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08. April 2010
Kopenhagen
Visite im Cyberspace: Behandlung per Internet
Die Kranken bleiben daheim, der Arzt erscheint auf dem Bildschirm: Ein Kopenhagener Krankenhaus lotet die Möglichkeiten der Behandlung per Internet aus.
50 Jahre lang hat Jens Danstrup geraucht. Das rächt sich jetzt im Alter. Aufzustehen am Morgen ist eine Qual. Der Weg in die Wohnstube raubt dem 72-Jährigen die Puste, die Treppe ist ein Leidensweg, von dem er sich erst wieder erholen muss. Der Pensionär hat COPD, "chronisch obstruktive Lungenerkrankung", Raucherlunge auf gut Deutsch. Steffen Christensen, Krankenpfleger am Kopenhagener Frederiksberg-Hospital, ist besorgt. "Das hast du schon besser gemacht", mahnt er den Patienten, der in ein Röhrchen bläst, um die Lungenkapazität zu messen. Er weist ihn an, eine extra Dosis Asthmamedizin zu inhalieren.
Sieben Lungenentzündungen hat sich Danstrup seit November zugezogen, mehrmals hat er das Bewusstsein verloren, sechsmal musste er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Auch jetzt sollte er eigentlich zur Behandlung im Hospital sein. Stattdessen sitzt er zu Hause an seinem Schreibtisch, und der Krankenpfleger drei Kilometer entfernt in seinem Büro. Beide haben einen Bildschirm vor sich, über Breitband und einen Videolink sind sie miteinander verbunden.
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per Computer messen.
Versuche mit Telemedizin, bei denen Landärzte über Internet mit Spezialkliniken verbunden sind, gibt es in aller Welt. Doch das Krankenhaus in Kopenhagen ist das bisher einzige, in dem Akutbehandlung auf diesem Weg getestet wird. Klaus Phanareth, Oberarzt und Vorsitzender der Forschungsgruppe für Telemedizin, wählte für den Versuch Patienten mit Raucherlunge aus. Acht bis zehn Prozent der Dänen leiden daran, 45 000 Einweisungen ins Krankenhaus mit Raucherlunge als Haupt- oder Nebendiagnose gibt es jährlich. Herzprobleme, Gefäßkrankheiten, Osteoporose sind häufige Folgeerkrankungen. Jedes vierte Krankenhausbett der medizinischen Abteilungen ist mit an Raucherlungen Leidenden belegt.
Danstrup ist, wie er selbst sagt, "Versuchskaninchen" in einem Test, der, wenn er positiv ausfällt, auf längere Sicht die Behandlung chronisch Kranker revolutionieren wird. Vor allem könnte er dazu beitragen, den Patienten das Leben und den Ärzten die Arbeit zu erleichtern. "Visite im Cyberspace" nennt Phanareth die Grundidee: "Untersuchung, Diagnose, Medizinierung, das dauert im Krankenhaus höchstens 30 Minuten pro Tag. Trotzdem liegt der Patient stundenlang im Bett und wartet." Und verfällt. "Menschen, die zu Hause selbstständig funktionierten, werden im Krankenbett in kürzester Zeit hilflos."
Da sei es doch für alle besser, den Kranken in seiner gewohnten Umgebung zu belassen und ihn aus der Ferne zu behandeln und zu überwachen, sagt Phanareth. "Es ist nun mal so: Die meisten Leute sind nicht gern im Krankenhaus. Sie fühlen sich unsicher, in ihrer Intimsphäre verletzt. Dazu kommen die Infektionsgefahr, die Überbelegungen, der Personalstress." Ärzte und Krankenschwestern können sich künftig dank Fernbehandlung um akute Fälle kümmern, statt unnötig Bettlägerige zu betreuen. Und das Gesundheitswesen, das durch die alternde Gesellschaft und durch teurere Behandlungsformen belastet ist, spart an jedem Kranken, der zu Hause behandelt werden kann.
"Hast du deine Temperatur gemessen?", fragt Steffen Christensen den Mann, dessen Bild er auf dem Bildschirm sieht. "Habe ich", erwidert dieser, "36,6". "Prima", lobt der Pfleger und trägt den Wert ein. "Puls?" "106." Eine wunderbare Erfindung sei die Telemedizin, sagt Danstrup, eine kolossale Erleichterung. "Ich habe ein viel entspannteres Verhältnis zu meiner Krankheit bekommen."
Um zehn Uhr ruft Christensen an, da sitzt Danstrup pünktlich vor dem Schirm. Und sofort geht es los: Ein Viertelstündchen Plaudern, Messen, Testen, dann ist die Televisite vorbei. Den Computer, einen Sauerstoffkompressor, einen Apparat zur Messung der Lungenfunktion, die Fingerklemme und eine Medizinkiste hat das Krankenhaus bereitgestellt, ein Techniker die Leitung installiert, dann wurde Danstrup durch Christensen in die Handhabung der Geräte eingeführt. Danstrup, der in seiner aktiven Zeit Architekt war, ist gewohnt, mit Computern umzugehen. "Aber wir haben auch Testpersonen, die noch nie eine einzige Mail geschickt haben", sagt der Krankenpfleger. Auch sie will man nicht abschrecken. "Wir reden nicht von Computer. Wir sagen Bildschirm, das klingt vertrauter".
Die Maschine, die den Patienten in ihre Wohnung gestellt wird, ist einfach zu bedienen: keine Tastatur, nur ein Knopf, um das Krankenhaus zu erreichen. Der Anruf geht direkt auf Christensens Handy. "Wir waren gespannt, ob sie dies ausnützen und zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen würden. Das tun sie nicht", erzählt Phanareth.
"20 Prozent der eingelieferten Kranken geht es so schlecht, dass sie in den Respirator müssen. Zehn Prozent sind Fehldiagnosen, die gleich wieder heim können", sagt Oberarzt Phanareth. Die große Restgruppe sind jene mit leichten und mittelschweren Symptomen. "Diese 70 Prozent sind die, die sich für Ferndiagnose eignen." Im Normalfall würden sie sechs bis sieben Tage im Krankenhaus bleiben. Jetzt schickt Phanareth die Hälfte von ihnen – mit deren Einverständnis – nach einem Tag Untersuchung mit dem Hilfspaket nach Hause. Die andere Hälfte wird traditionell behandelt. Dann werden die Ergebnisse verglichen. Phanareth ist überzeugt, dass die Heimpatienten nicht schlechter abschneiden. Im Gegenteil. Da sie alle Hilfsmittel daheim haben, können sie rasch reagieren, wenn sie sich schlecht fühlen.
Anfänglich schlug dem Forscher viel Skepsis entgegen. "Du bringst die Patienten um", hörte er aus Kollegenkreisen. Doch in einem von Sparzwängen geplagten Gesundheitswesen hat das Umdenken begonnen. Dänemark sei als Pilotland bestens geeignet, sagt Phanareth: eine Hightech-Gesellschaft ohne Technikfurcht, eine in einer Unzahl von Registern und Datenbanken bereits erfasste Bevölkerung.
der Hospitäler.
Doch darauf nimmt die dänische Krankenhausplanung keine Rücksicht: Sie will in den nächsten Jahren Milliarden in kolossale Neubauten investieren: "Riesenkliniken von völlig falschen Dimensionen", nennt sie Phanareth. "Man plant die Hospitäler von morgen nach der Technik von heute." Die Telemedizin könne die Krankenhäuser um "60 bis 70 Prozent der heutigen Aufgaben entlasten."
Das mit einem Spezialpflaster befestigte Stethoskop, mit dem der Arzt den Patienten über Internet abhorchen kann, das in einem Chip am Körper mitgeführte Krankenjournal, das in aller Welt abrufbar wäre – Phanareth sieht keine Grenzen für die weitere Entwicklung der Telemedizin.
Und der persönliche Kontakt? Das Menschliche? Ist es nicht seltsam, mit einem Computer zu kommunizieren? "Ich spreche nicht mit dem Computer, ich spreche mit Steffen", sagt Jens Danstrup. Mit einem Mausklick kann der Krankenpfleger sein Bild so vergrößern, dass sein Kopf auf dem Bildschirm Lebensgröße bekommt. "Dann sind wir fertig für heute", sagt er zu seinem Gegenüber, "alles Gute und bis morgen." "Bis morgen", bestätigt der Patient, dann heben beide die Hand zum Gruß.
"Hände schütteln geht ja nicht", sagt Steffen Christensen, "doch wir haben gelernt, dass das Winken zum Abschied ein wichtiges Ritual ist."
Autor: Hannes Gamillscheg
