Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. Juli 2012 00:01 Uhr

Blutbad

Wer steckt hinter dem Massaker in Syrien?

Syrische Oppositionsaktivisten melden ein neues Massaker: Bis zu 250 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, sollen in Tremseh von Assads Schabiha-Milizen getötet worden sein.

  1. Kämpfer der Freien Syrischen Armee (SFA) beim Training Foto: AFP

DAMASKUS/LIMASSOL. Die Regierung in Damaskus bestreitet die Darstellung der Aufständischen und macht "terroristische Banden" für die Gräueltaten verantwortlich.

Beide Seiten berufen sich auf Augenzeugen, deren Aussagen nicht überprüft werden können. Dennoch ist es möglich, anhand der vorliegenden Informationen, die teilweise sogar übereinstimmen, ein noch unvollständiges Bild der Geschehnisse nachzuzeichnen.

Das 35 Kilometer westlich von Hama liegende Tremseh wurde in der Nacht zum Donnerstag von Oppositionsmilizen erobert. Ihre Präsenz in der 10 000-Einwohner Ortschaft wird von allen Aktivisten ausdrücklich bestätigt. Die reguläre syrische Armee reagierte auf den Verlust von Tremseh mit einer über Jahrzehnte bewährten Strategie: Sie umzingelte die Ortschaft, um sie nach einem von Helikoptern unterstützten Artilleriebombardement zurückzuerobern. Die Freie Syrische Armee (SFA), zitiert Reuters einen Sprecher der Rebellen, habe heroischen Widerstand geleistet, dürfte aber zum wiederholten Mal ihre militärische Stärke überschätzt haben.

Werbung


Unklar ist, wann genau das Massaker verübt worden ist: Nach Angaben der Opposition sollen Assads Schabiha-Milizen nach dem Angriff der Armee mit dem Töten begonnen haben. Damaszener Regierungsquellen wiederum behaupten, die SFA habe das Massaker unmittelbar nach der Eroberung von Tremseh begangen, also gut zwölf Stunden früher. Beide Darstellungen könnten zutreffen: Denkbar wäre, dass die SFA einige Bewohner von Tremseh für ihre Kooperation mit dem Regime bestraft hat. Das wäre nicht das erste Mal gewesen. Durchaus vorstellbar ist auch, dass die Schabiha-Milizen in der Ortschaft ein Exempel statuieren wollte, was schon häufiger vorgekommen ist.

Oppositionsaktivisten vergleichen das Massaker von Tremseh mit dem in al-Hula, wo im Mai 100 Zivilisten angeblich von Assad-Milizen ermordet wurden. Nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zweifelt nun auch der britische Sender BBC an der Schuld des Regimes und hält es für möglich, dass die Täter in al-Hula Rebellen waren. "Gestützt auf das Internetportal Youtube verfolgen sie in Syrien eine brillante Wachmacher-Strategie, mit der Dinge vermittelt werden sollen, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen", bemerkt BBC-Nachrichtenchef John Williams in seinem Weblog. Die Wahrheit in Syrien, fügt er hinzu, sei niemals schwarz oder weiß, sondern läge immer im Graubereich.

In Tremseh, dem Schauplatz des jüngsten Horrors in Syrien, dürfte dies nicht anders sein. Nüchtern betrachtet sind vermutlich beide Seiten für die Gräueltaten verantwortlich: die Rebellen, weil sie sich nach der Eroberung der Ortschaft hinter Zivilisten verschanzten und damit so genannte "Kollateralschäden" in Kauf nahmen. Und die Assad-Armee, die wieder einmal ohne Rücksicht auf Verluste Tremseh bombardierte und deren Bewohner in Sippenhaft nahmen. Welche Abrechnungen im Verlaufe der kriegerischen Auseinandersetzungen darüber hinaus noch stattfanden, könne "gegenwärtig nicht geklärt werden", sagte der Chef der UN-Beobachter in Syrien, der norwegische General Ronert Mood.

Fest steht lediglich, dass das Massaker, wer auch immer es verübt hat, von der syrischen Opposition zu einem, so zynisch es auch klingen mag, für sie äußerst günstigen Zeitpunkt, nämlich während der Diskussionen um ein noch härteres Vorgehen gegen das Assad-Regime, politisch instrumentalisiert wird. Sie will ein militärisches Eingreifen in Syrien unter Berufung auf Kapitel VII der UN-Charta, in dem die Durchsetzung von Resolutionen mit militärischen Mitteln geregelt sind.

Die syrische Opposition fordert seit Monaten eine militärische Intervention westlicher Staaten. Doch das wird von Russland und China kategorisch abgelehnt.

Autor: Michael Wrase