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24. November 2008
Abtasten des Herausforderers
Thorsten Schäfer-Gümbel hat ein schweres Erbe angetreten und muss die eigene Basis überzeugen
Ein wenig jungenhaft wirkt er schon, wie er da oben auf der Bühne steht. In diesem Kreis allemal. Verständlich: Denn der 39-jährige Thorsten Schäfer-Gümbel ist in Weiterstadt beim Kreisfest der "AG 60 plus", der Arbeitsgemeinschaft der SPD-Senioren, zu Gast. Neben ihm am Ehrentisch sitzen Justizministerin Brigitte Zypries und Generalsekretär Hubertus Heil, doch das Augenmerk der etwa 500 älteren Frauen und Männer gilt dem SPD-Hoffnungsträger aus dem mittelhessischen Lich. Sie wollen wissen, welchen Eindruck der Aufsteiger macht, den vor 14 Tage noch niemand von ihnen kannte. Und nun soll der Politologe, der erst seit 2003 auf einer der hinteren SPD-Bänke im hessischen Landtag sitzt, bei der Neuwahl am 18. Januar die Hessen-SPD aus dem Tal der Tränen führen. Zumindest soll er für die verunsicherten Genossen ein achtbares Ergebnis erzielen und sich als Perspektive empfehlen – für die Zeit nach Andrea Ypsilanti, der gescheiterten Kandidatin für das Amt der hessischen Ministerpräsidentin.
Doch heute wollen die Gäste im Bürgerzentrum Weiterstadt vor allem miterleben und selbst beurteilen, wie dieser anfangs von der politischen Konkurrenz als Hinterbänkler und willenlose Marionette der Parteichefin Ypsilanti verspottete SPD-Linke sich schlägt. Sie wollen hören, wie er formuliert, welche politischen Schwerpunkte er setzen will und – vielleicht –, ob der "Nobody" dem geschäftsführenden Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) fachlich, politisch und rhetorisch gewachsen ist. Auch vor diesem Hintergrund hätte ein vom Hessischen Rundfunk angeregtes, von der Union aber abgelehntes Fernsehduell zwischen den Spitzenkandidaten von CDU und SPD aufschlussreich sein können.
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Immerhin hat Schäfer-Gümbel, über dessen Brille sich anfangs die gesamte deutsche Optikerzunft lustig gemacht hat, bereits am Tag der Auflösung des Landtags gepunktet, als er sich für die SPD zu den "hessischen Verhältnissen" äußerte. Dass es in den zehn Monaten seit der Wahl den 110 Abgeordneten im Wiesbadener Landtag nicht gelungen sei, eine ordentliche Regierung zustande zu bringen, liege nicht nur an der SPD. Und nach den ersten Tagen als Spitzenkandidat mussten auch jene, die zuvor noch mit einem mokanten Lächeln die von Ypsilanti aus dem Hut gezauberte Personalie Schäfer-Gümbel abwertend kommentiert haben, zugeben, dass der Politologe und Vater von drei Kindern politisches Talent hat und unter anderen Umständen Koch gefährlich werden könnte. Selbstironisch kommentiert er in Weiterstadt gegenüber der Badischen Zeitung diese Entwicklung als "sensationell, wenn man vor zwei Wochen als Marionette gestartet ist und jetzt auf Augenhöhe mit Roland Koch gesehen wird".
Am Ende vergeben die SPD-Senioren im Bürgerzentrum nach dem 15-minütigen Auftreten an Schäfer-Gümbel nur Bestnoten. Dabei steht mit Bildung, sozialer Gerechtigkeit, Mindestlohn oder Energie, ergänzt um die Herausforderung durch die Kapitalmarktkrise, Altbekanntes aus dem vergangenen Wahlkampf im Zentrum seiner Rede, auch wenn er es etwas anders akzentuiert. "Er ist sehr kommunikativ", lobt der 72-jährige Horst Bruder den Spitzenkandidaten. "Und die Art, wie er auftritt, kommt gut an. Ich bin froh, dass wir so einen haben." Seine Partnerin Eva Ullrich (77) glaubt ebenfalls: "Das könnte was werden." Schäfer-Gümbel selbst sagt, die Leute seien erst einmal neugierig. "Sie wollen wissen, was ist das für ein Mensch?"
"Er ist rhetorisch gut und überzeugend. Ich glaube, er macht seinen Weg. Aber er wird es schwer haben gegen Koch", sagt Ludwig Ehrenfels, 75 und seit 53 Jahren SPD-Mitglied. Und über Ypsilanti: "Er gefällt mir besser als sie." Seine Frau Ruth fügt hinzu: "Aber Wortbruch darf es nicht geben." Es klingt, als wollten nicht nur Ruth Ehrenfels, sondern auch die meisten der 60-plus-Mitglieder Ypsilanti nach wie vor keine Absolution erteilen. Und er wird schon bald erklären müssen, wie seine Partei mit den Abtrünnigen umzugehen gedenkt, die Andrea Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin wählen wollten. Schäfer-Gümbel kündigte bereits an, er lehne Ausschlussverfahren ab. Dann aber müsste er sich auch mit einem Teil der alten Parteielite anlegen.
Sich selbst charakterisiert der in Oberstdorf geborene Schäfer-Gümbel als eine "Mischung aus bayrischem Frohsinn und preußischen Tugenden". Die 500 Senioren glauben dem großen Jungen dieses Bekenntnis uneingeschränkt.
Autor: Heinrich Halbig
