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21. August 2009

Viele Hinterbliebene sind entsetzt

Schottland hat den als Lockerbie-Attentäter verurteilten al-Megrahi aus der Haft entlassen und zum Sterben nach Libyen geschickt

  1. Die Frau des Libyers Abdel Baset Ali al-Megrahi demonstrierte im vergangene Dezember für die Freilassung ihres Mannes. Auch in Großbritannien mehren sich Stimmen, die ihn nicht für den Attentäter halten. Foto: AFP

LONDON. Heftige Anschuldigungen hat sich die Regionalregierung Schottlands mit ihrer Entscheidung zugezogen, den vor acht Jahren als Lockerbie-Bomber verurteilten Libyer Abdel Baset Ali al-Megrahi auf freien Fuß zu setzen. Hohe US-Politiker und Angehörige amerikanischer Opfer des Anschlags von 1988 bezeichneten die Freilassung am Donnerstag als empörend. Angehörige britischer Opfer klagten, dass nun die Wahrheit über Lockerbie wohl nie ans Tageslicht kommen werde.

Megrahi, der an einer unheilbaren Krebserkrankung leidet, wurde gestern von Glasgow aus in seine Heimat zurückgeflogen. Der schottische Justizminister Kenny MacAskill hatte ihn aus humanitären Gründen freigelassen. Der 57-jährige Vater von fünf Kindern war ursprünglich für die Täterschaft am größten Terroranschlag aller Zeiten in Großbritannien zu einer Mindeststrafe von 27 Jahren verurteilt worden. Megrahi soll der Bombenleger gewesen sein, der für den Absturz eines Pan-Am-Jumbos am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Städtchen Lockerbie sorgte. Zwei Drittel der 270 Opfer waren amerikanische Staatsbürger.

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Familien der Opfer sprechen von schmutzigen Deals
Aus den USA kamen die schärfsten Proteste gegen die vorzeitige Freilassung. US-Präsident Barack Obama bedauerte die Entscheidung zutiefst. Viele Angehörige von Lockerbie-Opfern sprachen von einer unglaublichen Aktion, und vermuteten "schmutzige Deals" der britischen Regierung mit den Libyern hinter der Begnadigung. Die Spekulationen wurden genährt durch jüngste Kontakte des Londoner Regierungschefs Gordon Brown, seines Industrieministers Lord Mandelson und des Herzogs von York mit Libyens Staatschef Gaddafi und dessen Sohn Saif al-Islam. Der Herzog von York, Prinz Andrew, der als Sonderbotschafter für die Geschäftsinteressen des Vereinigten Königreichs tätig ist, hielt sich in den vergangenen zwei Jahren viermal in Libyen auf.

In der Tat hat Großbritannien kommerzielle Interessen in Libyen. Die Petro-Riesen BP und Shell und der Gaskonzern BG Group sind an der Ausbeutung libyscher Energiequellen beteiligt. Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond betonte allerdings, dass man in Edinburgh "keine Rücksicht auf internationale Machtinteressen oder ähnliches" genommen habe. US-Außenministerin Hillary Clinton und eine Reihe renommierter Senatoren, unter ihnen Ted Kennedy und John Kerry, hatten Salmonds Administration vergebens von der Freilassung Megrahis abzubringen versucht.

Weniger bitter zeigten sich viele Angehörige britischer Opfer, die seit Jahren daran zweifeln, dass Megrahi der Urheber des Anschlags war. Die Betreffenden äußerten eher Enttäuschung darüber, dass mit der Haftzeit des Libyers auch dessen laufendes Berufungsverfahren zu einem vorzeitigen Ende gekommen ist. Sie hatten gehofft, dass im Laufe dieses Verfahrens entscheidende neue Hinweise auf den wirklichen Hintergrund der Lockerbie-Katastrophe ans Tageslicht kämen. Immerhin hatte Schottlands amtlicher Berufungsausschuss selbst nach dreijährigen eigenen Ermittlungen Zweifel an der Schuld Megrahis geäußert.

Vermutungen, dass palästinensische oder iranische Gruppen die Tat verübt haben könnten oder die britischen Behörden nachträglich Mängel bei der Flugsicherheit zu kaschieren suchten, kursieren schon seit geraumer Zeit. Entsprechendes neues Material wird nun aber wohl nicht mehr veröffentlicht werden, nachdem Megrahi am Dienstag, möglicherweise als Preis für seine Entlassung, den Abbruch des Berufungsverfahrens beantragte. Die Lockerbie-Angehörigen fordern eine öffentliche Untersuchung, bei der die Umstände des Vorfalls noch einmal aufgerollt werden sollen.

Autor: Peter Nonnenmacher