Großbritannien

Viele zornige Fragen in Salisbury nach Giftgasanschlag

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Mi, 14. März 2018 um 06:00 Uhr

Ausland

In Großbritannien wird nach der Giftgasattacke von Salisbury Kritik am Krisenmanagement der Regierung und Behörden laut. Die Regierung appelliert an die Bürger von Salisbury, sich selbst zu schützen.

Immer neue Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen – die Unruhe in der Bevölkerung der südenglischen Stadt Salisbury wächst spürbar. Viele Briten finden, dass Regierung und Behörden den Betroffenen den Ernst der Lage zu spät und nicht in vollem Maße vermittelt haben. Sie befürchten zudem, dass der Nervengasanschlag weitreichendere Folgen haben könnte, von denen niemand weiß.

Zugleich wird die Regierung dafür kritisiert, dass sie im Zuge ihrer drastischen Sparpolitik vor sieben Jahren die alte Spezialeinheit der britischen Streitkräfte für den Schutz vor Angriffen mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen abgeschafft hat. Ein früherer Kommandeur dieser ABC-Einheit, Hamish de Bretton-Gordon, wirft dem Kabinett vor, für einen Anschlag wie den in Salisbury unvorbereitet und blind gewesen zu sein.

Selbstschutzappell an Bevölkerung

De Bretton-Gordon sagte, dass viele Bürger sich offenkundig ängstigten. Die Regierung hätte von Anfang an offener sein müssen. "Die Leute brauchen mehr Information. Man muss ihnen sagen, was genau vor sich geht." Hätte man gleich verlauten lassen, dass das Risiko für Unbeteiligte "winzig klein" sei, wäre die Angst früher eingedämmt worden: "Jetzt aber glauben manche Leute, dass sie zwangsläufig erkranken werden."

In der Tat meldeten die Behörden zunächst, es bestehe kein Risiko für die Bevölkerung von Salisbury. Dann hieß es, das Risiko sei gering. Eine Woche nach dem Anschlag, als Polizisten und Soldaten längst in voller Schutzkleidung durch die Stadt tappten, sah sich die Regierungsverantwortliche fürs Gesundheitswesen, Sally Davies, gezwungen, einen regelrechten Selbstschutzappell an die Bürger Salisburys zu richten – und auch nur, weil der Sender BBC Wind von regierungsinternen Warnungen bekommen hatte.

Der Appell erging an rund 500 Personen, die eine Woche zuvor die beiden gleichen Lokale wie der attackierte Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julia besucht hatten. Davies forderte diese Personen auf, ihre damals getragenen Kleider sorgsam zu waschen, Kleider für die chemische Regierung in Plastiktüten zu verschließen und Brillen, Schmuckstücke und Mobiltelefone mit "baby wipes", mit Feuchttüchern für Säuglinge, abzuwischen. Die "baby wipes" entsorge man sodann im Müll. Sarkastische Reaktionen waren die Folge. Zornige Fragen wurden gestellt: Warum hat man diese Hinweise nicht schon früher erhalten? Davies’ Vorgänger Liam Donaldson erklärte, London hätte unmittelbar eine Notanlaufstelle für Gesundheitsfragen und eine Telefonhotline für Hilfesuchende einrichten sollen. Besorgte Bürger hätten sich so leichter Rat, auch zu möglichen Schutzmaßnahmen, holen können.

Mehrere Geschäfte in der Stadt sind geschlossen worden

John Ashton, ein ehemaliger Direktor für Fragen öffentlicher Gesundheit in London, klagte ebenfalls bitter: "Das System hat in dieser Situation versagt." Das habe die Bevölkerung verwirrt und das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden erschüttert.

In Salisbury wurden derweil auch diese Woche wieder neue Absperrungen, zuletzt im Parkhaus des Supermarkts Sainsbury’s, eingerichtet. Dem örtlichen Unterhausabgeordneten John Glen zufolge sind inzwischen sieben Geschäfte und mehrere andere Lokalitäten von der Polizei geschlossen worden. 250 Polizisten und 180 Militärexperten befassen sich mit dem Fall.

Für den Ex-Kommandanten de Bretton-Gordon hat das Vereinigte Königreich gar keine andere Wahl, als sein 2011 abgeschafftes ABC-Regiment "so schnell wie möglich" wieder auf die Beine zu stellen. Der Experte, der heute mehrere ärztliche Hilfsorganisationen in Syrien berät, beklagt den Mangel an Fachleuten in diesem Bereich. Denn leider, meint Hamish de Bretton-Gordon, seien chemische Waffen anderswo längst zur Norm geworden: "Wir haben uns nicht gewehrt gegen den Gebrauch chemischer Waffen in Syrien und Iran. Dafür zahlen wir jetzt den Preis." Chemische Waffen, meint er, müssten wieder ein Tabu werden. "Wir müssen eine rote Linie ziehen. Sonst benutzt bald jeder Diktator, jeder Despot, jeder Schurkenstaat und jeder Terrorist dieses Zeug."