Erderwärmung

Wir müssen unsere Treibhausgas-Emissionen halbieren, um das Pariser Klimaziel zu erreichen

Christoph Müller

Von Christoph Müller

Di, 09. Oktober 2018 um 17:11 Uhr

Ausland

Nach Ansicht des Weltklimarats (IPCC) ist es noch möglich, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad im Jahresschnitt zu begrenzen. Die Frage ist, ob die nötigen Veränderungen dafür politisch durchsetzbar sind.

Nach Ansicht des Weltklimarats (IPCC) ist es nach wie vor möglich, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad im Jahresschnitt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Die Frage bleibt aber unbeantwortet, ob die dazu erforderlichen Veränderungen politisch durchsetzbar sind.

"Jedes Zehntelgrad zählt", sagte Jim Skea, einer der Leitautoren des neuen Berichts des Weltklimarats. Darin haben Wissenschaftler den Kenntnisstand zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zusammengefasst. In dem Abkommen versprechen die Länder "Anstrengungen zu unternehmen, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen". Im Vergleich zu einer Erwärmung um zwei Grad hätte dies große Auswirkungen, wie der IPCC-Bericht nun zeigt. Das halbe Grad Unterschied entscheidet etwa darüber, ob es noch Korallenriffe geben wird oder nicht. Es entscheidet, ob 1,8 Millionen Quadratkilometer Permafrost, die fünffache Fläche Deutschlands, auftauen oder nicht. Und es entscheidet darüber, wie oft der Nordpol im Sommer eisfrei ist: Einmal in zehn oder einmal in hundert Jahren?

Das 1,5-Grad-Ziel ist allerdings deutlich anspruchsvoller zu erreichen als das 2-Grad-Ziel. Für 1,5 Grad müssen die globalen Emissionen an Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um 45 Prozent sinken, für 2 Grad lediglich um 20 Prozent. Auch jenes Jahr, in dem die Emissionen unterm Strich auf null sinken müssen, ist deutlich früher: 2050 für 1,5 Grad statt 2075 für 2 Grad. Außerdem beruhen fast alle 1,5-Grad-Szenarien darauf, dass der Atmosphäre CO2 entzogen und anschließend unterirdisch verpresst wird. Der Bericht schreibt denn auch: Die für das 1,5-Grad-Ziel erforderlichen Veränderungen seien "beispiellos hinsichtlich ihres Ausmaßes". Allerdings machen die Forscher auch Mut: Derart schnelle Veränderungen habe es in der Vergangenheit schon gegeben – "innerhalb spezifischer Sektoren, Technologien und räumlicher Kontexte". Auch die Kosten seien beherrschbar: Für 1,5 Grad müssten die Investitionen in die Energieversorgung um zwölf Prozent höher liegen als für 2 Grad.



IPCC-Chef Hoesung Lee meint: Es sei "nicht unmöglich", das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen. Dies beziehe sich allerdings nur auf die physikalisch-chemische und technologische Dimension der erforderlichen Veränderung, sagte Jim Skea. "Ob das politisch und institutionell machbar ist, kann von Wissenschaftlern nicht abgeschätzt werden."

Die EU müsste ihre Klimaziele deutlich anheben

Einen Fingerzeig, ob der politische Wille vorhanden ist, könnte die Sitzung der EU-Umweltminister an diesem Dienstag geben. Wenn man den IPCC-Bericht ernst nimmt, müsste die EU ihr Klimaziel für das Jahr 2030 deutlich anheben. Bislang strebt sie eine Emissionsreduktion von 40 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 an. Für das 1,5-Grad-Ziel wäre aber eine Reduktion um 53 Prozent erforderlich.

Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ist skeptisch, dass dies durchsetzbar ist: "Politisch und auch gesellschaftlich erscheint das sehr unrealistisch." Umgekehrt habe der IPCC-Bericht aber auch eine Wirkung auf die Politik, sagte Niklas Höhne vom New Climate Institute: "Durch den Bericht steigt der Handlungsdruck enorm."

Dies liegt nicht zuletzt an der Art, wie der IPCC seine Berichte erstellt. Erst haben Wissenschaftler sämtliche aktuellen Studien ausgewertet und einen gut 400-seitigen Bericht erstellt. Anschließend haben Diplomaten über die "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" verhandelt, die noch 33 Seiten hat. "Die Tatsache, dass jeder Staat der Zusammenfassung zustimmen muss, gibt dem Bericht enorme Legitimität", sagte Höhne. "In der Vergangenheit wurden die Berichte des IPCC immer als Richtschnur für politisches Handeln herangezogen." Für manche Länder gilt dies allerdings nur noch eingeschränkt: Die USA haben mitgeteilt, die US-Zustimmung "sollte nicht als US-Unterstützung für alle Erkenntnisse und Schlüsselaussagen verstanden werden".