Kampf gegen die Terrormiliz IS

Was geschieht mit den besiegten IS-Terroristen?

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mo, 11. Februar 2019 um 20:30 Uhr

Ausland

Mit dem Ort Baghouz steht die letzte IS-Enklave in Syrien vor dem Fall – doch wohin mit den gefangenen Fanatikern und ihren Familien? Einige Dschihadisten stammen aus Deutschland.

Aus dem hintersten Winkel Syriens kommen dieser Tage ungewöhnliche Bilder. Scharenweise lassen sich demoralisierte Kämpfer der Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) von Soldaten der von Kurden dominierten Syrisch-Demokratischen Kräfte gefangen nehmen und in Bussen abtransportieren. Hunderte verschleierte Frauen und Kinder flüchten zu Fuß durch die Wüste, um sich hinter den Linien der arabisch-kurdischen Angreifer in Sicherheit zu bringen.

Seit dem Wochenende läuft der entscheidende Sturmangriff auf die letzte syrische IS-Bastion Baghouz, in der sich noch 400 bis 600 Bewaffnete verbarrikadiert halten sollen. Angesichts dieses Massenexodus bekamen viele Regierungen – darunter Deutschland, Frankreich, Belgien, Tunesien und Marokko – Post aus Washington. Sie sollen ihre Fanatiker zurücknehmen und vor nationale Gerichte stellen, forderten die Amerikaner. Denn die Kurden möchten ihre brisanten Gefangenen möglichst rasch loswerden. Und so wächst in den Augen des Pentagons die Gefahr, die nordsyrischen Verbündeten könnten die IS-Verbrecher schon sehr bald wieder laufen lassen.

Noch im Februar will US-Präsident Donald Trump den Sieg über den IS in Syrien ausrufen. Bis Ende April sollen dann die meisten der amerikanischen Spezialeinheiten abrücken. Etwa 1000 mutmaßliche Dschihadisten sowie 2000 Frauen und Kinder aus mehr als 50 Nationen haben die Kurden inzwischen in Gewahrsam, darunter 40 Deutsche wie den 28-jährigen Martin Lemke aus Zeitz in Sachen-Anhalt, der beim IS-Geheimdienst Amnijat an Gräueltaten beteiligt gewesen sein soll, und den Deutsch-Algerier Fared Saal aus Bonn. Der 29-Jährige machte mit einem infamen Propagandavideo von sich reden, als er die Leichen syrischer Soldaten schändete und sie als "dreckige Kuffar" (Ungläubige) beschimpfte. Die deutsche Justiz ermittelt gegen ihn wegen Kriegsverbrechen. Trotzdem will er zurück, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem ARD-Weltspiegel. "Wenn es nun Gefängnis sein muss, dann natürlich bevorzuge ich ein Gefängnis, wo man gewisse Rechte hat. Menschenrechte et cetera."

Die meisten Herkunftsländer sträuben sich jedoch, ihre IS-Kämpfer zurückzunehmen. Gegen viele IS-Gefangene lägen daheim Haftbefehle vor, weiß Omar Abdelkarim, Außenbeauftragter der syrischen Kurden. Trotzdem übernehme kein Land die moralische und juristische Verantwortung. In Tunesien gab es bereits vor zwei Jahren Aufruhr in der Bevölkerung, die ihre hochgefährlichen Landsleute nicht wiedersehen möchte. Auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien zögern. Strafverfolger befürchten, nicht genügend Beweise aus Syrien zusammentragen zu können, die für eine Verhaftung ausreichen.

Andere Terroristen wiederum, deren Untaten gut belegt seien, müssten später über Jahre in Haftanstalten isoliert werden, damit diese ihre Mitinsassen nicht radikalisierten. Denn das einstige "Islamische Kalifat" ist keineswegs besiegt. Während die Gotteskrieger auf syrischer Seite derzeit vor dem militärischen Zusammenbruch stehen, gewinnen sie im Irak schon wieder an Stärke. Die Zahl der Bomben- und Mordanschläge steigt. In Mossul und der Ninive-Ebene tauchten kürzlich erneut schwarze IS-Flaggen auf. Studien schätzen die Zahl der verbliebenen Dschihadisten auf 20 000 bis 30 000. Auch der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi ist bisher nicht gefasst.