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26. Dezember 2008 20:08 Uhr

Der Fluglotsenmörder von Überlingen

Sein ist die Rache

Beim Flugzeugunglück von Überlingen im Sommer 2002 verlorWitali Kalojew seine Familie. Aus Rache tötete er den Fluglotsen. In seiner Heimat gilt der Mörder als Volksheld. BZ-Russlandkorrespondentin Elke Windisch traf Kalojew in Nordossetien.

  1. Foto: ImageForum

  2. Foto: ImageForum

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"Sie haben sich sehr geliebt. Der Kaufmann aus Baku und ein Mädchen aus Wladikawkas. Dann war sie tot." Witali Kalojew krampft seine Hände fest um das Lenkrad seines Wagens. So fest, dass man die weißen Fingerknöchel sehen kann. "Ganz plötzlich war sie tot. Dann hat er diese Moschee bauen lassen", sagt Kalojew und deutet mit Kopf auf die beiden Minarette am Ufer des Terek. "Direkt unten am Fluss, wo er sein Mädchen beim Wasserholen das erste Mal sah."

Auch Kalojews Frau Swetlana war plötzlich tot. Und die beiden Kinder, Konstantin, elf, und Diana, viereinhalb. Alle drei saßen in dem Flugzeug, das am 1. Juli 2002 über dem Bodensee abstürzte. Ein Jahr und acht Monate später ersticht Kalojew den Fluglotsen Peter Nielsen, der in der Unglücksnacht Dienst hatte. Im Oktober 2005 verurteilt ein Schweizer Gericht Kalojew zu acht Jahren Freiheitsstrafe, im November 2007 attestiert ihm das eidgenössische Bundesgericht verminderte Schuldfähigkeit und verkürzt die Strafe auf fünf Jahre und drei Monate. Weil Kalojew zwei Drittel verbüßt hat, kommt er wenig später frei. In Moskau, und später in seiner Heimat Nordossetien, wird er begeistert empfangen. Seit einem Jahr ist er Vizebauminister. Das Amt, heißt es, sei eigens für ihn geschaffen worden. Für den Mann, der zum "Osseten des Jahres 2007" gewählt wurde.

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Kalojew, knapp 53, introvertiert und dünnhäutig, sei mit der Rolle des Helden hoffnungslos überfordert, erklärt ein Freund. Aus seinem Büro sieht man die Zwiebeltürme der Kirche, die Kalojew, Bauingenieur und Architekt, für seine Toten errichtet hat. Kalojew hat fast sein gesamtes Vermögen investiert und reichlich Spenden für den Bau eingesammelt. Der Innenraum ist dennoch nicht fertig. "Wie denn auch", sagt die Frau, die den Kerzenständer putzt, "Kalojew weiß, dass er einen Schlussstrich ziehen muss, wenn die Maler fertig sind. Er ist mit der Geschichte aber noch lange nicht fertig."

In seiner Heimat

wird der Mörder

als Held gefeiert.

Einerseits könne er ihn verstehen, meint Taxifahrer Gennadi. "Andererseits hat er die Kinder des Fluglotsen zu Waisen gemacht." Gennadi hat schon öfter Besucher zum Grab von Kalojews Familie gefahren. Rote Nelken liegen vor dem wuchtigen Grabstein aus schwarzem Marmor. Schnee fällt auf die eingemeißelten Bilder von Swetlana, Konstantin und Diana. Kalojew, sagt Gennadi, meide den Friedhof, seit ein Fotograf ihn dort ablichtete und die Fotos an westliche Agenturen verkaufte. Jetzt stehe er oft auf der Brücke, die in der Nähe der Moschee über dem Terek führt. Ungestüm walzt der Fluss nieder, was immer sich ihm in den Weg stellt, wenn er sich vom Gletscher in das Kaukasusvorland stürzt. Die Welt, sagt Gennadi, habe Kalojews Kummer verstaatlicht, ihn bei dessen Bewältigung aber ebenso allein gelassen wie mit der Bewältigung der Schuld, die er durch den Mord auf sich geladen hat.

Er gilt als schwierig. Lappalien, heißt es in seiner Umgebung, könnten Tobsuchtsanfälle auslösen. Er werde sein Bestes tun, könne aber für nichts garantieren, sagt, um Vermittlung gebeten, ein Beamter aus dem nordossetischen Präsidentenamt. In Kalojews Vorzimmer rekapituliert er nochmals die Liste der Tabuthemen.

Nr. 1: Das Drama auf dem Flughafen in Barcelona, wo Kalojew, der in Spanien Villen für reiche Russen baute, am Abend des 1. Juli 2002 erfährt, dass Frau und Kinder nie ankommen werden. Die Maschine nach Zürich geht erst am nächsten Morgen. Dort wartet der Flughafenpfarrer, ein Schild auf der Brust, auf dem in kyrillischen Buchstaben ein einziges Wort steht: ÜBERLINGEN. Nahe der Stadt am Bodensee waren knapp zwölf Stunden zuvor, als, ein russisches Passagierflugzeug und eine DHL-Frachtflieger kollidierten, 71 Menschen aus elf Kilometer in die Tiefe gestürzt. Darunter auch die drei, die Kalojew alles bedeuteten: Swetlana, Konstantin und Diana.

"Zu seiner Rolle im Krieg in Südossetien besser auch keine Fragen. Und dann ist da noch. . . " Der Beamte verstummt, die Doppeltür aus schwerer Eiche öffnet sich, Kalojew steht auf der Schwelle. Mit einem schwer zu beschreibenden Gesichtsausdruck. Ruhig, ohne zu lächeln, aber nicht unfreundlich. Große braune Augen beherrschen das von einem schütteren eisgrauen Bart umrahmte Gesicht und tasten die Besucher ab. Es sind die Augen eines Boxers, der etliche Schläge unterhalb der Gürtellinie einstecken musste und seine Verteidigung plant.

Er sei weder ein Held noch ein Mörder, sagt Kalojew. "Ich bin ein Mann, der für seine Worte und für seine Taten einsteht." Das habe er auch von Nielsen erwartet. Der Fluglotse sollte sich entschuldigen. Diese Forderung habe er ihm und der Flugsicherungsfirma Skyguide mehrfach übermittelt. Schriftlich über seine Anwälte und mit einer Dolmetscherin bei Telefonaten mit Skyguide-Direktor Alain Rossier. Mit dem, sagt Kalojew, habe er ein Treffen mit Nielsen fest abgemacht gehabt. "Und was dann? Was machen wir nach der Entschuldigung?", habe Rossier ihn gefragt. Dann, so erzählt jedenfalls Kalojew, habe er gesagt, "trinken wir zusammen eine Kaffee, gehen in Zürich spazieren oder sehen uns ein Fußballspiel an". Rossier soll daraufhin gesagt haben, man könnte auch zusammen essen gehen. Doch als Kalojew einen Termin fordert, habe der Schweizer gekniffen.

24. Februar 2004. Seit dem Flugzeugunglück sind ein Jahr und fast acht Monate vergangen. In der Siedlung am Zürcher Flughafen fragt kurz vor sechs Uhr abends ein Mann nach einer Adresse: Rebweg 24. Es ist die Adresse von Nielsen. Kalojew hat sie auf einem Zettel notiert. Eine Frau weist ihm den Weg. Statt zu klingeln, geht Kalojew durch den Garten auf die Terrasse und klopft dort. Ehefrau Mette öffnet und ruft, weil der Fremde kein Wort spricht, ihren Mann. Augenblicke später ist Peter Nielsen tot, erstochen mit einem Schweizer Messer.

"Es waren fünf oder sechs Sekunden, die über sein Schicksal entschieden haben", sagt Kalojew. Er habe sich vor dem Treffen jeden Satz zurechtgelegt. "Ich bin aus Russland", beginnt er das Gespräch. Auf Deutsch, er hat es in der Schule gelernt. Dann verlassen ihn seine Sprachkenntnisse, er ist zu aufgeregt.

Nielsen fühlt sich bedroht, als Kalojew mit Gebärden um Einlass begehrt. Dem rast das Herz bis zum Hals, in seinen Ohren hört er das eigene Blut rauschen und den Fluss Terek, der ihn an den Ehrenkodex seiner Heimat mahnt: Blut muss durch Blut gesühnt werden. Es sei denn, der Verursacher bittet die Familie der Opfer um Verzeihung. Nielsen will den ungebetenen Gast abdrängen und packt ihn am ausgestreckten Arm. Dabei fällt das Foto von Swetlana und den Kindern auf die Erde. Und gleich danach der Fluglotse.

Der Polizei ist schnell klar, wer der Täter sein muss. Am 25. Februar wird Kalojew im Flughafenhotel festgenommen. Warum hat er sich nicht darauf verlassen, dass ein Gericht Recht schafft? "Recht?" Kalojew hebt kaum merklich die Stimme und dehnt das Wort. Dass vier der acht leitenden Skyguide-Angestellten, die wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht standen, mit Bewährungsstrafen davonkamen, kann er nicht verstehen. Auch nicht, dass das Gericht fünf Jahre für die Urteilsfindung brauchte. "Obwohl schon nach ein paar Wochen alles klar war." Dass Nielsen allein vor den Kontrollbildschirmen saß, dass es Telefon- und Computerprobleme gab. Fast ebenso lange muss Kalojew auf die offizielle Entschuldigung von Skyguide warten. Zu der ringt sich erst der neue Direktor Francis Schubert im Mai 2007 durch.

Eine Entschuldigung, das hatten die Anwälte versucht Kalojew, der im Hochsicherheitstrakt einer psychiatrischen Klinik in Zürich sitzt, klarzumachen, sei gleichbedeutend mit dem Eingeständnis von Schuld und für Skyguide mit Zahlung von Entschädigung in Milliardenhöhe verbunden. Die Gefahr ist vom Tisch, als Schubert sich entschuldigt. Zahlen müsse die Bundesrepublik Deutschland, die durch Übertragung der Luftsicherungsrechte an eine Schweizer Firma gegen das deutsche Recht verstoßen habe, heißt es im Urteil des Landgerichts Konstanz vom 27. Juli 2006. "Aber Geld ist doch nicht alles." Kalojew, der sagt, die Ermittler hätten versucht, auch ihm als Tatmotiv Geldgier zu unterstellen, schreit diesen Satz und steckt sich eine neue Zigarette an. Die dritte in weniger als 40 Minuten.

Auch der Aschben bei Kalojew daheim wird schnell voll. Dort, wo seit Swetlana und die Kinder nicht mehr da sind, alles ein paar Nummern zu groß ist: Die Küche, der Küchentisch und das Haus. Mit den ersten Entwürfen, sagt Soja, Kalojews älteste Schwester, habe ihr Bruder begonnen, gleich als er Swetlana im Dezember 1990 kennenlernte. "Januar 1991 haben sie geheiratet. Und im November wurde Kostja (Konstantin) geboren."

Kalojew schläft

schlecht

und raucht viel.

Witali habe als Kind genauso ausgesehen. Zärtlich streicht Sojas Hand über Fotos von einem Blondschopf mit dunklen Augen. Kostja mit vier und mit elfeinhalb, kurz vor dem Unglück. Das Haus, vor 15 Jahren gebaut, müsste renoviert werden, meint Soja. Aber dazu können sich weder sie noch Witali aufraffen. Weil dann Schluss wäre mit der Illusion, die Schlaf- und Kinderzimmer vorgaukeln: Svetlana, Kostja und Diana kommen bald wieder zurück.

Kalojew schläft seither im Arbeitszimmer, und er schläft schlecht. Es ist schon spät, trotzdem macht er sich an einen doppelten Espresso und raucht. Obwohl er Medikamente gegen hohen Blutdruck nehmen muss. Das Essen seiner Schwester rührt er nicht an. Er habe schon gespeist, beim Geburtstag eines Kollegen, mit dem er in Südossetien war. Angeblich Tabuthema Nr. 2 .

"Interessant", sagt Kalojew, und lacht jungenhaft. Sein Beitrag, sagt er, sei nicht kriegsentscheidend gewesen, er habe einen Kindergarten von Minen und Bombensplittern gesäubert. Ein paar "Trophäen" liegen auf seinem Schreibtisch, andere auf der Speicherplatte seines Handys: Ein selbst aufgenommenes Video. Georgische Kriegsgefangene treten die eigene Flagge mit den Füßen und verfluchen Saakaschwili. Kalojew schließt nicht aus, dass man sie gezwungen hat. Dennoch: "Ich hätte mich nicht zwingen lassen zu so etwas". Sein Zorn sackt in sich zusammen wie ein Häuflein Asche. Kalojew ist müde. Sehr müde.