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19. August 2017

Spanien

Polizei und Bürger in Barcelona arbeiten die Attentate auf

"Wir haben keine Angst" - das ist die Parole der Bürgerinnen und Bürger von Barcelona nach den Terroranschlägen vom Donnerstag. Nach und nach werden immer mehr Details über die Attentäter bekannt.

  1. Der Wagen, in dem fünf Terroristen vor der Polizei flüchteten, wird in Cambrils abtransportiert. Das Auto hatte sich während der Verfolgungsfahrt überschlagen. Foto: AFP

Der Terror kündigte sich am Donnerstagmittag mit einer Polizeimeldung an: In Alcanar, einer 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde am Mittelmeer in der Provinz Tarragona, hatte sich am späten Mittwochabend eine Gasexplosion ereignet, die kilometerweit zu hören war. Ein Wohnhaus stürzte in sich zusammen, einer der Bewohner starb, der andere wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht, auch in den Nachbarhäusern gab es Verletzte. Eine lokale Tragödie, so schien es.

Wenige Stunden später raste in Barcelona ein Lieferwagen über Las Ramblas, den belebtesten und bekanntesten Boulevard der Stadt, tötete 13 Menschen und verletzte fast 100 weitere. Gegen Mitternacht erklärte der Chef der katalanischen Polizei, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen der Gasexplosion und dem Attentat im 200 Kilometer entfernten Barcelona.

Der Fahrer des Lieferwagens war, dies lag damit schon nahe, kein Einzeltäter. Offenbar gab es eine Terrorzelle, die ihn unterstützte und deren Mitglieder ebenso zum Schlag bereit waren wie der Attentäter von Barcelona. Am frühen Freitagmorgen bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen: der nächste Anschlag, diesmal in Cambrils, einem Badeort auf halbem Wege zwischen Alcanar und Barcelona.

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Wieder war es ein Auto, das nahe der Strandpromenade von Cambrils auf Fußgänger zusteuerte, bis es von einer Polizeistreife gestoppt wurde. Fünf Männer sprangen heraus, offenbar mit Messern und Macheten bewaffnet. Zudem trugen sie Sprengstoffgürtel, die sich später als Attrappen herausstellten. Ein Polizist erschoss vier der Männer auf der Stelle. Der fünfte Mann konnte fliehen, nach 500 Metern wurde er zur Strecke gebracht. Sieben Menschen wurden verletzt, eine Frau erlag am Freitagmittag den Verletzungen. Sie ist das 14. Todesopfer in diesen Terrortagen.

Möglicherweise gibt es noch ein 15. Opfer. Am Donnerstagabend hatte ein Wagen eine der Polizeisperren in Barcelona durchbrochen. Die Beamten schossen auf den Wagen, der weiterfuhr. Ein paar Kilometer jenseits der Sperre fand man das abgestellte Auto und auf dem Rücksitz die Leiche eines Mannes, der offenbar erstochen worden war. Es war der Besitzer des Wagens. Die Polizei spekuliert, dass er von dem Attentäter, der zuvor in die Ramblas gerast war, entführt und ermordet worden ist.

Ansonsten hielt sich die Polizei mit der Bekanntgabe von Einzelheiten zurück. Doch es sieht danach aus, als ob die beiden Männer in Alcanar mit Butan- und Propangasflaschen hantiert hätten, die wahrscheinlich als Bomben eingesetzt werden sollten. Die Terroristen in Barcelona und Cambrils zogen ihre Attentatspläne nach der ungeplanten Explosion möglicherweise vor und fuhren mit ihren Autos los, ohne sie mit den Gasflaschen zu bestücken.

Im Auto des Attentäters von Barcelona fand die Polizei den Pass eines Marokkaners mit Wohnsitz in Ripoll, 100 Kilometer nördlich von Barcelona. Sofort veröffentlichten die spanischen Medien das Bild des Passinhabers, manche nannten ihn ohne Umschweife "Terrorist". Eine Streife in Ripoll nahm den Mann am Donnerstag fest. Doch der Fahrer des Lieferwagens war nach Überzeugung der Polizei nicht er, sondern möglicherweise sein 17-jähriger Bruder, der nach der Tat aus dem Auto sprang und davonrannte. Die Zeitung El Mundo berichtet über ihn, dass seine Radikalisierung über die vergangenen zwei Jahre in sozialen Netzwerken nachvollziehbar sei. Am frühen Freitagabend gab die Polizei bekannt, dass einer der fünf in Cambrils erschossenen Terroristen der 17-Jährige sei.

Für die spanischen Terrorfahnder sind diese Attentate ein herber Schlag. Nach den Madrider Attentaten vom 11. März 2004, den mit 191 Toten bisher folgenreichsten auf europäischem Boden, waren die Spezialeinheiten für den Kampf gegen den islamistischen Terror stark aufgestockt worden. Jahr für Jahr gab es Dutzende Festnahmen, besonders viele in Barcelona mit seiner großen radikalislamischen Szene. Mehr als 13 Jahre lang gelang den Terroristen kein neuer Schlag. Doch jetzt ist den Fahndern offenbar kein schnell radikalisierter Einzeltäter durch die Finger geschlüpft, sondern ein organisiertes Netzwerk. Der Sicherheitsexperte Chema Gil macht den Ermittlern dennoch keine Vorwürfe. Trotz allem habe es sich um Attentate von "geringer organisatorischer Komplexität" gehandelt, und solcherlei Planungen seien im Vorhinein schwer zu entdecken.

Unter den Toten und Verletzten sind Menschen 18 verschiedener Nationalitäten – sehr viele von ihnen waren zu Besuch in der Mittelmeerstadt, einem der beliebtesten Reiseziele Europas. Offiziellen Angaben zufolge wurden 13 Deutsche verletzt; zwei davon schwebten am Freitagabend noch in Lebensgefahr. Zwei verletzte Jugendliche aus Baden-Württemberg, die mit einer evangelischen Jugendgruppe aus Rastatt in Barcelona waren, konnten die Klinik nach SWR-Angaben inzwischen wieder verlassen. Noch sind nicht alle Todesopfer identifiziert wird.

Am Mittag versammelten sich tausende Menschen zu einer Schweigedemonstration auf der Plaça de Catalunya, dem Platz am nördlichen Ende der Ramblas, von dem aus der Attentäter seine Todesfahrt begonnen hatte. Dort bot sich ein ungewöhnliches Bild: Nebeneinander standen Ministerpräsident Mariano Rajoy, König Felipe, der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont und die sichtlich gerührte Bürgermeisterin Ada Colau. Die katalanische Regierung betreibt seit zwei Jahren die Abspaltung Kataloniens von Spanien, am kommenden 1. Oktober plant sie ein Referendum abzuhalten, das die spanische Regierung verhindern will. Doch an diesem Freitag waren die zerstrittenen Politiker in Trauer vereint.

Das Schweigen durchbrachen die Demonstranten nur, um vielstimmig einen Satz zu skandieren: "Ich habe keine Angst!" Der Terror soll nicht ihren Alltag bestimmen. Die Spanier haben das schon einmal geschafft, nach den Attentaten 2004 in Madrid. Spanien ist eine weltoffene Gesellschaft, und Barcelona wird eine weltoffene Stadt bleiben.

Autor: Martin Dahms