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19. August 2010
Zu Allah beten neben Ground Zero?
In den USA protestieren Konservative gegen eine geplante Moschee nahe der Einsturzstelle des World Trade Centers / Präsident Obama knickt ein.
"Tod den Muslimen" – laut schallt der Ruf über die enge Straße und lässt die Handvoll Touristen erschrecken, die eigentlich nur die neueste Sehenswürdigkeit auf der New Yorker Stadtkarte abhaken wollen. Dabei ist der Ruf "nur" der derbe Scherz eines staubbedeckten Bauarbeiters, der mit ein paar Kollegen nach der Schicht auf der Baustelle des einstigen World Trade Centers im Dakota Roadhouse einige schnelle Biere gezischt hat. Lachend zieht der Trupp nach der gelungenen Provokation weiter.
Ismael macht das wütend. So etwas komme neuerdings wieder öfter vor, sagt der Pakistani, der schräg gegenüber der Kneipe seine Zeitungen verkauft. Von morgens bis abends hat Ismael nicht nur die dunkle Kaschemme und den Supermarkt der strengreligiösen Amish, sondern vor allem die beiden betagten, fleckig-beigen Gebäude dazwischen vor Augen. Hier, in der Park Place im unteren Manhattan, nur zwei schmale Blocks von New Yorks offener Wunde entfernt, soll ein islamisches Gemeindezentrum entstehen. Zuvor muss eine Kleiderfabrik abgerissen werden, die schwer getroffen wurde, als am 11. September 2001 Wrackteile eines der beiden Flugzeuge durch das Dach krachten.
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Für 4,8 Millionen Dollar, ein Schnäppchen für New Yorker Verhältnisse, hat der Immobilienmakler und gläubige Moslem Sharif El Gamal die beiden lädierten Gebäude der früheren Burlington Coat Factory im vergangenen Jahr gekauft. "Wir wollen etwas bauen, was es in dieser Stadt noch nicht gibt. Wenn Menschen New York besuchen, sollen sie auch hierhin kommen, das andere Gesicht des Islam sehen und die Architektur bestaunen", schwärmte El Gamal, ein Kind Brooklyns mit polnischer Mutter und ägyptischem Vater, im Frühjahr von dem 100-Millionen-Projekt. Es soll auf 13 Etagen Gebetsraum und Seniorenzentrum, Schwimmbad und Theatersaal bieten.
Interessiert hatte das damals nur wenige New Yorker. Doch inzwischen, ein paar Monate später, ist "Park 51" zum nationalen Aufreger Nummer Eins im ausbrechenden Kongresswahlkampf und zum Test für die Grenzen der Toleranz in den USA geworden. Ein islamisches Zentrum, eine Moschee so nah am blutgetränkten Boden des Ground Zero? Das lässt auch viele von denen zusammenzucken, die sonst die verfassungsmäßig verbriefte Religionsfreiheit verteidigen. Dabei wird in der 152 Jahre alten Kleiderfabrik schon seit ihrem Verkauf jeden Freitag in einem improvisierten Andachtsraum im Erdgeschoss gebetet, ohne dass bislang jemand daran Anstoß nahm.
"Wir sind auf einem gefährlichen Weg, wenn Amerika beginnt, gesellschaftliche Gruppen auszugrenzen", warnt der Washingtoner Rabbi Bruce Lustig, der den Bau des islamischen Zentrums eben so unterstützt wie New Yorks republikanischer Bürgermeister Michael Bloomberg oder Adele Welty, die ihren Sohn, einen Feuerwehrmann, beim Einsturz der Zwillingstürme verloren hat. "Das Zentrum ist ein Geschenk an die Bürger New Yorks", sagt Lustig.
Das Zentrum, die Moschee einfach weiter weg zu bauen, ist für Adele Welty keine Antwort. "Um wie viele Straßenzüge geht es? Sind fünf Blocks okay? Ein anderer Bezirk? Eine andere Stadt? Wir kritisieren moderate Muslime, dass sie sich nicht zu Wort melden. Und wenn sie es tun, werden sie niedergemacht."
Ort des Dialogs oder Symbol religiöser Arroganz – seit vor allem Teile von Amerikas Rechter um die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin oder den Republikaner Newt Gingrich aus politischem Kalkül Öl ins Feuer kippten, ist die Debatte gänzlich eskaliert. Pastor Terry Jones aus Gainesville in Florida ruft inzwischen dazu auf, am neunten Jahrestag der Anschläge den Koran öffentlich zu verbrennen. "Der Islam ist des Teufels", sagt der Evangelikale, den auch Proteste bislang nicht in seiner Meinung zu erschüttern vermochten.
Islamfeindliche Gruppierungen haben Werbeflächen auf New Yorker Stadtbussen angemietet, um die Stimmung weiter anzuheizen. "Why there?" – "warum dort?" – soll auf den Werbebannern der Busse stehen, die das brennende und qualmende World Trade Center und eine überdimensionierte Moschee mit riesigem Halbmond an der Fassade zeigen.
"Das Klima der Intoleranz wächst", stellt der renommierte Islam-Professor Akbar Ahmed betrübt fest. In all der Hysterie droht unterzugehen, dass unter den 2800 Opfern der September-Anschläge auch New Yorker moslemischen Glaubens waren und Amerika keineswegs in Gefahr schwebt, islamisiert zu werden. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Moscheen von 1200 auf gerade einmal 1900 gewachsen.
Feisal Abdul Rauf, der Imam der moslemischen Gemeinde im unteren Manhattan, steht nicht im Verdacht, ein verkappter Islamist zu sein. Seit drei Jahrzehnten bemüht er sich um Verständigung, er war einer der ersten Muslime, der die Attentate vom 11. September öffentlich entschieden verdammte. Er beriet danach Präsident George W. Bush und das FBI und tourt momentan im Auftrag von Präsident Barack Obama durch diverse arabische Staaten, um die Botschaft zu übermitteln, dass Muslime in den USA nicht diskriminiert werden. Aber die hysterische Debatte daheim macht seine Aufgabe nicht eben leichter.
"Amerikaner, die wenig wissen über den Islam, werden bombardiert mit Blogs und Mails. Das verunsichert und ängstigt sie", meinte die Präsidentin der Islamischen Gesellschaft Nordamerikas, Ingrid Mattson. So massiv sind inzwischen die Widerstände gegen das Projekt, dass selbst Präsident Barack Obama zurückgewichen ist. "Religiöse Freiheit ist unantastbar. Und das beinhaltet das Recht, einen Ort zum Gebet und ein Gemeindezentrum im unteren Manhattan zu bauen", hatte der Präsident zum Auftakt des islamischen Fastenmonats Ramadan im Weißen Haus noch markig verkündet. Tags drauf, als ein Sturm der Entrüstung durchs Land fegte und Obama einmal mehr als "anti-amerikanisch" und verkappter Muslim angeprangert wurde, relativierte er seine eigenen Worte. Er habe nicht die Weisheit der Entscheidung kommentieren wollen, eine Moschee so nah am Ground Zero zu bauen, sagte Obama.
Die New York Times rüffelte Obama dafür am Dienstag mächtig. Amtsvorgänger Bush zumindest war da standfester. "Das Gesicht des Terrors ist nicht der wahre Glaube des Islam", hatte Bush sechs Tage nach den Anschlägen gesagt und sich klar gegen die aufkommende Pogromstimmung gegen Amerikas Muslime positioniert. "Das ist nicht das Amerika, das ich kenne." Mit jedem Tag freilich, der ins Land geht und weitere schrille Töne hervorbringt, schwinden die Chancen für das Projekt. Müsste es begraben werden, "wäre das ein trauriger Tag für Amerika", sagte Bürgermeister Bloomberg.
Erklär's mir: Was ist Ground Zero?
Die Stelle, wo eine Bombe explodiert, nennen Soldaten auf Englisch "Ground Zero", das ist auf Deutsch der Nullpunkt (Zero) der Explosion am Boden. "Ground Zero" nennt man auch den Platz, an dem am 11. September 2001 die beiden Türme des World Trade Centers in New York zusammengestürzt sind. Zwei Flugzeuge, gesteuert von Terroristen, waren zuvor in die 417 Meter hohen Türme gerast. Diese Terroristen waren radikale Muslime, sogenannte Islamisten. Unter den 2800 Opfern ihres Anschlags waren aber auch viele Muslime. Nun soll in der Nähe von "Ground Zero" ein muslimisches Gotteshaus, eine Moschee, gebaut werden. Das lehnen viele andersgläubige Menschen ab – wegen des Anschlags. Doch auch diejenigen, die die Moschee planen, wollen mit Terroristen nichts zu tun haben.
Autor: amp
Autor: Joachim Rogge


