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30. Juni 2012
Party unter der Plastikpalme
Polen hat sich als EM-Gastgeber von seiner besten Seite gezeigt – in der Ukraine hingegen herrscht trotz Finale Katerstimmung.
In der Jerusalem-Allee, im Herzen von Warschau, steht eine 15 Meter hohe Palme. Der Baum ist nicht echt, sondern ein Kunstwerk. Über die Jahre hinweg hat er schon viele seiner Plastikblätter verloren. Und doch verströmt die Warschauer Palme an schönen Tagen südländisches Flair.
So ist es auch an diesem Morgen danach. Nach dieser azurblauen Nacht in der polnischen Hauptstadt, die dem 2:1 der Italiener gegen Deutschland folgte. Ein lauer Luftzug weht von der nahen Weichsel herüber. Am Horizont, auf dem anderen Flussufer, leuchtet in Rot und Weiß das Nationalstadion. Es steht dort, als sei es in froher Erwartung weiterer Spiele. Und auch vor der Palme türmt sich noch immer ein überdimensionierter EM-Ball auf. Wann die symbolische Riesenkugel wieder verschwindet, weiß niemand – zumindest von den Passanten. "Sollen sie den Ball ruhig hierlassen", sagt eine junge Frau und lacht. "Dann haben wir künftig zwei Kunstwerke in der Jerusalem-Allee."
Von Katerstimmung ist in Warschau an diesem Sommermorgen nichts zu spüren. Dabei ist das Spiel aus. Die Europameisterschaft ist für Polen vorbei. Das große Finale steigt zwar erst am Sonntag, aber eben in Kiew. Dennoch wirken die Warschauer zufrieden mit sich und der Welt. Sie haben mit ihren Gästen gefeiert, ausgelassener und herzlicher als die Fans in allen anderen Spielorten dieser EM. Die Hooligan-Schlägereien zwischen Polen und Russen sind längst verdrängt und vergessen. Alles ist gut.
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Land von Präsident
Janukowitsch
Da ist sie wieder, die Warschauer EM-Stimmung dieser Wochen. Fast alle Gesichter sind in dieser Nacht bemalt, viele mit deutschen, italienischen und polnischen Farben zugleich. Alles ist bunt, auch die Mischung der Nationen. Ein Mann flucht auf Bayerisch, trägt aber ein Trikot der Tifosi. Japaner filmen ihn mit dem Smartphone. Eine Polin lächelt schüchtern einen Italiener an. Die beiden fühlen sich sichtbar schon jetzt als Sieger dieser EM.
Sie haben dazu allen Grund. Italien steht im Endspiel. Polen hat in Europa durch die gelungene Organisation des Turniers, an dem es im Vorfeld so viel Kritik gab, an Ansehen gewonnen. Und Warschau hat sich in die Herzen seiner Gäste gefeiert.
Später in der U-Bahn, als sich die azurblaue Nacht dem Ende zuneigt, steht da ein Mann mit einem rot-weißen Polska-Hut und einem schwarz-rot-goldenen Umhang. "Ich kann diesen Balotelli nicht ausstehen", sagt er auf Englisch. "I can’t stand it!", wiederholt er. Er ist Pole. Und er ist davon überzeugt, die deutschen Fans im Zug trösten zu müssen. Mario Balotelli hat die beiden Tore gegen Deutschland geschossen. Die Nachbarn dies- und jenseits der Oder sind sich näher gekommen bei dieser Europameisterschaft.
Die Italiener ziehen nun weiter nach Kiew, zum Finale gegen Spanien. Die ukrainische Hauptstadt schwankt zwischen freudiger Erwartung und Frustration. Die Kiew Post zeigt an diesem Morgen auf dem Titelblatt Bilder von jubelnden südländischen Fans und Spielern. In der Stadt aber ist es "noch ziemlich tot", wie Daria Ignatenko berichtet. Die 23-Jährige arbeitet für die Zeitung Kommersant und erklärt: "Wir haben ein langes freies Wochenende wegen des ukrainischen Verfassungstages. Es ist fast ein bisschen langweilig hier." Ignatenko hofft auf die Fans aus Italien und Spanien, die "wahrscheinlich erst kurzfristig anreisen".
Und doch vermitteln die Berichte aus Kiew vor dem Finale eine Art vorbeugende Katerstimmung. Die Ungewissheit ist groß, wie es in dem politisch und wirtschaftlich so arg gebeutelten Land nach dieser EM weitergehen wird. "Wahrscheinlich wursteln wir uns noch drei Jahre durch, bis zur Präsidentenwahl 2015", sagt Ignatenko. Doch geht das? Da sind die ausufernden Staatsschulden. Und da ist der Fall der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Die EU hat deshalb die Annäherung an die Ukraine vorerst gestoppt.
Immerhin bleibt Kiew zum EM-Endspiel ein diplomatisches Dilemma erspart. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nicht zum Finale fahren. Viel war spekuliert worden über ein Zusammentreffen mit dem autoritär regierenden ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Nun sind die Deutschen ausgeschieden. Auf der Ehrentribüne werden Italiener und Spanier Platz nehmen. "Das Turnier hat unsere Nation geeint", schreibt die Kiew Post. Die rivalisierenden West- und Ostukrainer hätten zueinander gefunden. Es klingt wie ein Pfeifen im Walde. Mag sein, dass die Kiewer am Sonntag ebenso fröhlich mit den Siegern feiern wie die Warschauer in ihrer südländischsten Nacht des Jahres. Trost aber brauchen nicht nur die Verlierer, Trost brauchen die Ukrainer vor allem selbst.
Autor: Ulrich Krökel



