Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Juni 2009 19:01 Uhr

Demonstrationen in Teheran

Proteste im Iran: Freiburger Abiturienten waren mitten in der Menge

Zwei Freiburger feiern ihr Abitur mit einer Reise durch Arabien und den Iran – und geraten mitten in die Unruhen in Teheran. Hautnah erlebten sie die Proteste. In einer E-Mail an die BZ-Stadtredaktion schildern sie ihre Erlebnisse.

  1. Dario Schröder (links) und Cornelius Hörner im Iran. Foto: Privat

Dario Schröder und Cornelius Hörner auf Freiburg brachen nach dem Abitur mit einem VW-Bus auf in die Arabische Welt und den Iran. Jetzt haben sie die iranische Hauptstadt Teheranetwas schneller verlassen als geplant, da die Stimmung langsam ungemütlich wird". Am Wochenende schilderten die beiden Zwanzigjährigen, die den Iran inzwischen hinter sich gelassen haben, in einer E-Mail an die BZ-Stadtredaktion, was sie in den ersten Tagen nach der Präsidenten-Wahl dort erlebten.

Wir waren in der Deutschen Botschaft, die gerade zwei Deutsche aus dem Gefängnis holen mussten, weil sie Bilder der Demos gemacht haben, wenige Stunden später wurden wir dann von der Polizei kontrolliert und sie haben unsere Kamera sehen wollen. Da diese aber voll war mit Bildern noch aus Isfahan, war ihre Geduld dann kurz vor den Demo Bildern am Ende. Wir fassen jetzt mal unseren ersten Tag in Teheran zusammen.

Es ist Samstagfrüh in Isfahan, der Partnerstadt Freiburgs, und wir sitzen etwas geschockt mit Ali und seinem Onkel zusammen. Alis Onkel, der die ganze Nacht die Wahlberichterstattung von BBC verfolgt hat, hat uns gerade mitgeteilt, dass Mahmoud Ahmadinedschad mit über 60 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde. Es ist nicht nur das Ergebnis, das uns überrascht, es ist auch der Zeitpunkt, zu dem es schon feststeht. Alle Leute, die wir vorher gefragt hatten, versicherten uns, dass es mindestens zwei Tage dauert, bis die Ergebnisse bekannt gegeben würden, da doch die Kandidaten so eng beieinander liegen. Auf unsere Frage, wie nun dieses Wahlergebnis zustande kommen konnte, wird von Wahlbetrug gesprochen. Eine bedrückende Ratlosigkeit ist im Raum. Vielleicht sollten wir noch erwähnen, dass wir während unserer ganzen Zeit im Iran von keinem gehört haben, dass er Ahmadinedschad wählt, im Gegenteil, er wurde in jeder nur erdenklichen Weise verteufelt. Auch auf den Straßen, auf denen tagtäglich Kundgebungen von Jugendlichen auf Mofas bis spät in die Nacht veranstaltet wurden, hatten wir den Eindruck, dass es mindestens einen Gleichstand zwischen Ahmadinedschad und Mussawi gibt.

Werbung


Wir brechen das Gespräch ab, denn wir müssen langsam los, da wir heute noch vor Anbruch der Dunkelheit in Teheran ankommen wollen. Die Verabschiedung von der wundervollen Stadt Isfahan fällt uns schwer; und unseren neugewonnenen Freunden stehen Tränen im Gesicht.

Wir sind kurz vor Teheran. Auf einmal gibt es ein lautes Krachen, der fünfte Gang springt raus, und wir wissen, eines der schlimmsten Dinge, die einem auf einer Reise mit dem Auto passieren kann, ist eingetroffen: Getriebeschaden!

Sowieso schon müde von der Fahrt, mittlerweile ist es auch dunkel, und nun auch genervt von unserem Pech, stellen wir fest, dass unser iranisches Handy nicht funktioniert und wir nicht einmal die Kontakte in Teheran anrufen können. Nun sind wir schon etwas verzweifelt angesichts unserer Lage und lassen uns auf einer der Stadtautobahnen bis in den Norden der Stadt spülen, da es dort laut Reiseführer kühler ist, um dort einen Schlafplatz zu suchen. Plötzlich staut es sich bis fast zum Stillstand auf dem Expressway. Zum Glück ist wenige Meter weiter die Einfahrt zu einem Hotel. Wir gehen zur Rezeption und erfahren, dass kein Handy in der Stadt funktioniert, aber keiner kann uns sagen, warum.

Beim Verlassen des Hotels wird das Hupen der Autos immer lauter, und da die Straße auf beiden Seiten dreispurig ist, entwickelt sich das Ganze zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Mittlerweile sind die Leute auch aus ihren Autos ausgestiegen, da der Verkehr keinen Zentimeter mehr weitergeht. Wir laufen auf die Straße und fragen, was denn hier los sei. Ein Iraner, der perfekt Englisch spricht, erklärt uns, dass die enttäuschten Anhänger Mussawis auf die Straßen gegangen sind, um gegen das Wahlergebnis zu demonstrieren, und zeigt in Richtung Stau-Anfang. Erst jetzt sehen wir die enorme Rauchentwicklung auf und unter einer Brücke. Und jetzt realisieren wir auch, dass die Leute nicht wegen des Staus hupen, sondern alle als Ausdruck ihres Protests gegen das Wahlergebnis. Immer mehr Finger im Peace-Zeichen, dem Erkennungszeichen der Mussawi- Anhänger, werden aus den Autos gehalten.

Plötzlich bemerken wir, dass sich viele Leute umdrehen und dann hastig in ihren Autos verschwinden, während sich zwischen den Autos grelle Lichter durchschlängeln: Es sind Polizisten, immer zu zweit auf einem Crossmotorrad, in einer schwarzen Rüstung mit Helm und Schlagstock. Die ganze Erscheinung dieser Armada ist so beängstigend, dass es uns kalt über den Rücken läuft. Völlig gelähmt von der Aura dieses Trupps, realisieren wir zu spät, dass eines der Motorräder direkt an uns vorbeifährt und der darauf sitzende Schläger uns aggressiv anfaucht und uns mit seinem Knüppel eins überziehen will. Zum Glück zieht uns unser neuer Bekannter in diesem Moment zurück. Wir sind geschockt und müssen an die Demonstranten denken, die jetzt gerade die volle Aggressivität dieses Schlägertrupps abbekommen.

Kurze Zeit später hören wir eine laute Menschenmenge, wir gehen zurück auf die Straße. Dort haben sich die Demonstranten, die wahrscheinlich unter der Brücke von der Polizei auseinander getrieben wurden, vor der Auffahrt zum Hotel versammelt und fangen an mit allem, was lose ist, eine Straßenbarrikade zu bauen. Am besten eignen sich dazu die großen Fahrbahn-Begrenzungen aus Plastik, die kurze Zeit später mit Benzin in Brand gesetzt werden. Die Menge jubelt und wächst mit jeder Minute. Wir sehen nicht nur Jugendliche in unserem Alter, es sind Männer im Anzug, Mütter mit ihren jugendlichen Töchtern. Was aber alle gemeinsam haben: Sie sehen aus, als ob sie aus der Mittel-und Oberschicht kämen.

Mittlerweile haben die Demonstranten die Leitplanke aus der Verankerung gerissen und über die Straße gebogen, und jeder besorgt sich einen harten Gegenstand, um gegen diese zu schlagen, es erklingen Sprechchöre. Eine andere Gruppe reißt eine Verkehrsleuchte aus dem Boden, das Feuer wird immer größer, der Gestank nach verbrannten Plastik wird immer beißender. Die Polizei hat sich jetzt seit einer Stunde nicht mehr blicken lassen, also wagen wir uns auch weiter nach vorne.

Wir sind jetzt vorne angekommen, hier hat ein mit den Demonstranten solidarischer Lastwagen-Fahrer seine Ladung Steine abgeladen. Als wir anfangen, Bilder zu machen, bitten die Demonstranten wild gestikulierend, damit aufzuhören, sie wollen kein Bildmaterial von sich haben, das dem Geheimdienst in die Hände fallen könnte. Auf einmal fangen unsere Augen wahnsinnig an zu brennen, Tränengas! Hinter dem Fußtrupps tauchen jetzt wieder die Lichter der Motorräder auf, die Polizisten fühlen sich wieder stark genug und marschieren auf uns los. Jetzt heißt es nur noch rennen! Zum Glück können wir uns wieder auf unserem Parkplatz in Sicherheit bringen.

Jetzt heißt es nur noch rennen!

Von dort aus beobachten wir, wie die öffentliche Ordnung wiederhergestellt wird. Nicht von der Polizei, sondern von Männern in Zivil. Auf unsere Frage, was das für Leute seien, wurde uns gesagt: Das ist die Privatarmee des Präsidenten. Und mit einem bitteren Unterton wurde hinzugefügt: Die können machen, was sie wollen, die halten sich an keine Regel.

In diesem Moment führen die Männer in Zivil einen wehrlosen Demonstranten aus einer Seitengasse und übergeben ihn an die Polizei. Dem circa 25-jährigen Mussawi-Anhänger steht die Angst im Gesicht, er versucht, etwas zu erklären und sich aus der Umklammerung zu lösen, erntet aber nur Schläge mit dem Schlagstock. Immer wieder wird auf ihn eingeschlagen, bis er dann von zwei Polizisten abgeführt wird. Mit diesen Eindrücken endet unser erster Tag in Teheran.

Autor: bz