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06. April 2013

Mordserie in den USA

Rechtsradikale Banden stehen unter Verdacht

Die amerikanische Öffentlichkeit diskutiert, ob rechte Gewalttäter bisher unterschätzt wurden.

  1. Mike McLelland Foto: DPA

WASHINGTON. Sind die USA aus Angst vor islamistischem Terror blind geworden für Gefahren im eigenen Land? Eine rätselhafte Mordserie an hochrangigen Justizbeamten rückt rechtsradikale Banden in den Fokus der Öffentlichkeit. Für die Ermittler sind Auftragsmorde von Rassisten vorerst nur ein Erklärungsmodell unter mehreren.

Am 19. März klingelte der Tod am Haus von Tom Clements. Der 58-jährige Leiter der Gefängnisbehörde von Colorado wurde vor seiner eigenen Tür erschossen. Die Tatwaffe fanden Polizisten zwei Tage später in Texas – sie hatten versucht, das Auto des 28-jährigen Evan Ebel zu kontrollieren; bei der anschließenden Verfolgungsjagd samt Schießerei kam er ums Leben. Ebel hat in Colorado für verschiedene Verbrechen Gefängnisstrafen absolviert, erst im Januar war er entlassen worden – irrtümlich, wie sich inzwischen herausgestellt hat.

Ebel war bekennender Neonazi und Mitglied der rassistischen Kriminellenvereinigung "211 Crew". Die Gruppe soll in den Haftanstalten von Colorado rund 1000 Mitglieder haben. Behördenchef Clements hatte sich dafür eingesetzt, die harten Haftbedingungen des Bundesstaates zu verbessern. Er war aber auch für sein energisches Vorgehen gegen die "211 Crew" bekannt.

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Dass Ebel ausgerechnet in Texas gestellt wurde, machte nicht nur die Bundespolizei hellhörig: Im dortigen Bezirk Kaufman County fürchten Strafverfolger seit mehreren Monaten um ihr Leben. Genauer gesagt: seit dem Büro des zuständigen Staatsanwalts im November empfindliche Schläge gegen die "Aryan Brotherhood of Texas" gelungen sind.

Die "Arische Bruderschaft" ist ebenfalls in Gefängnissen entstanden, ihre 4000 Mitglieder sind für Geschäfte mit Drogen und Prostitution genauso berüchtigt wie für ihre Brutalität. Nach der Anklage von 34 teils führenden Mitgliedern hatten Behörden schon im Dezember gewarnt, die Organisation sei dabei, Anweisungen zu Massentötungen oder dem Mord an Sicherheitsbeamten zu erteilen. Am 31. Januar wurde Staatsanwalt Mark Hasse auf dem Parkplatz des Gerichts von Kaufman County erschossen. Der 57-Jährige war mit dem Fall befasst; am Tag seines Todes bekannten sich die ersten Angeklagten in dem Verfahren schuldig. Am Karsamstag erwischte es Hasses Chef: Bezirksstaatsanwalt Mike McLelland (63) und seine 65-jährige Frau Cynthia wurden in ihrem eigenen Haus erschossen.

In Texas sind 200 000 Dollar für Hinweise ausgelobt. "Dies sind absolut direkte Angriffe auf das Herz unserer Zivilgesellschaft", sagte Gouverneur Rick Perry am Mittwoch (Ortszeit) bei McLellands Beerdigung. Am Tag zuvor hatte der Leiter der Untersuchung gegen die "Arische Bruderschaft" dieses Amt wegen Sicherheitsbedenken niedergelegt.

In der Öffentlichkeit ist ein Streit darüber entbrannt, ob Politik und Gesellschaft die rechte Gefahr unterschätzen. In einem Meinungsbeitrag für CNN haben der Sicherheitsexperte Peter Bergen und Jennifer Rowland von der Denkfabrik New America Foundation neue Zahlen veröffentlicht, denen zufolge ideologisch motivierte Gewalttäter ohne Dschihad-Hintergrund in den USA im Vergleich zu al-Qaida seit Jahren eine ähnliche oder sogar größere Gefahr darstellen.

Autor: Jens Schmitz