Spanien ist vorbildlich

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Di, 13. Februar 2018

Ausland

Das Gesundheitssystem ist gut auf Organspenden ausgerichtet.

"Die Debatte wird falsch geführt", sagt Beatriz Domínguez-Gil. Die Spanierin meint die deutsche Debatte über die geringe Zahl von Organspenden (siehe Hintergrund). Diese konzentriere sich auf die Spendebereitschaft der Menschen, darauf, wie die Gesellschaft von den Vorzügen der Organspende zu überzeugen wäre. "Dabei geht es eher um strukturelle und Organisationsreformen, die durchgeführt werden müssten." Das Wort von Domínguez-Gil hat Gewicht. Sie ist Direktorin der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT). Und Spanien ist seit einem Vierteljahrhundert Organspende-Weltmeister.

Im vergangen Jahr ist die Zahl der Organspender dort weiter gestiegen, um 8,1 Prozent auf 2183. Das macht 46,9 Organspender pro eine Million Einwohner, fast fünf Mal mehr als in Deutschland. Weil einem Spender mehrere Organe entnommen werden können, gab es in Spanien vergangenes Jahr 5261 Transplantationen. Das System funktioniert, ohne dass die Spanier zur Solidarität aufgefordert werden müssten. "Wir stecken kein Geld in Werbekampagnen", sagt Domínguez-Gil.

Die Spanier, die ihren Institutionen sonst eher misstrauisch gegenüber stehen, vertrauen der ONT. Manchmal kommen sie den Ärzten und Pflegern im Krankenhaus zuvor, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und bringen von sich aus das Gespräch auf die Organspende: "Wenn man nichts mehr für ihn tun kann – er wollte Organspender sein, haben Sie das doch bitte im Kopf." So bekommt es die ONT-Direktorin von den Transplantationskoordinatoren aus den Krankenhäusern "immer häufiger" erzählt.

Der Erfolg des Systems ist vor allem einem Mann geschuldet: Rafael Matesanz. Der Nierenfacharzt gründete 1989 die Nationale Transplantationsorganisation und blieb bis zum vergangen Jahr ihr Direktor. "Er hatte ein klares Ziel", sagt seine Nachfolgerin Domínguez-Gil, "er war ein großartiger Teamorganisator, und er hat sehr vehement seine Ideen verteidigt." Mit überwältigenden Ergebnissen.

Die wesentliche Entscheidung war es, die Organspende zur Aufgabe der Krankenhäuser zu machen. In jeder der 188 spanischen Kliniken, in denen Organe entnommen werden können, gibt es einen Transplantationskoordinator, meist einen Intensivmediziner, mit einem dazugehörigen Team.

Sie sind vor allem eines: aufmerksam. Sie erkennen, wenn ein Patient dem Tod entgegengeht und als Organspender in Frage kommt. Und das auf immer mehr Abteilungen jenseits der Intensivstationen. Systeme mit niedrigen Organspenderaten wie das deutsche scheitern hingegen nicht am fehlenden Willen der Menschen, im Todesfall ihre Organe herzugeben, sondern an fehlender Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit des zuständigen Personals wird in Spanien mit besonderen Pauschalen belohnt, was manche im Land kritisieren. Doch dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird, hält die ONT für selbstverständlich. Zumal die Organspende nicht nur dem Empfänger zu einem besseren Leben verhilft, sondern auch das Gesundheitssystem finanziell entlastet. Eine jahrelange Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation.

Keine Frage des Willens,

sondern eine der Organisation

Die zweite wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten ist das Gespräch mit den Angehörigen. In einer emotional ohnehin schwierigen Situation, angesichts des nahenden Todes eines geliebten Menschen, sollen sie sich der Frage stellen, ob dieser wohl mit der Entnahme seiner Organe einverstanden wäre. Das spanische Transplantationsgesetz von 1979 geht anders als das deutsche davon aus, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht dem zu Lebzeiten. Das kann er vor einem Notar tun, oder indem er sich in einem speziellen Register anmeldet. Es reicht aber auch, dass er gegenüber seiner Familie verkündet, dass er von der Organspende nichts hält. Deswegen ist das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig: Sie sollen im Namen des Sterbenden glaubwürdig versichern, dass er einer Organentnahme zustimmen würde.

Im vergangen Jahr sagten in diesen Gesprächen 87 Prozent der Angehörigen Ja zur Organspende. "Eine außergewöhnlich hohe Rate", sagt Domínguez-Gil. Zum Vergleich: In Frankreich lag sie bisher bei nur rund zwei Dritteln (siehe unten). Die Spanier haben kaum Einwände gegen die Organspende, und die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger auch wirklich tot ist, wenn ihm die Organe entnommen werden.

So sind in Spanien, anders als in Deutschland, Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt, und die machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden in Spanien aus. Der Tod eines Menschen tritt mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen ein. Manchmal geschieht das, während Maschinen noch den Rest des Körpers am Leben erhalten. Dieser Hirntod ist überall die normale Voraussetzung für eine Organentnahme. Wenn umgekehrt das Herz zu schlagen aufhört, während das Hirn noch Lebenszeichen von sich gibt, sind die meisten Gesetzgeber vorsichtig und untersagen in diesem Fall eine Organentnahme. Den Spaniern genügt es zu wissen, dass kurze Zeit nach dem Herzstillstand auch der Hirntod eintritt. Niemandem werde ein Organ entnommen, der noch leben könnte.

Die ONT-Direktorin Domínguez-Gil ist davon überzeugt, dass Deutschland auch ohne eine Gesetzeränderung seine Organspenderate "wesentlich erhöhen könnte, wesentlich!". Auch dass es vor ein paar Jahren mal einen Korruptionsfall im deutschen System gab, könne nicht als "ewige Rechtfertigung" für die schlechten deutschen Zahlen herhalten. Die seien vielmehr eine Folge der "Struktur, der Prozessorganisation". Da ließe sich was tun. Und: "Ein Land wie Deutschland muss da was tun."