Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
05. Februar 2009
Lernen und helfen in der Fremde
Das Programm "Weltwärts" unterstützt Jugendliche, die in Entwicklungsländern arbeiten / Deutschland zahlt 25 Millionen Euro
FREIBURG. Abenteuerlust und der Wunsch, Menschen zu helfen: Das sind Gründe, warum alljährlich Jugendliche aus Deutschland in Entwicklungsländern Hilfsdienste leisten. Seit dem 1. Januar 2008 können sie das im Rahmen des Programms "Weltwärts" tun, das das Ministerium für Entwicklungshilfe ins Leben gerufen hat. Die Bilanz sieht nach einem Jahr gut aus. Doch es gibt auch Kritik.
2100 junge Deutsche haben 2008 ein freiwilliges entwicklungspolitisches Jahr in Afrika, Asien oder Lateinamerika absolviert. Sie arbeiten für 186 deutsche Organisationen und Körperschaften, die in der Entwicklungspolitik tätig sind. Dazu zählen zum Beispiel der Deutsche Entwicklungsdienst (DED), der Naturschutzbund Deutschland, evangelische und katholische Missionswerke. Auch das Erzbischöfliche Seelsorgeamt in Freiburg hat im Rahmen von Weltwärts 13 Jugendliche nach Peru entsandt. Die jungen Helfer aus Deutschland arbeiten zum Beispiel in Hilfsprojekten für Straßenkinder.Wer an dem Programm teilnehmen will, muss zwischen 18 und 28 Jahre alt sein. Haupt- und Realschüler müssen eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Jugendliche mit Fachhochschul- oder Hochschulreife brauchen keine weiteren Qualifikationen. "Aber die Jugendlichen müssen auch eine Sprache des Gastlandes sprechen", sagt Michael Rodiger-Leipholz vom Erzbischöflichen Seelsorgeamt.
Werbung
Schon seit mehr als 20 Jahren schickt das Seelsorgeamt Jugendliche nach Südamerika, doch erst seit diesem Jahr mit staatlicher Unterstützung. Etwa 850 Euro pro Monat kostet die Kirche die Entsendung. 580 Euro davon zahlt nun das Entwicklungsministerium. Ein Großteil des Geldes geht für Kost und Logis an die Gastfamilien. Zudem werden davon Seminare bezahlt sowie die Visa- und Reisekosten übernommen. Nur 100 Euro erhalten die Jugendlichen als Taschengeld.
25 Millionen Euro hat das Entwicklungsministerium im vergangenen Jahr für das Weltwärts-Programm ausgegeben. In Zukunft soll es sogar noch mehr werden: Anvisiert sind 70 Millionen Euro pro Jahr. 10 000 Jugendliche sollen damit in die weite Welt hinausgeschickt werden. "Die Nachfrage ist riesig", sagt Hans-Peter Baur vom Entwicklungsministerium. Auf die 2100 Plätze in diesem Jahr haben sich 10 000 junge Leute beworben.
Die Freiburgerin Claudia Debes arbeitete vor zwei Jahren in Peru in einem Kindergarten für Kinder von Hausmädchen – im Namen des Erzbischöflichen Seelsorgeamts, aber noch nicht im Rahmen des Weltwärts-Programms. Sie will diese Zeit nicht missen. "Die Herzlichkeit und Offenheit der Peruaner hat mich beeindruckt", sagt sie. Von Arbeitskollegen und ihrer Gastfamilie sei sie sofort wie eine Freundin aufgenommen worden. "In Deutschland wäre das nicht ganz so." Im Kindergarten arbeitete sie neben den Erzieherinnen als Hilfskraft: Sie fütterte die Babys, spielte mit den Größeren. "Die Kinder dort müssen viel mehr stillsitzen als bei uns. In Peru habe ich zu schätzen gelernt, dass wir in Deutschland viel freier leben." So gerne sie die Gastfamilie mochte, einfach abends weggehen konnte die Freiburgerin nicht. "Das machen auch die eigenen Kinder nicht. Die sind dort viel mehr der Kontrolle ihrer Familien unterworfen." "Wer von uns nach Peru geschickt wird, muss bereit sein, sich in einer fremden Kultur durchzubeißen", sagt Rodiger-Leipholz.
Bevor das Seelsorgeamt sich für einen Jugendlichen entscheidet, werden die Bewerber sehr genau geprüft: "Wir brauchen niemanden mit Helfersyndrom. Genauso wenig aber auch solche, die nur was Tolles erleben wollen oder es nur machen, weil die Eltern das so wollen." Mit der Zeit gewinne man einen Blick dafür, wer psychisch gesund und stabil genug sei, ein Jahr lang in eine fremde Welt einzutauchen. Claudia Debes zum Beispiel hatte so gut wie keine Kontakte zu anderen Deutschen. Nur während der begleitenden Seminare traf sie Ihresgleichen. Die Zahl der frühzeitigen Rückkehrer spricht für das Erzbischöfliche Seelsorgeamt: In den vergangenen acht Jahren gab es nur einen Jugendlichen, der nach Hause wollte. Auch Weltwärts hat gute Erfahrungen gemacht: Die Abbrecherquote liegt im ersten Jahr bei nur 1,5 Prozent.
Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung warf dem Entwicklungsministerium vor, billige Entwicklungshelfer gewinnen zu wollen. Die Jugendlichen seien jedoch aufgrund ihrer mangelnden Ausbildung und Erfahrung unfähig, zu helfen. "Es wäre arrogant zu glauben, dass junge Leute ohne große Ausbildung professionelle Helfer sind", sagt Rodiger-Leipolz. "Unser Dienst ist kein Lehr-, sondern ein Lerndienst." Entwicklungshelfer könnten die jungen Leuten auf gar keinen Fall ersetzen. Das sagen auch alle anderen angesprochenen Organisationen. Beide Seiten sollen vielmehr Einblick in die Kultur und Arbeitsweise des anderen bekommen.
Trotz der guten Ergebnisse gibt es Organisationen, die keine Jugendlichen im Rahmen von Weltwärts beschäftigen. Caritas International in Freiburg zum Beispiel. Das Hilfswerk arbeitet viel in Krisenregionen, etwa in Afghanistan. In Länder, die vom Auswärtigen Amt als gefährlich eingestuft werden, dürfen keine jungen Weltwärts-Helfer entsandt werden.
Autor: Annemarie Rösch


