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31. Juli 2009

Afrika

Sturm auf Nigerias Islamisten

Mit Gewalt haben Nigerias Sicherheitskräfte eine radikal-muslimische Gruppe weitgehend zerschlagen, die schon seit Jahren einen Kleinkrieg gegen die Polizei führt. Allein 300 Aufständische starben in der Nacht zum Donnerstag.

  1. Wegen der anhaltenden Kämpfe zwischen Militär und Islamisten gibt es bereits Tausende Flüchtlinge. Foto: AFP

JOHANNESBURG. Mit Gewalt haben Nigerias Sicherheitskräfte eine radikal-muslimische Gruppe weitgehend zerschlagen, die schon seit Jahren einen Kleinkrieg gegen die Polizei führt. Während vier Tage langer Kämpfe in vier der 36 Bundesstaaten Nigerias gab es viele Tote – allein 300 Aufständische starben in der Nacht zum Donnerstag.

Die Kämpfe waren am Sonntag in dem im Nordosten gelegenen Bundesstaat Bauchi ausgebrochen, wo die Polizei mehrere Mitglieder der Boko Haram genannten Organisation wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen hatte. Boko Haram bedeutet so viel wie "Erziehung verboten". Die radikalen Islamisten attackierten daraufhin eine Polizeistation in Bauchi. Später weiteten sich die Gewalttätigkeiten auch auf die Bundesstaaten Yobe und Kano aus; vor allem aber eskalierten die Kämpfe in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, wo der Führer der Gruppe, Mohammed Jusuf, lebt. In der Nacht zum Mittwoch griffen Sicherheitskräfte die Wohnung Jusufs mit Mörsern und Panzern an: Bei den Gefechten seien mindestens 200 Menschen getötet worden, sagte ein Polizeisprecher. Auch am Mittwoch kam es in Yobe und in Maiduguri zu Gefechten; eine Moschee wurde gestürmt. Inzwischen ist der Widerstand der auch als Nigerias Taliban bezeichneten Organisation offenbar zusammengebrochen. Jusuf sei mit rund 300 Gruppenmitgliedern aus der Stadt geflohen, teilte Generalmajor Saleh Maina mit. Sein Stellvertreter sei getötet worden.

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Am Dienstag hatte Nigerias Präsident Umaru Yar’Adua die Sicherheitskräfte des Landes in höchste Alarmbereitschaft versetzt. "Unsere Agenten verfolgen diese Gruppe bereits seit Jahren", sagte er. "Ich bin davon überzeugt, dass die derzeitige Operation sie endgültig erledigen wird." Bereits im November waren Nigerias Militär und Polizei ins Gerede gekommen, als sie Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen in Jos, der Hauptstadt des Plateau-Staates, mit brutaler Härte erstickten: Damals kamen mehr als 700 Menschen ums Leben – mindestens 130 von ihnen sollen laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von Soldaten und Polizisten ohne zwingende Gründe erschossen worden sein. Bei Boko Haram handelt sich um eine 2004 gegründete Gruppe, die in der Mehrheit aus hoffnungslosen Jugendlichen, aber auch aus einzelnen gut ausgebildeten Eiferern besteht. Jusuf selbst ist nach den Worten des nigerianischen Experten Hussain Zakaria ein "fließend Englisch sprechender, westlich ausgebildeter Universitätsabsolvent, der einen luxuriösen Lebensstil führt und Mercedes fährt". In früheren Interviews erklärte sich Jusuf jedoch davon überzeugt, dass westliche Erziehung den Glauben an einen Gott zerstöre: "Wir sind der Überzeugung, dass der Regen von Gott erschaffen wurde und nicht auf der Verdunstung von Wasser beruht. Genauso lehnen wir die Theorien von Charles Darwin ab."

Boko Haram wurde 2004 bekannt, als die Gruppe an der Grenze zum Niger ein Afghanistan genanntes Trainingslager errichtete, von dem aus immer wieder Polizeistationen angegriffen wurden. Das Lager wurde später von Sicherheitskräften zerstört. Bei der Mehrheit der Muslime genießt Boko Haram kaum Unterstützung. Ein Sprecher des Dachverbandes der nigerianischen Muslime Jamaat Nasr al-Islam bezeichnete die Aktionen der Gruppe als eine Peinlichkeit für den Islam: "Niemand ist gegen westliche Erziehung. Die Angriffe auf die Polizei sind kriminell und nicht zu rechtfertigen."

In dem mit über 140 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Staat Afrikas leben etwa genauso viele Muslime wie Christen – letztere vor allem im Süden des Landes, während die Muslime im Norden in der Mehrheit sind. Dort wurde in den vergangenen zehn Jahren in zwölf Bundestaaten das islamische Rechtssystem (Scharia) eingeführt. Obwohl die Anhänger der verschiedenen Religionen vor allem in den Städten meist friedlich zusammenleben, kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Autor: Johannes Dieterich