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04. April 2012

Nuba-Berge im Sudan

Wo sonst keiner mehr hinfährt

Unterwegs mit einem Helfer in den umkämpften Nuba-Bergen.

Andere putzen ihr Auto, wenn sie Gäste zu transportieren haben, Raphael Veicht hat seinen Landcruiser fein säuberlich von oben bis unten mit Dreck beschmiert. "Ihr werdet schon noch sehen, warum", sagt der beleibte Krankenpfleger mit bayerischem Akzent und zwängt sich hinters Steuer. Es ist mittags um zwölf, knapp zehn Grad nördlich des Äquators und unerträglich heiß. Vor uns liegt eine fast 300 Kilometer lange Strecke in die sudanesischen Nuba-Berge, die gut zehn Stunden in Anspruch nehmen wird, denn die Wege sind hier in Wahrheit kleine Gebirge.

Noch gefährlicher als der aufgewühlte Untergrund ist jedoch, was von oben kommen kann: Russische Antonow-Flieger, die ziemlich ungezielt ihre Bomben fallen lassen. Veicht traut dem tarnenden Lehmanstrich seines Fahrzeugs nicht ganz: Er lässt beim Fahren außerdem das Wagenfenster offen, um rechtzeitig das Brummen der Flugzeuge zu hören. Als der Fall nach knapp zwei Stunden Fahrt eintritt, steuert er seinen Geländewagen unter einen Mangobaum: Rauchwolken zeigen an, dass die Bomben mehrere Kilometer weiter nördlich niedergegangen sind.

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Der Vorfall lässt den Angestellten der deutschen Hilfsorganisation Cap Anamur kalt. Wer wie der 30-Jährige schon seit drei Jahren in den Nuba-Bergen lebt, ist pfeifend vom Himmel fallende Bomben gewöhnt: Das zwischen dem (Nord-)Sudan und seinem vor einem Jahr abgespalteten Süden gelegene Territorium ist Kriegsgebiet, auch wenn die Welt von den Gefechten kaum etwas weiß. Die Strecke zwischen dem auf südsudanesischem Gebiet gelegenen Flüchtlingslager Yida, und der Nuba-Stadt Kauda ist der einzige derzeit noch offene Zugang zum Cap-Anamur-Hospital in Lwere, seit sich auch die letzte Chartergesellschaft weigert, Kauda weiter anzufliegen.

Veicht saß in der 40 Jahre alten Maschine, die Ende vergangenen Jahres als letzte Kauda verließ und wenige Minuten später in der Luft von einer Antonow angegriffen wurde. "Es war das erste Mal, dass ich wirklich Angst hatte", sagt der Krankenpfleger leise. Wenige Kilometer nördlich der Straße verläuft die Front. Gelingt es den Truppen des vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagten Präsidenten Omar al Baschir, bis zu der holprigen Arterie vorzudringen, wäre Veicht von der Außenwelt vollends abgeschnitten. Der Helfer ist einer von nur einer Handvoll Bleichgesichtern, die den Nuba-Bergen bisher noch nicht den Rücken gekehrt haben: "Wenn man mich irgendwo braucht", brummelt der Niederbayer, "dann ist es hier."

Den Eindruck, wirklich gebraucht zu werden, hatte Veicht im Münchner Universitätskrankenhaus von Großhadern schon lange nicht mehr, wo er in sieben Jahren zum mehrfach spezialisierten Pfleger ausgebildet wurde. "Dort machen sie vieles nicht weil es nötig oder menschlich wäre, sondern einfach weil sie es machen können. Das hat mich angepisst." Eine Kollegin, die gelegentlich auch für eine Hilfsorganisation arbeitete, erzählte ihm vom Südsudan: "Das hat mich nicht mehr in Ruhe gelassen."

Es ist fast Mitternacht, als der Landcruiser schließlich das Hospital in Lwere erreicht: Er werde nie verstehen, warum Rallye-Fahrer so etwas zum Spaß machen, sagt Veicht und steigt aus dem Fahrzeug. Auf den Cap-Anamur-Mann wartet neben dem Krankenhaus ein kleiner Komplex rustikaler Hütten ohne Strom und fließendem Wasser, die derzeit alle unbewohnt sind – auch zu essen gibt es nichts, weil der Nachschub unterbrochen ist. Die Befreiungsbewegung SPLA hat sämtliche Lastwagen für den Transport ihrer Truppen konfisziert. "Macht nichts", sagt Veicht und brüht sich einen der letzten verstaubten Teebeutel zu einem Nachttrunk auf: "Ich bin ohnehin zu dick."

Am nächsten Morgen steht der Bär mit dem Ziegenbärtchen schon um acht Uhr wieder auf den Beinen. Vor dem Krankenhaus haben sich bereits mehrere Dutzend Patienten eingefunden, die im Schutz der Nacht zum Hospital gewandert sind. Darunter Kinder im Malariafieber, andere vollkommen ausgemergelt, hochschwangere Frauen und Männer mit Gewehrkugeln im Leib. Veicht legt Verbände an, teilt unternährten Wichten "Plumby-Nut"-Paste aus, verabreicht vom Krieg traumatisierten Frauen Antidepressiva und übt in Patientengesprächen seine rudimentären Kenntnisse in einem der Nuba-Dialekte. Das von Cap Anamur bereits vor 14 Jahren gebaute Krankenhaus ist eines von lediglich zwei Hospitälern, das den rund 400 000 Nuba noch zur Verfügung steht.

Auch zu essen

gibt es nichts

Die Klinik hat eine Apotheke, in der die Malariamedikamente und Antibiotika inzwischen knapp werden, eine Intensivstation mit schiefem Dach und einen kleinen Operationssaal, in dem Veicht, wenn es nötig ist, auch mal zum Skalpell greifen kann. Das Schlimmste, sagt der Krankenhauschef, seien für ihn Kinder, die ins Feuer gefallen sind, oder jene, die von den Kuren der Medizinmänner regelrecht vergiftet wurden. Doch zu denken geben ihm auch die Männer, die in der Station gleich neben dem Eingang liegen: Kämpfer der Befreiungsbewegung SPLA, deren Körper von Bombensplittern übersät sind. Die Klinik wird von der SPLA als Lazarett genutzt: "Sollen wir die Soldaten etwa vor dem Krankenhaus sterben lassen?", fragt Veicht und zieht die Augenbrauen hoch.

Neutralität ist in den Nuba-Bergen ein fremder Begriff – entweder man hilft der einen oder der anderen Seite. Veicht ist sich sicher, dass sein Krankenhaus auf der richtigen Seite liegt: Schon seit Jahrzehnten kämpfen die afrikanischen Nuba für ihre Unabhängigkeit von der arabisch dominierten Regierung in Khartum, deren Vertreter sie stets nur als arrogante Herren oder grausame Kriegsherren erlebten. Auch als der Südsudan vor einem Jahr seine lang erkämpfte Unabhängigkeit errang, blieben die Nuba außen vor: Ihr Gebiet liegt etwas zu nördlich, um zum Südsudan geschlagen zu werden. "Wen könnte das Schicksal dieser Leute kalt lassen?", fragt Veicht: "Außerdem sind sie so nett, wie ich das noch nirgendwo anders erlebte."

Die Sympathie des Menschenretters ist allerdings auch nicht bedingungslos: Sollte die SPLA wie Rebellen andernorts in Afrika mal Kinder rekrutieren oder die Menschenrechte in anderer Weise mit Füßen treten, "packe ich hier noch am selben Tag die Koffer". Solange das nicht der Fall ist, bleibt Veicht da, rennt, wenn die Antonows kommen, mit dem Personal und den Patienten, die noch rennen können, Schutz suchend ins nahe gelegene Flussbett, isst abends im Kreis einer Familie in Lwere geschmacklosen Okra-Schleim mit Sorgumbrei und vergrößert seinen Nuba-Wortschatz. "Ich könnte hier auch mal ein Jahr leben, ohne ein anderes weißes Gesicht zu sehen", sagt der mal ketten- mal gar nicht rauchende Krankenpfleger: Schließlich ist der aus dem Dörfchen Grafenau bei Passau kommende Bayer den Umgang mit Schwarzen gewöhnt. "Ich war aber schon immer links", schmunzelt Veicht, "vom linken Flügel der CSU."

Daheim in Grafenau versteht keiner so ganz, was der Raphael im fernen Afrika eigentlich tut. Der Mutter erzählt er so wenig wie möglich, damit sie sich keine Sorgen macht. Und die Oma denkt, der Enkel befinde sich in Kriegsgefangenschaft, denn der Letzte der Familie, der sich länger als einen Urlaub lang im Ausland aufhielt, war Opa damals in Sibirien. Auch seine Freundin kam mit Raphaels ungewöhnlicher Tätigkeit schließlich nicht mehr klar: Sie beendete die Beziehung, weil ihr der Freund nach jeder Rückkehr aus den Nuba-Bergen fremder wurde.

Gewiss habe er sich verändert, räumt Raphael ein: Er sei ernster geworden, könne sich inzwischen aber auch über einen verstaubten Teebeutel freuen. Und habe kein Verständnis mehr dafür, wenn in Deutschland wochenlang die Nachfolge von Thomas Gottschalk debattiert wird. Seine Verbindung zur Heimat ist schon fast so prekär wie der Weg, der zumindest derzeit noch aus den Nuba-Bergen führt: Die Piste wird immer häufiger von Regierungssoldaten angegriffen – das letzte Mal, als Veicht sie zurücklegte, war die Gegend um den Mangobaum, der ihm einst Schutz bot, mit Leichen übersät.

Inzwischen hat auch die Schlacht um die Provinzstadt Tolodi begonnen, deren Artillerieduelle im Krankenhaus von Lwere bis spät in die Nacht zu hören sind: Fast ununterbrochen kreisten die Antonows am Himmel, berichtet der Pfleger und fügt in seiner ihm eigenen lakonischen Art hinzu: "Schau’ mer mal."

Autor: Johannes Dieterich