bahntrasse, im sogenannten Niemandsland, weiterbewirtschaften dürften. Im Gegenzug versprach er Dajan, der Zug von Tel Aviv nach Jerusalem werde Battir stets sicher passieren.

Autor: Inge Günther