Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
24. Mai 2011
Faustkämpferin Masooma Sepehr
Sie boxt sich durch
Die 17-jährige Masooma Sepehr liebt den Faustkampf. In Afghanistan gehört sie damit zu einer absoluten Minderheit.
Die Haare sind sorgfältig unter einem beigen Kopftuch verborgen, wie es die afghanischen Sitten verlangen. Die Stirn im runden, freundlichen Gesicht von Masooma Sepehr legt sich zunächst in Falten, während sie der Frage lauscht. Dann erstrahlt eines wonniges Lächeln. "Ganz ehrlich", sagt das junge Mädchen in den weiten Trainingshosen und einem lose herabhängenden Hemd mit Nachdruck, "ich empfinde ein richtig schönes Gefühl. Es ist wunderbar, wenn ich fühle, wie meine Faust jemanden trifft."
Die 17-jährige Afghanin spricht nahezu fließend Englisch, und sie benutzt für "wunderbar" das Wort "delicious", was laut Wörterbuch auch "köstlich", "lecker" oder "himmlisch" bedeuten kann. Drei Mal in der Woche kommt sie ins Stadion der afghanischen Hauptstadt Kabul, um den Himmel zu erleben. Tief im Gewölbe unter der Zuschauertribüne des Stadions hockt sie auf einer primitiven Holzbank in der Umkleidekabine und schaut zu, während sich ihre 19-jährige Freundin Shabnam Abdurrehman für die Übungsstunden im kühlen Trainingsraum fertig macht. Die Turnschuhe werden fest zugeschnürt. Dann kommen die Bandagen für die Hände, die unter den dicken Boxhandschuhen die Knöchel schützen.
Werbung
Die Trainingsstunde beginnt. Der 52-jährige Trainer Sabir Sharifi, der sich voll Wehmut an seine Ausbildungszeit in den 80er Jahren in Leipzig erinnert, lässt die 20 Mädchen in einer Reihe antreten. Vor jedem Training wird säuberlich die Anwesenheit protokolliert. Nur sieben Mädchen sind noch aus der Anfangszeit vor vier Jahren dabei. Damals, im Jahr 2007, zog der Boxtrainer im Auftrag des Nationalen Olympischen Komitees durch die Mädchenschulen Kabuls und suchte Freiwillige für den ungewöhnlichen Frauensport.
Nun stehen die Sportlerinnen sich in Paaren gegenüber. Einige haben die Köpfe in dick gepolsterte Schutzhelme gesteckt. Andere Mädchen suchen mit nicht mehr als einem Kopftuch oder einer Schirmmütze Deckung hinter ihren Fäusten in dicken Handschuhen. Es gelten die gleichen Regeln wie beim Männerboxen: Die Region unter der Gürtellinie ist tabu, Oberkörper und Gesicht gehören zu den erlaubten Zielen.
Trainer Sharifi hat offensichtlich ganze Arbeit geleistet bei der Ausbildung. Kaum gibt er das Sparring frei, ist nichts mehr zu sehen von folgsamen, demütigen Frauen, wie sie die Kultur Afghanistans gemeinhin als Ideal darstellt. Jetzt duckt sich keine der Sportlerinnen mehr, wenn Boxhiebe auf sie hereinprasseln. Sie weichen aus, blockieren mit den Armen und werfen sich mit ganzer Kraft hinter ihre eigenen Schläge. Schnell wird klar: Für die 14- bis 20-jährigen Mädchen ist es alles andere als Gerede, wenn sie wie Masooma von dem "wunderbaren Gefühl" erzählen, das sie im Boxkampf erfahren.
Es ist freilich ein befristetes Vergnügen. Ob wegen des harten Lebens, mangelhafter Ernährung oder der Gene: Die Boxerinnen im Gewölbe des Stadions von Kabul wirken zierlich. Sie passen mit ihrem Körpergewicht allenfalls in die Vorstellungen, die man mit dem Federgewicht verbindet. "Leider müssen wir im Alter von 20 Jahren aufhören", erzählt die 19-jährige Shabnam, für die die Teilnahme an einem internatonalen Wettbewerb in Vietnam zu den großen Erlebnissen ihres Lebens zählt, "wir sind so klein und schmal, dass wir bei den Erwachsenen nicht mehr mitmachen können."
Das dürfte sich in absehbarer Zukunft kaum ändern. Denn die Boxerinnen werden selbst beim Training bloß stiefmütterlich behandelt. Während Jungen täglich trainieren, dürfen die Sportlerinnen nur drei Mal wöchentlich ins Stadion kommen und die einzige Übungshalle mit den Sandsäcken nur zwei Stunden lang nutzen. "Wir haben uns in ganz Kabul umgeschaut", erzählt Shabnam über die enttäuschende Suche in der fünf Millionen Einwohner zählenden Stadt.
Die junge Frau ärgert sich über die ungleiche Behandlung, die mit Platzmangel begründet wird. Es gibt zwar Dutzende von Boxklubs. Doch kein privater Betreiber war bereit, die Tore für die Sportlerinnen zu öffnen. Angesichts der schwierigen Sicherheitslage, konservativer Einstellungen und religiöser Fanatiker grenzt es auch eher an ein Wunder, dass es Trainer Sharifi überhaupt gelungen ist, im Auftrag des Olympischen Komitees die kleine Gruppe zu formen.
Wochenlang zog er von Schule zu Schule und stellte auf der Suche nach Freiwilligen sein Projekt vor. "Es haben sich viele Mädchen gemeldet", sagt der Trainer, "aber wir haben nur die genommen, bei denen die Familie ja gesagt hat." Das hatte Folgen für die ethnische Zusammensetzung der Gruppe der Boxerinnen. Unter den Sportlerinnen befindet sich niemand aus der Gruppe der Paschtunen. Ein Drittel sind Tadschikinnen, die anderen Hazaras. Der überwiegende Teil der Boxerinnen stammt wie Masooma Sepehr aus Familien, die jahrelang als Flüchtlinge im benachbarten Iran lebten, während in Afghanistan der Krieg tobte.
Der Teenager wurde im Iran geboren und lebt heute in Kart-e-Seh, dem Viertel Kabuls, das in der ersten Hälfte der 90er Jahre im Bürgerkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurde. Heute unterscheidet sich die Wohngegend, in der immer noch überwiegend schiitische Hazaras leben, in ziemlich allen Belangen vom Rest der Hauptstadt. Während der im Staub zu ersticken droht, den Autos auf den schlaglochübersäten Seitenstraßen aufwirbeln, sind in Kart-e-Seh selbst die schmalen Gassen betoniert. Und die Abwasserkanäle sind nicht mit Abfall verstopft. Die Hazaras waren schon immer besser als andere Afghanen, wenn es um das Organisieren des Allgemeinwohls ging.
gegen einen prügelnden
Ehemann wehren.
Ein paar von Masoomas Tanten – junge, knapp 30-jährige Frauen in Jeans und ohne Verschleierung – hören zu, als Mutter Marzia den Boxunterricht der Tochter verteidigt. "Die Leute mit engstirniger Einstellung würden es nicht akzeptieren", sagt sie, "deshalb erzählen wir das weder unseren Nachbarn noch unseren Verwandten." Es dauert nicht lange, bis das Gespräch bei der Frage landet, ob der Boxunterricht die Heiratschancen der Tochter mildert. "Ach was", sagt die Mutter, "für die Ehe ist es sogar besser. Da kann sie sich wehren. Sie glauben ja gar nicht, wie oft Ehemänner hier in Afghanistan ihre Frauen verprügeln."
Die 17-Jährige strebt ohnehin nicht nach schneller Eheschließung. Neben dem Boxen hegt sie einen Traum. "Ich würde gerne Pathologin werden", erzählt der Teenager und gibt zu, dass ihr die Idee angesichts amerikanischer Fernsehserien gekommen ist, "aber für solche Leute gibt es in Afghanistan keine Arbeit." Die Eltern haben eingehend den Berufsmarkt studiert und längst eine Entscheidung gefällt: Ihre Tochter soll Umweltingenieurin werden.
Der 21-jährige Jamshid, der bei dem Besuch im Haus von Masooma dabei ist, holt tief Luft, als er der jungen Frau zuhört. Er ist ein Hazara wie die junge Frau, lebte aber nie im Ausland. "Schule für Mädchen ist ok", sagt er später auf dem Heimweg, "aber die anderen Sachen: Wozu? Eine Frau gehört nach Hause." Der 21-Jährige schüttelt sich fast vor Abscheu. "Das ist so etwas von ungehörig", sagt er, "dass eine Frau sich gegen ihren Mann wehren soll." Die Welt des jungen Afghanen und die der jungen afghanischen Boxerin könnten kaum weiter voneinander entfernt sein.
Autor: Willi Germund


