Riesenmanöver oder Bluff?

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mi, 12. September 2018

Ausland

Russland lässt zwischen Ural und Pazifik 300 000 Soldaten zu einer Übung aufmarschieren / Kritiker zweifeln an den Zahlen.

MOSKAU. Der Aufmarsch in Sibirien und dem russischen Fernen Osten wirkt monumental. Am Manöver "Wostok 2018" (Osten 2018) sollen kommende Woche 300 000 Soldaten, 1000 Flugzeuge, Hubs

chrauber und andere Fluggeräte, 36 000 Panzer und gepanzerter Kampffahrzeuge und 80 Kriegs- und Transportschiffe teilnehmen, wie das russische Verteidigungsministerium am Dienstag bekannt gab. Es ist die größte Militärübung in der Geschichte des postsowjetischen Russlands.

Es sind Dimensionen, die offenbar aller Welt demonstrieren sollen, dass die russische Armee für einen großen, globalen Krieg gewappnet ist. Der oppositionelle Militärexperte Pawel Felgengauer verkündet auf dem ukrainischen Portal Apostrof: "Das ist die unmittelbare Vorbereitung zum Weltkrieg."

Beteiligt sind die Truppen des zentralen und des östlichen Militärbezirks der russischen Streitkräfte, dazu Fallschirmjäger, Luftwaffe, Nordmeer- und Pazifikflotte sowie chinesische und mongolische Soldaten. Sie trainieren auf einer Manöverlinie von 7000 Kilometern und auf einem Dutzend Truppenübungsplätzen die rasche Umverlegung strategischer Truppenmassen aller Waffengattungen und ihr operatives Zusammenwirken in Angriff und Verteidigung.

Vor dem Manöver hatte Generalstabschef Valeri Gerassimow vor ausländischen Militärattachés erklärt, die Übung habe rein defensiven Charakter und richte sich nicht gegen andere Staaten. Dabei begann das bombastische Kriegsspiel zeitgleich mit dem russischen Ostwirtschaftsforum in Wladiwostok, zu dem unter anderem die Staatsführer Chinas, Südkoreas und Japans erwartet werden. Und Verteidigungsminister Sergei Schoigu verglich "Wostok 2018" nicht ohne Nostalgie mit dem Manöver "Sapad 1981". Damals erprobten 120 000 Sowjetarmisten einen Panzerkonter gegen einen atomaren Erstschlag der Nato. Die Weltöffentlichkeit hielt damals den Atem an, begannen doch in  Polen die Proteste der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc gegen die kommunistische Herrschaft – viele Beobachter befürchteten eine sowjetische Militärintervention. Und jetzt versicherte Verteidigungsminister Schoigu, "Wostok 2018" wiederhole "Sapad 1981" in vielem, übertreffe es vielleicht sogar. Das ruft im Westen ungute Erinnerungen hervor.

Ein Nato-Sprecher unterstellt den Russen "das Einüben von Großkonflikten". Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach von einer Machtdemonstration. "Politisch soll das Manöver demonstrieren, dass Russland und China gemeinsam in der Lage sind, der stärksten Militärmacht in der Pazifikregion, den USA, zu widerstehen", sagt der kremlnahe Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin der Badischen Zeitung. Das zentrale Ereignis des Manövers seien gemeinsame Gefechtsübungen von etwa 26 000 russischen Soldaten mit den 3500 teilnehmenden Chinesen auf dem Truppenübungsplatz Zugol am Baikalsee. Ein Großteil der über den Ural, Sibirien und die russischen Fernostregion verstreuten Manövertruppen aber seien Eisenbahner, Nachschubsoldaten oder Techniker. 

Kritische Beobachter hegen unterdessen Zweifel an den Zahlen des Verteidigungsministeriums: Der liberale Militärexperte Alexander Golz vermutet in der Zeitschrift New Times, die "vaterländischen Barone von Münchhausen" nutzten die riesigen Entfernungen östlich des Urals, um zu bluffen. Nach Angaben des Jahrbuches Military Balance verfüge der russische Ostmilitärbezirk über nicht mehr als 2000 bis 3000 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, der Zentralmilitärbezirk über etwa 2000. "Selbst wenn man noch 8000 bis 10 000 Kraftwagen dazuzählt, fragt man sich, woher sie diese undenkbare Zahl von 36 000 Kampffahrzeugen haben?" Goltzs Kollege Pawel Felgenhauer bezweifelt trotz seiner Angst vor einem Weltkrieg, dass die russische Luftwaffe mehr als ein paar Hundert gut ausgebildeter Piloten auf die Beine bringt. Von den angeblich 1000 Fluggeräten, die bei "Wostok 2018" mitmanövrieren, seien wohl die meisten unbemannt. "Vielleicht zählen sie auch Drohnen mit, die nur ein paar Hundert Dollar kosten." Russlands Präsident Wladimir Putin will das Manöver übrigens persönlich besuchen.