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14. November 2017

Naher Osten

Rücktritt von Libanons Premier Hariri löst Spekulationen aus

Seit Libanons Premier Hariri sein Amt aufgegeben hat, wird ein neuer Stellvertreterkrieg von Saudi-Arabien und Iran befürchtet.

Als Saad Hariri am Sonntagabend vor die Fernsehkameras tritt, öffnet sich ein neues Kapitel um sein sonderbares Verschwinden. Es ist eine Geschichte, bei der niemand weiß, wo die Wahrheit aufhört und Verschwörungstheorien beginnen. Acht Tage vorher war er überraschend als Ministerpräsident des Libanon zurückgetreten. Er stürzte das fragile Land im Nahen Osten damit in eine politische Krise, in der schon von einem möglichen Krieg die Rede ist.

Denn in seiner Heimat wurde aufmerksam verfolgt, dass der 47-Jährige seinen Rückzug vom fernen Riad aus verkündete, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Gerüchte kamen auf: Hatte Riad, mit dem Hariri eng verbunden ist, den Politiker zu dem Schritt gezwungen? Ist der Premier eine politische Geisel der Regionalmacht Saudi-Arabien? In der aufgezeichneten Ansprache wetterte Hariri gegen Riads Erzfeind Iran, die Schutzmacht der libanesischen Hisbollah. Saudi-Arabien wolle mit Hariris Rücktritt Zwist säen und den Einfluss Teherans zurückdrängen, wurde gemutmaßt.

Am Sonntagabend schließlich schaut der Libanon erneut Richtung Riad. In seinem ersten TV-Interview nach dem Rücktritt wollte Hariri, der sich noch immer in Saudi-Arabien aufhält, den Vorwürfen entgegentreten. Was der Mann, der auch den saudischen Pass besitzt, sagt, ist vorhersehbar. Etwa: "Wenn ich Saudi-Arabien morgen verlassen möchte, kann ich das machen." Doch sein Auftritt wirft Fragen auf. Der Ex-Premier wirkte gestresst, erschöpft und abgelenkt – er nestelt ständig an einem Stift herum oder trinkt gierig Wasser, sodass Reporterin Paula Jacubian ihm ihr Glas anbietet. An einer Stelle der mehr als einstündigen Ausstrahlung ist eine Person mit einem Zettel in der Hand zu sehen, der hinter der Journalistin steht.

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Auf den Aufnahmen ist zu erkennen, wie Hariri die Person mit finsterer Miene anschaut und ihr dann mit einer wegwischenden Geste bedeutet, zu verschwinden. Im Internet machte die Vermutung die Runde, ein Souffleur solle dem Politiker das saudi-arabische Skript einflüstern.
Doch das sind Spekulationen, Eindrücke von einem Mann, dessen Rückzug eine schwere Krise ausgelöst hat. Wie sollte Hariri nicht besorgt und gestresst sein, fragen andere?

Der multikonfessionelle Libanon ist politisch gespalten . Dort leben vor allem sunnitische und schiitische Muslime sowie Christen. Nach Proporz werden die höchsten politischen Ämter des Landes besetzt. Gegen die vom Iran unterstützte Hisbollah kann das Land nicht regiert werden. Der Rücktritt des Riad-Verbündeten Hariri wurde deshalb von einigen Experten als Kalkül Saudi-Arabiens gesehen. Der gewachsene Einfluss des Irans solle zurückgedrängt werden. Notfalls auf Kosten eines neuen Stellvertreterkrieges wie in Syrien oder im Jemen?

Wie real die Gefahr ist, dass Saudi-Arabien und der Iran auch im Libanon militärisch um Einfluss ringen könnten, zeigt sich darin, wie offen die Beteiligten über einen möglichen Krieg reden. "Der Libanon wird nicht akzeptieren, ein Schlachtfeld zwischen Teheran und Saudi-Arabien zu werden", erklärte etwa eine Beraterin von Präsident Michel Aoun.

Die Gefahr scheint dabei angesichts der Akteure im Iran und in Saudi-Arabien umso größer. So hält in Riad Kronprinz Mohammed bin Salman die Fäden in der Hand. Vor seiner impulsiven Art warnte der Bundesnachrichtendienst. Der 32-Jährige gilt als Mann, der notfalls mit dem Kopf durch die Wand will. Und nichts hält er für gefährlicher, als den Einfluss des Irans in der arabischen Welt.

Die Menschen in Beirut diskutieren dieser Tage darüber, wie es weitergeht mit dem Land. Bereits zwischen 1975 und 1990 tobte dort ein Bürgerkrieg. 2006 kam es zu einem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. 2005 starb ein Ministerpräsident, als eine Bombe einen riesigen Krater in den Asphalt Beiruts riss. Das Opfer damals: Rafik Hariri, der Vater des gerade Zurückgetretenen. Verdächtigt wurden der syrische Geheimdienst und die Hisbollah. Saad Hariri deutete bei seinem Rücktritt Anfang November an, dass er um sein Leben fürchte. Die Situation heute sei eine ähnliche wie 2005.

Autor: Benno Schwinghammer