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21. April 2017

Shootingstar lässt Demokraten hoffen

Der 30-jährige Jon Ossoff könnte den Republikanern einen Sitz im Kongress abnehmen.

  1. Zufrieden mit dem Ergebnis: Jon Ossoff Foto: AFP

WASHINGTON. Ein aufstrebender Demokrat, dessen Namen noch vor kurzem kaum jemand kannte, gibt den US-Demokraten neue Hoffnung. Um ein Haar hätte Jon Ossoff in einer Nachwahl im eher konservativen Speckgürtel am Rande der Südstaatenmetropole Atlanta die absolute Mehrheit und damit auf Anhieb einen frei gewordenen Sitz im Abgeordnetenhaus gewonnen. Am Dienstag holte er 48 Prozent der Stimmen, womit er seine härteste Konkurrentin, eine republikanische Politikveteranin namens Karen Handel, förmlich deklassierte. Handel kam nur auf 20 Prozent. Nun muss eine Stichwahl im Juni darüber entscheiden, wer in den US-Kongress einzieht.

Nicht dass Ossoff die Idealbesetzung wäre, um die Demokraten aus dem Jammertal zu führen. Die Niederlage Hillary Clintons machte deutlich, wie sehr die Partei mit der weißen Arbeiterschaft fremdelt, und es verwundert kaum, dass die Partei händeringend nach Persönlichkeiten sucht, die die Gräben zwischen ihr und ihrem früheren Stammklientel zuschütten können. Ossoff aber ist so ziemlich das Gegenteil eines hemdsärmeligen Helden der Arbeiterklasse. Eher Weltbürger als Volkstribun, monieren seine Kritiker. Schon im Alter von 17 Jahren machte er ein Praktikum in einem Abgeordnetenbüro, bei John Lewis, einer Legende der Bürgerrechtsbewegung. Später studierte er an der renommierten Georgetown University Internationale Beziehungen, dann drehte er Dokumentarfilme zu Themen wie Korruption und Machtmissbrauch in Afrika. In Wahlkampf-Interviews klangen seine geschliffen wirkenden Sätze bisweilen so, als hätte er sie auswendig gelernt. Was am ehesten hängenblieb, ist ein Fernsehspot, in dem er Trump die Leviten las. "Er blamiert uns nicht nur auf der Weltbühne, er könnte auch einen unnötigen Krieg vom Zaun brechen", sagte der 30-Jährige über den Mann im Weißen Haus.

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Nun steht der sechste Wahldistrikt des Bundesstaats Georgia aber nicht für klassisches Arbeitermilieu, sondern für den Speckgürtel der Großstadt Atlanta, für die scheinbar heile Welt der Mittelschichten mit Einfamilienhaus und Basketballkorb neben der Garagenauffahrt. Dort leben Menschen mit College-Abschluss, die Populisten mit einer gewissen Skepsis begegnen. Trump haben sie im November nur knapp den Vorzug vor Clinton gegeben, obwohl sich eine Mehrheit seit Längerem zu den Republikanern bekennt. Mit anderen Worten, es ist das Paradebeispiel eines Wahlkreises, in dem sich die Demokraten Chancen ausrechnen, wenn sie beim Kongressvotum im Herbst 2018 auf eine Protestwelle hoffen.

Falls sie ins Rollen kommt, könnten sie den Republikanern sogar die Mehrheit im Repräsentantenhaus abnehmen. Jedenfalls dann, wenn die Ernüchterung über Trump, der seinen zentralen Versprechen nur wenig Konkretes folgen lässt, bis dahin anhält und frustrierte Wähler dem egozentrischen Angeber im Oval Office einen Denkzettel verpassen wollen. Seit 1976, als Jimmy Carter, der Lokalmatador aus Georgia, ins Weiße Haus einzog, hatten die Demokraten im sechsten Distrikt nichts mehr zu bestellen. Seither delegierte das Mittelschichtenmilieu dort ausnahmslos republikanische Kandidaten in den Kongress.

Gut möglich, dass sich die Republikaner, die im ersten Wahlgang mit mehreren Bewerbern ins Rennen gingen, im Finale geschlossen um ihre Favoritin scharen und Ossoff doch noch abfangen. Beeindrucken lässt sich der Newcomer davon nicht. "Wir haben die Erwartungen zertrümmert und sind bereit für einen Kampf, den wir gewinnen werden", rief er seinen Anhängern am Dienstag zu.

Autor: Frank Herrmann