Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
25. April 2009
Solaranlage für das Kinderheim Naya Jeevan
In dem indischen Kinderheim Naya Jeevan, das die BZ-Leser seit Jahren unterstützen, hat sich viel getan. Die größten Veränderungen sind die Solaranlage und die Pläne für ein neues Kinderhaus. BZ-Redakteurin Frauke Wolter hat das Heim besucht.
Man kann nachts die Schlangen rechtzeitig sehen! Ich kann lesen, wenn es dunkel ist! Ich finde meine Sachen schneller!" Die rund 50 Mädchen sprechen und rufen alle aufgeregt durcheinander. Gut erinnern sie sich an die Nacht vor ein paar Wochen, als die ersten acht Solarlampen an den Wegen von Naya Jeevan angingen. Endlich Licht! Endlich nicht mehr abhängig sein von der öffentlichen Stromversorgung, die das Kinderheim in schöner Regelmäßigkeit ins Dunkel versinken ließ. "Die Mädchen haben mit ihren Büchern unter den Lampen gestanden", erinnert sich Schwester Priya, die neue Leiterin von Naya Jeevan, an den ersten Abend. "Jetzt ist das fehlende Licht jedenfalls keine Entschuldigung mehr für schlechte Noten!"
Jahrelang konnten die Kinder von Naya Jeevan ihre Hausaufgaben am Abend nur im schwachen Schein von Petroleumlampen machen. Jetzt, da der Gundelfinger Verein "Wasser ist Leben" rund 30 000 Euro Spendengelder in eine Solaranlage investiert hat, hat sich das Leben der insgesamt 350 Kinder schlagartig geändert. Die acht Straßenlampen bringen nachts zwölf Stunden Licht; hinzu kommen für die vier Häuser der Anlage zehn Außen- und 114 Innenleuchten. Letztere sollen zunächst vier Stunden täglich Licht spenden. Kühlschränke oder Ventilatoren hängen allerdings weiterhin am öffentlichen Stromnetz. Ein wenig Bedenken haben die "Helpers of Mary" noch wegen des anstehenden Monsuns. Sind die Blitze gefährlich? Wird die Solaranlage auch dann genug Strom spenden?
Werbung
Sie wird, sagt der indische Großkonzern Tata. Er hat viel Erfahrung mit Solartechnik und die Anlage in Naya Jeevan installiert. Tata gab dabei nicht nur einen finanziellen Nachlass für karitative Einrichtungen, sondern schickte auch für eine Woche Fachleute nach Assangaon nahe Mumbai. Das ist wichtig, denn gerade im Bausektor wird in Indien häufig geschummelt, wissen die Schwestern zu berichten. So haben sie auch für den Abriss und Neubau des Kinderhauses "Shanti Sadan" Fachleute verpflichtet, die sie seit längerem kennen: "Es kann sonst sein, dass einem zum Beispiel gestreckter Zement verkauft wird, und dann fällt das Haus nach ein paar Jahren zusammen."
Und nicht nur das: Zunehmend schwer wird es, preisgünstiges Baumaterial zu bekommen. Die Wirtschaftskrise hat auch Indien im Griff: Auf vielen Baustellen in Mumbai ruht die Arbeit, die Lebensmittelpreise steigen, der Diesel ist teurer geworden. Tausende indische Hilfsarbeiter kommen derzeit zurück aus den arabischen Emiraten, von wo sie jahrelang Geld nach Hause schicken konnten. Das fehlt den Familien in den Slums jetzt für nahrhaftes Essen, für Wasser und die Hygiene. Eine Folge ist, dass sich die Krankheit Lepra nun doch wieder ausbreitet, berichten die Schwestern. Auch deshalb wird das neue Wohnhaus in Naya Jeevan weiterhin zuallererst Kinder aus leprösen Familien aufnehmen. Langfristig allerdings soll "Shanti Sadan" ein Hospiz für an Aids erkrankte Kinder werden. Dazu wird in dem Neubau vorsorglich ein Krankenzimmer eingerichtet. Die Gesamtkosten für das Haus betragen rund 117 800 Euro; die ersten 50 000 Euro hat "Wasser ist Leben" im April überwiesen.
Neben Lepra grassieren in Indiens Armenvierteln insbesondere Tbc und Aids. Drei aidsinfizierte Kinder wurden in Naya Jeevan neu aufgenommen. Sie werden dort gut versorgt, erhalten ärztliche Betreuung und – wenn nötig – Medikamente. 2008 sei keines der 42 Aidskinder gestorben, sagen die Schwestern stolz. Probleme machen ihnen aber die Jungen. "Naya Jeevan" ist eine Einrichtung nur für Mädchen, aber natürlich wird kein hilfsbedürftiges Kleinkind abgewiesen. So leben inzwischen elf Jungen im Aidshaus "Ish Kripa". Die kommen allmählich in die Pubertät – und was dann? Kaum ein Hilfswerk nimmt an Aids erkrankte männliche Teenager auf, weiß Schwester Priya. Zu groß sei die Angst, sich zum Beispiel bei Raufereien zu verletzen und zu infizieren.
Akshay ist mit 14 Jahren das älteste Aidskind in Naya Jeevan; er will später Klempner werden. Den Wunsch hat er, seitdem er endlich in die Schule gehen kann. Weil die öffentlichen Schulen keine infizierten Kinder aufnehmen, gibt es auf dem Gelände von Naya Jeevan nun drei Räume, in denen examinierte Lehrer unterrichten. Die Schwestern haben den Kindern Schuluniformen nähen lassen und ein Ritual eingeführt: Einmal um das Wohnhaus herum und dann zur Schule gehen – so wird ein wenig Normalität simuliert. Denn die Aidskinder wollen leben – und lernen wie andere Kinder auch.
Autor: Frauke Wolter


