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27. September 2010

Nordkorea: Gerüchte, Propaganda und Dementis

Ist um Kim Jong-ils Nachfolge in Nordkorea ein Machtkampf entbrannt?

Angaben über Nordkorea sind ohne Gewähr. Auf jede richtige Meldung kommen zwei falsche, heißt es unter Experten. Schließlich hat das Ausland zu Pjöngjangs Nomenklatura so gut wie keine direkten Verbindungen, und angesichts des anhaltenden Kriegszustands mit Südkorea wird das politische Spiel mit Informationen und Desinformationen so lebhaft betrieben wie einst im Kalten Krieg.

Obwohl die Nordkoreabeobachter in den vergangenen Wochen mehrfach falsch gelegen haben, glauben sie nun, wieder einen Treffer zu haben: Kommende Woche will Diktator Kim Jong-il seinen jüngsten Sohn Kim Jong-un zum Machterben küren, heißt es übereinstimmend. Nordkoreanischen Medien zufolge will die Arbeiterpartei am Dienstag die größte Versammlung seit drei Jahrzehnten abhalten. Eine Nachfolgeregelung für den kranken Tyrannen gilt seit Jahren als überfällig, und beim letzten vergleichbaren Parteikongress im Jahr 1980 war Kim Jong-il selbst von seinem Vater Kim Il-sung als künftiger Regent installiert worden.

Ursprünglich war das Parteikonklave für die erste Septemberhälfte angesetzt gewesen. Noch Ende August hatte Kim Jong-il den Termin gegenüber Chinas Präsident Hu Jintao bestätigt. Nordkoreas Parteipropaganda stimmte das Volk auf ein Großereignis ein. Tagelang mutmaßte das Ausland, die Versammlung könne in aller Heimlichkeit begonnen haben und die Präsentation des neuen Herrschers stehe bevor – bis sich herausstellte, dass die Nordkoreaner den naheliegenden Termin, das 62. Gründungsjubiläum der Demokratischen Volksrepublik am 9. September, hatten verstreichen lassen.

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Über den Grund für die Verspätung gibt es Spekulationen. Japanische Medien wollen erfahren haben, dass Parteichef Kim Jong-il zu krank gewesen sei, um der Tagung vorzusitzen. Auch die offizielle Andeutung, dass die ursprünglich für mehrere Tage angesetzte Versammlung am kommenden Dienstag in nur einem Tag abgehalten werden soll, könnte auf schwere gesundheitliche Probleme hindeuten. Der 68-Jährige soll im August 2008 einen Schlaganfall erlitten haben.

Andere glauben, dass politische Grabenkämpfe die Einhaltung des Termins unmöglich gemacht hätten. Demnach soll Kims jüngere Schwester Kim Kyong-hui Machtansprüche angemeldet haben. Die 64-Jährige hatte hohe Parteiämter inne und galt gemeinsam mit ihrem Mann Chang Song-taek als Vertraute des "Geliebten Führers". Viele Beobachter gehen trotzdem davon aus, dass Chang, der in der Nationalen Verteidigungskommission Kim Jong-ils Stellvertreter ist, dem jungen Kim als Mentor dienen soll.

Die Terminverschiebung könnte aber auch praktische Gründe haben. So wurde Nordkorea Ende August von Überschwemmungen heimgesucht, deren Bewältigung die Kräfte der Verwaltung gebunden haben könnten. Zweifel an dem Zweck des Parteikongresses brachte Chinas Regierungschef Wen Jiabao auf, als er bei einem Treffen mit dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter sagte, bei den Nachfolgespekulationen handle es sich um Gerüchte aus dem Westen. Dabei galt bisher die Annahme, Kims überraschende Chinareise Ende August habe die Absicht gehabt, Chinas Zustimmung über die Nachfolgeregelung einzuholen.

So oder so soll sich der Kongress sicherlich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Immerhin wurde schon vorher das Kabinett umgebildet, wie Nordkoreas Staatsmedien verkündeten. Der erste stellvertretende Außenminister Kang Sok Ju, 71, der Nordkoreas provokativen Kurs gegenüber dem Ausland maßgeblich gesteuert haben soll, wurde zum stellvertretenden Ministerpräsidenten befördert, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur KCNA. Kangs Posten übernimmt Atom-Chefunterhändler Kim Kye Gwan.

Gegenüber dem Ausland sendet Nordkorea im Vorfeld gemischte Signale. Einerseits bemüht sich Pjöngjang um eine Annäherung an Südkorea. So soll es Zusammenführungen von Familien geben, die durch den Koreakrieg vor 60 Jahren getrennt wurden. Andererseits plant Nordkorea angeblich Maßnahmen, um den Ablauf des G20-Treffens im November in Seoul verhindern. Die USA und Südkorea wollen ihrerseits keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie sich von Pjöngjangs Drohungen nicht beeindrucken lassen. Von Montag an wollen sie ein fünftägiges Anti-U-Boot-Manöver abhalten, an dem zehn Schiffe und 1700 Soldaten teilnehmen sollen. Die Übung ist eine Reaktion auf den Untergang der südkoreanischen Korvette Cheonan, die im März anscheinend von einem nordkoreanischen Torpedo abgeschossen wurde.

Autor: Bernhard Bartsch