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18. August 2017

Terroranschlag

Trauer und Entsetzen in Barcelona

Die katalanische Metropole ist nach einem Terroranschlag mit zwölf Toten geschockt / Zwei Festnahmen / IS vermutlich beteiligt.

  1. Fliehende Passanten in der Innenstadt von Barcelona Foto: dpa

MADRID/BARCELONA. Die katalanische Hauptstadt steht unter Schock. Ein Lieferwagen rast am Donnerstag in eine Menschenmenge, die Polizei geht von einem Terroranschlag aus.

Es sind erschütternde Bilder. Bilder, von denen die Polizei eins ums andere Mal bittet, sie nicht zu veröffentlichen, aber die sozialen Netzwerke sind schnell und unerbittlich. Dutzende Verletzte auf dem Pflaster der Prachtstraße Las Ramblas in Barcelona, sie liegen still da in ihrer Sommerkleidung, einige blutend, über viele Meter verstreut, dazwischen rennen Menschen umher, kopflos, sie wissen nicht, ob sie helfen oder ob sie flüchten sollen. "Wir waren wie Lämmer", sagt später Alejandra López, eine Zeugin, im Telefongespräch mit einem Fernsehsender. Lämmer, die den Wolf erblickt haben, den Wolf des Terrorismus.

Am Donnerstagnachmittag kurz nach 17 Uhr ist ein Lieferwagen mit hoher Geschwindigkeit von der Plaza de Catalunya kommend in die Rambla gefahren, wie immer voll mit Einheimischen und noch mehr Touristen, die über den Boulevard am Rande der Altstadt flanieren, die Schönheit Barcelonas genießend. Auf einer Strecke von gut 500 Metern brettert der Wagen die Straße hinunter, in leichten Schlangenlinien, es soll so viele Opfer geben wie möglich, so sieht es aus. Ein Terroranschlag, sind sich die ersten Zeugen sicher. Ein Terroranschlag, das sagt später auch die Polizei.

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Wie viele Opfer sind es, wie viele Tote, wie viele Verletzte? Darüber gibt es im Laufe des Abends ständig wechselnde Informationen. Erst ist von einem Toten die Rede, bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz um 21 Uhr bestätigt der sichtlich mitgenommene katalanische Regierungschef Carles Puigdemont, dass es mindestens zwölf Tote sind. 80 Menschen sind schwer verletzt, 15 davon schwer. Laut Heute Journal sollen drei Deutsche unter den Opfern sein.

Zeit zum Trauern, Zeit zum Beweinen der Toten bleibt an diesem Abend nicht. Die Ereignisse überschlagen sich, die Nachrichtenlage ist unübersichtlich. Die Polizei sucht den Attentäter. Oder die Attentäter. Einer oder mehrere sollen sich in einem türkischen Restaurant verschanzt haben, dem Rey de Instanbul, in einer Seitenstraße der Rambla, heißt es. Haben sie Geiseln in ihrer Gewalt? Die Polizei hält sich mit Informationen zunächst zurück. Später wird sie diese Nachricht dementieren.

Und dann gibt sie den Namen eines Mannes bekannt, der den Lieferwagen, der zur Waffe wurde, in einem Nachbarort Barcelonas gemietet habe, den Namen eines Marokkaners, der in Spanien lebt und der laut der Zeitung El País erst wenige Tage zuvor aus Marokko wieder gekommen sein soll: Driss Oukabir, 28 Jahre, vorbestraft und 2012 im Gefängnis der katalanischen Stadt Figueras eingesessen, berichtet das Blatt. Er sei festgenommen worden, heißt es. Um kurz vor 22 Uhr meldet die Zeitung La Vanguardia, dass sich ein Driss Oukabir bei den Behörden gestellt habe – sein Ausweis sei gestohlen worden. Die Lage bleibt unübersichtlich. Doch die Festnahme wird als erster Hinweis gedeutet, dass der Anschlag von Barcelona das ist, was jeder vermutet hat: ein islamistischer Anschlag. Zu diesem wird sich später am Abend auch die Terrororganisation Islamischer Staat bekennen.

Im Laufe des Abends melden die Behörden eine zweite Festnahme. Dass ein weiterer Verdächtiger nach dem Durchbrechen einer Polizeisperre in dem Vorort Sant Just Desvern in einer Schießerei mit Beamten ums Leben kommt, wie die Zeitung La Vanguardia berichtet, wird nicht bestätigt.

Dass Spanien ein Anschlagsziel werden könnte, war den Sicherheitsbehörden seit langem klar. Am 11. März 2004 hatte Spanien das folgenschwerste islamistische Attentat auf europäischem Boden erlitten: 191 Menschen starben in Madrid, als am Morgen vier Vorortzüge von Terroristen in die Luft gesprengt wurden. Auf den Anschlag war Spanien nicht vorbereitet gewesen, die Polizei war damals noch hinter baskischen ETA-Terroristen her. Doch seit jenem 11. März sind die Spezialeinheiten gegen den islamistischen Terror immer weiter aufgestockt worden, kein anderes europäisches Land hat in den vergangenen Jahren so viele Terrorverdächtige festgenommen wie Spanien.

13 Jahre ohne islamistische Attentate. Und nun Barcelona. Das wussten die Ermittler: Nach der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta ist die katalanische Hauptstadt der spanische Ort mit den meisten radikalisierten Moslems.

Am Abend ist die Lage in Barcelona noch immer konfus. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy hat seinen Urlaub abgebrochen und ist auf dem Weg nach Barcelona, melden Zeitungen. Auch das Königshaus setzt einen Tweet ab: "Das sind Mörder, einfach Kriminelle, die uns nicht terrorisieren werden. Ganz Spanien ist Barcelona. Die Ramblas werden wieder allen gehören." Aber nicht an diesem Donnerstagabend. Heute gehören sie der Angst und dem Entsetzen.

Autor: Martin Dahms