Raus aus dem Schatten der IRA

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Di, 13. Februar 2018

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IM PROFIL:Die irisch-republikanische Partei Sinn Fein hat Mary Lou McDonald zu ihrer Präsidentin gewählt – eine unbelastete Person.

Sinn Fein will nicht länger den Ballast der Geschichte mit sich schleppen. Neuerdings tritt die Partei der irischen Republikaner, die im Norden und Süden der Insel aktiv ist, aus dem Schatten der IRA. Ein Führungswechsel soll den politischen Neubeginn ermöglichen. Denn der 35 Jahre lang amtierende Parteipräsident Gerry Adams ist bis zuletzt mit blutigen Aktionen der Irisch-Republikanischen Armee während der "Troubles" in Verbindung gebracht worden – obwohl Adams in den 1990ern seine Gefolgsleute auf Frieden einschwor. Der mittlerweile 69-jährige Belfaster soll einmal Kommandant der IRA-Brigaden in seiner Heimatstadt gewesen sein.

Mary Lou McDonald, Adams Nachfolgerin, war dagegen nie Teil des "bewaffneten Kampfes". Die 48-jährige Dublinerin, die am Wochenende das Präsidenten-Amt bei Sinn Fein übernahm, gehörte in der Tat zunächst einmal daheim in Dublin der damals größten irischen Partei Fianna Fail an, bevor sie im Friedensjahr 1998 zu Sinn Fein übertrat. Ehe sie in die Politik einstieg, hatte McDonald in Dublin Englische Literatur und Europäische Integration studiert. Sie war leidenschaftlich interessiert an irischer Einheit, hatte aber persönlich nichts mit den bitteren Fehden im Nordosten der Insel zu tun. Für die Partei Sinn Fein, die auch ihre Basis "im Süden" zu verbreitern suchte, war sie 1998 ein unverhoffter Zugewinn – populär, gebildet, eine Original-Dublinerin, eben das "neue Gesicht" der Partei.

Binnen weniger Monate saß "Mary Lou" schon in Sinn Feins Führungsgremien. Der steile Aufstieg in der Partei war umso erstaunlicher für eine Frau in einer damals noch fast durchweg männlichen Organisation. 2004 wurde sie in Dublin zur Abgeordneten fürs Europäische Parlament gewählt. Sie war die erste Sinn-Fein-Repräsentantin aus der Republik Irland in Straßburg. Ihr Einzug ins Dail, das irische Parlament, dauerte etwas länger. Erstmals, schon als Vize-Chefin der Partei, schaffte sie es 2011 mit knappem Resultat. 2016 triumphierte sie aber bereits mit den meisten Erststimmen in ihrem Wahlkreis.

In der Zwischenzeit hatte sie sich im Parlament profiliert. Nicht zuletzt ihren Auftritten verdankten es Irlands Republikaner, dass sie als neue "linksnationale Opposition" bei den Wahlen zum Dail vor zwei Jahren mit 14 Prozent zur drittstärksten Partei aufstiegen und dass Sinn Fain in unerwartetem Maße Respekt gewann. Ein paarmal zog sie sich Kritik zu. Zum Beispiel als sie einmal bei einer Gedenkfeier den früheren IRA-Boss Sean Russell pries, der sich 1940 mit den Nazis verbündet hatte. Oder als Reporter bei einer ihrer Wahlkampagnen auf IRA-Souvenirs in ihrem Wahlquartier stießen.

Aber beide Patzer waren schnell vergessen. Generell hoffen Irlands Republikaner, dass Sinn Fein unter McDonald nun koalitionsfähig wird in Dublin, wenn es vielleicht schon dieses Jahr zu Neuwahlen kommt. Sie wolle, erklärte McDonald, mit "innovativen und modernen" Methoden die Partei frisch mobilisieren. Behilflich sein soll ihr dabei die neue Vizepräsidentin der Partei.

Auf diesen Posten wurde zu Wochenbeginn die 41-jährige Michell O’Neill gewählt, die seit einem Jahr schon Fraktionschefin der Republikaner im Parlament von Nordirland ist. Vor O’Neill hatte der inzwischen verstorbene Ex-IRA-Stabschef Martin McGuinness dieses Amt inne. Adams und McGuinness bewerkstelligten im republikanischen Lager den Übergang von den "Troubles" in die Ära des Friedens. Nun wollen McDonald und O’Neill die Wählerbasis verbreitern.

Als Erstes hoffen die beiden, noch diese Woche zusammen mit Arlene Fosters Demokratischen Unionisten wieder eine gemeinsame Stormont-Regierung für Nordirland auf die Beine zu bringen. Gestern rückten aus London Premierministerin Theresa May und aus Dublin Taoiseach (Regierungschef) Leo Varadkar in Nordirland an, um entsprechende Verhandlungen zu unterstützen.

Mittelfristig will sich Sinn Fein vor allem gegen einen "harten Brexit" und gegen eine erneute Grenze in Irland einsetzen. "Irland darf nicht der Kollateralschaden bei diesen politischen Spielchen der Tories in London werden", meint McDonald hierzu. Brexit bedrohe "20 Jahre hart errungenen Fortschritts" in Irland.