Opposition im Kongo gewinnt

Johannes Dieterich und epd

Von Johannes Dieterich & epd

Fr, 11. Januar 2019

Ausland

Ob es zum friedlichen Machtwechsel kommt, ist ungewiss – zu viele zweifeln am Wahlergebnis.

KINSHASA/JOHANNESBURG. Damit hatte keiner gerechnet. Als der Chef der kongolesischen Wahlkommission, Corneille Nangaa, am frühen Donnerstagmorgen in Kinshasa vor die Mikrofone trat, warteten Dutzende von Journalisten gespannt darauf, ob er nun den von der Regierung ins Rennen geschickte Emmanuel Shadary oder den oppositionellen Favoriten Martin Fayulu zum Wahlsieger erklären würde. Als aber der Name Félix Tshisekedi über seine Lippen kam, herrschte zunächst ungläubige Stille.

Unabhängigen Umfragen und einer Erhebung von 40 000 kirchlichen Wahlbeobachtern zufolge hatte der 55-jährige Tshisekedi (wie Shadary) nur mit gut 20 Prozent der Stimmen rechnen können. Doch Kommissionschef Nangaa sprach ihm mehr als sieben Millionen – rund 38,6 Prozent – aller abgegebenen Stimmen zu. Fayulu soll von 34,8 Prozent der Wähler unterstützt worden sein, während Shadary mit knapp 24 Prozent erwartungsgemäß weit abgeschlagen war.

Keine Stunde verging, bevor dieses Ergebnis angezweifelt wurde: Das kongolesische Volk werde diesen "Schwindel" nicht anerkennen, schäumte Oppositionschef Fayulu. "Wir wollen die Wahrheit und keinen Hinterzimmer-Deal." Trotz ihrer Überraschung war Beobachtern des Riesenreichs im Herzen Afrikas schnell klar, was sich in den vergangenen Tagen in Kinshasa abgespielt haben muss. Die Regierung um den scheidenden Joseph Kabila hatte wohl erkannt, dass es zu Unruhen, womöglich zu einem Blutbad kommen könnte, falls sie ihrem Kandidaten Shadary den Sieg zuschreiben würde. Doch Fayulu gewinnen zu lassen, kam wegen dessen Feindseligkeit gegenüber der regierenden Kabila-Clique nicht in Frage. Dagegen war vom Chef der oppositionellen "Union Pour La Democratie Et Le Progres Social" (UPDS) Tshisekedi eine konziliantere Gangart zu erwarten. Vor allem, da dieser seinen umstrittenen Wahlsieg nun dem Einfluss Kabilas zu verdanken hat. Tshisekedi hatte sich Anfang dieser Woche auch mit Kabila getroffen: Angeblich, um einen sanften Übergang in dem Staat zu vereinbaren, der noch nie in seiner Geschichte einen demokratischen Regierungswechsel erlebt hat. Für die Opposition galt Tshisekedi allerdings bereits zuvor als Verräter, weil er Ende November aus der Allianz der Opposition hinter Fayulu ausgeschert war.

Bei der Stimmabgabe selbst kam es nach dem Urteil unabhängiger Beobachter zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten: Wahlurnen blieben unversiegelt, die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale wurden meist nicht, wie vorgeschrieben, vor Ort veröffentlicht. Schließlich ließ die Wahlkommission die Abstimmung in drei Hochburgen der Opposition auf März verschieben: Davon betroffen sind 1,2 Millionen Wähler, die für Fayulu den Sieg hätten bedeuten können.

Doch nicht nur Fayulu selbst zweifelt das Ergebnis an, auch die katholische Bischofskonferenz hat einen anderen Sieger ermittelt. Damit wächst die Angst vor gewaltsamen Unruhen in dem Land von der Größe Mitteleuropas. In der Provinzhauptstadt Kikwit erschossen Polizisten nach Berichten des französischen Auslandssender RFI mindestens zwei randalierende Anhänger Fayulus. In der Hauptstadt Kinshasa prallten Anhänger beider Oppositionsparteien aufeinander, auch aus Kisangani werden Unruhen gemeldet. In den Hochburgen Tshisekedis wurde dagegen gefeiert. Die Bischofskonferenz rief die Anhänger aller Parteien auf, Ruhe zu bewahren und auf Gewalt zu verzichten. Jeder zweite Kongolese ist Katholik, ob die Macht der Kirchenführer ausreicht, ist dennoch ungewiss.