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08. August 2012

Ostdeutschland

Abwanderung: Den Neuen Bundesländern gehen die Bewohner aus

Leere Dörfer, leere Schulen, leere Stellen: Den ostdeutschen Bundesländern gehen Menschen und Arbeitskräfte aus. Nun wird im Westen um Ersatz geworben.

  1. Nordostdeutsche Dörfer verlieren ihre Einwohner Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  2. Abschluss der Aktion " Arbeiten in MV statt Pendeln im Stau" Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  3. Alexandra Gleibs Foto: Bernhard Honnigfort

Sie sind Glücksfälle, denn sie sind wieder da. Heimkehrer, wertvoll wie Edelsteine, gebraucht, umworben. Anja Schmidt, 33, aus Wolgast. Nach Bayern ausgewandert, nach Greifswald zurückgekehrt. Sie betreibt dort ein Fotostudio. Oder Hans-Christian Schäkel, auch 33. Nach Baden-Württemberg gezogen und Jahre später nach Malchin in Mecklenburg heimgekehrt. Er ist Produktionsleiter in einem Chemiefaserbetrieb. Oder Gunnar Sauck, 40 Jahre alt, Maschinenbauer. Elf Jahre lebte er in Niedersachsen, dann zog er zurück nach Schwerin. Oder Antje Kiesendahl, 34 Jahre alt. Ihre Stationen: Namibia, Berlin, Düsseldorf, jetzt Rostock. Sie ist Pädagogin bei der Lebenshilfe. Ricarda Görs: 32 Jahre alt. Schleswig-Holstein, Hamburg, dann zurück nach Schwerin. Niederlassungsleiterin eines Weiterbildungsbetriebes.

"Ich bin eben kein Großstadttyp", erzählt Alexandra Gleibs. Auch sie ist eine Heimkehrerin, nach Jahren im Westen in den Osten, in ihre Heimat zurückgezogen. Die dunkelhaarige 22-jährige Industriekauffrau sitzt im Büro von "mv4you" und erzählt, wie es ihr ergangen ist. "mv4you" ist eine kleine, aber sehr rührige Agentur in Schwerin. Seit Jahren ist sie wie ein geduldiger alter Angler darum bemüht, wenigstens einen kleinen Teil des breiten Menschenstroms, der von Ost- nach Westdeutschland fließt, wieder zurückzufangen. Alexandra Gleibs kommt aus Schwerin. Sie wollte, was viele wollen: Nach der Schule unabhängig sein, weg von zu Hause, etwas erleben. Sie zog ins 130 Kilometer entfernte Hamburg, hat bei Vattenfall eine Lehre gemacht, hat 800 Euro brutto verdient, hat mit ihrem Freund in Hamburg-Wandsbek gelebt, hat sich von ihm getrennt.

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Hamburg ist aufregend,
aber auch sehr, sehr teuer

Im September 2011 war "Pendlertag" im Schweriner Hauptbahnhof. Die kleine Rückholer-Agentur "mv4you" hatte ihre Köder ausgelegt: Kleine Papiertüten mit Prospekten von Firmen aus Mecklenburg-Vorpommern, mit Stellenangeboten, mit bunten Bildern von der Mecklenburgischen Seenplatte, wo es sich lohnt zu bleiben. Bunte Büchlein vom schönen Leben dort, wo andere Urlaub machen, voll mit Heimwehbildern.

Astrid Golbs war auch da. Sie ist Personalchefin von Flamm Aerotec in Schwerin, einem Unternehmen mit 260 Mitarbeitern, das für Airbus produziert. Astrid Golbs schnappte sich Alexandra Gleibs, machte ihr ein Angebot – und das war`s dann für die Freie und Hansestadt Hamburg. Industriekauffrau Gleibs arbeitet nach vier Jahren wieder zu Hause in Schwerin. So wie 14 andere Industriekaufleute und Ingenieure, die Personalchefin Golbs sich aus dem Strom der Pendler und Auswanderer geangelt hat."Auch Hamburg habe ich nicht bereut", sagt Alexandra Gleibs heute. Hamburg sei schon aufregend gewesen, aber auch sehr, sehr teuer.

In Ostdeutschland kann man gerade seltsame Dinge beobachten. Dinge, die auf den ersten Blick kein stimmiges Bild ergeben wollen: Hohe Arbeitslosigkeit in menschenarmen Gegenden wie Vorpommern, der Uckermark, der Lausitz. Und gleichzeitig das Gegenteil, einen krassen Mangel an Arbeitskräften, nicht nur an Spezialisten. Anscheinend wird fast alles und jeder gebraucht, auch in Vorpommern, der Uckermark, der Lausitz. Anscheinend fehlt es an allen Ecken und Enden. Sogar Lehrlinge werden gesucht.

Unternehmungen wie "mv4you" haben deshalb Konjunktur. Ähnliches gibt es mittlerweile in allen Bundesländern jenseits der Elbe. Sie alle fischen und suchen, wollen korrigierend eingreifen: "Sachse komm zurück", betrieben von der IHK in Dresden. "Pfiff", das Portal für interessierte flexible Fachkräfte Sachsen-Anhalt. "Boomerang Lausitz" im südlichen Brandenburg. "Thaff", die Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung. Sie alle wollen ein bisschen umlenken von dem Menschenstrom, der seit Jahren von Osten nach Westen fließt. Sie alle bieten auf ihren Internetseiten Stellenangebote aus der Heimat, Tausende Stellen mittlerweile.

Nach 1990, nach der Wiedervereinigung und dem fast völligen Zusammenbruch der Wirtschaft der ehemaligen DDR, sind ungefähr 4,1 Millionen von rund 16,7 Millionen Ostdeutschen in den Westen gezogen. Umgekehrt machten sich etwa 2,1 Millionen Westdeutsche Richtung Osten auf den Weg. Macht unterm Strich zwei Millionen Verlust.

An der Negativbilanz hat der Osten heute besonders zu leiden: Es fehlt fast eine ganze Generation, die 25- bis 35-Jährigen. Sie fehlen heute auf dem Arbeitsmarkt, sie fehlen aber auch als Familiengründer, als Eltern. Ihre im Osten nicht geborenen Kinder fehlen. Es war ein breiter Strom, manchmal 30 000 Menschen und mehr, ganze Abiturjahrgänge, fast komplette Abschlussklassen der Mittelschulen, die jährlich gingen. Es waren die Jüngeren, die gut Ausgebildeten, die Fachleute, es waren häufig junge Frauen.

Heute wollen etliche zurück. "Wir haben den Luxus der Leere", nennt es Solveig Streuer. Es gibt Stellen, es gibt Platz, es gibt günstige Immobilien, es gibt Möglichkeiten. Sie ist der Kopf der Schweriner Rückholer-Agentur. Drei Damen betreiben das Geschäft. Es ist mühselig, und die Erfolge könnten natürlich größer sein. "IT-Fachleute, Konstrukteure, Spezialisten für Solarenergie und Windkraft, Pfleger, Erzieher, Sozialpädagogen, Bauleute, Handwerker – hier wird alles gesucht."

Solveig Streuer sitzt in ihrem Büro, blättert am Computerbildschirm. Etwa ab 2005, 2006 seien die Verhältnisse gekippt, erzählt sie. Seitdem gehe der Bedarf an guten Arbeitskräften sprunghaft in die Höhe. Der Luxus der Leere: Vor zehn Jahren hatte Mecklenburg-Vorpommern mindestens 20 Prozent Arbeitslose, heute sind es gerade elf. Durch die Abwanderung – es gingen 400 000 Nordostdeutsche –, hat sich die Zahl der Schulabgänger heute auf 25 000 halbiert. Das riesige Land hat nur noch 1,6 Millionen Einwohner, 2030, rechnen Experten, nur noch 1,4. Es wird sich langsam selbst zu groß, wie ein Mann, der sich aus seinem Anzug heraushungert. Immer mehr Raum, immer weniger Volk.

Auf dem flachen Land purzeln die Immobilienpreise in den Keller. Wer älter ist, zieht in die größeren Städte wie Rostock, Schwerin oder Greifswald, weil es dort noch alles gibt, was man gerne hat oder immer wieder braucht: Busse, Bahn, Geschäfte, einen Hausarzt, ein Krankenhaus, ein Kino oder Theater.

In Solveig Streuers Computer sind ungefähr 6000 Namen und Adressen von Menschen gespeichert, die Mecklenburg-Vorpommern verlassen haben. Ab und zu bekommen sie nette Ansichtskarten aus der Heimat. Oder Grüße. Ein Angler würde sagen: Man muss Fische rechtzeitig anfüttern, damit man sie irgendwann an den Haken bekommt. "Heimat, das ist ganz wichtig", sagt Streuer. "Ganz, ganz wichtig."

Wegen des Geldes

kommt keiner zurück

Viele kämen deshalb aus dem Ruhrgebiet, aus Süddeutschland, der Schweiz oder aus Schleswig-Holstein zurück: "Wegen des Menschenschlages, wegen des weiten Himmels, wegen der Müritzer Seenplatte, der Küste." Nicht wegen des Geldes, denn im Osten werde teilweise immer noch 20 bis 25 Prozent weniger gezahlt. "Viele kommen mittlerweile auch, weil die Eltern zu Hause alt geworden sind und Unterstützung brauchen." Wie viele Leute in diesem Jahr schon zurückgekehrt sind, weiß sie nicht. Nicht alle teilen es ihr mit. Allein im Frühjahr, erzählt Solveig Streuer, hätte es 16 Neueinstellungen gegeben. Mindestens.

Es gibt auch die andere Seite, das Loch, die Leere. Udo Schellner kann davon berichten. Er lebt in Angermünde in der Uckermark. Er ist 48 und hat einen Forstbetrieb. Schellner bewirtschaftet 7000 Hektar Wald. Das Holz, das er fällt, Eichen, Buchen, Erlen, Linden, wandert in Fabriken, wird zu Fußböden und Furnier verarbeitet, landet in den USA und Japan. "Eigentlich kein schlechtes Geschäft. Eigentlich ein schöner Beruf", sagt er. "Hart, aber gut." Schellner zahlt auch gut, 12,50 Euro Stundenlohn, deutlich mehr als das, was üblich ist in der Uckermark. Er ist ein kerniger Typ, seine Sprache ist es auch. "Ich habe resigniert", sagt er. "Ich habe die Schnauze gestrichen voll. Ich bin zu oft enttäuscht worden. "

Vor zwei Jahren entließ er sechs seiner zwölf Angestellten. "Die wollten nicht, hatten keine Lust, waren unzuverlässig, Führerschein weg, nur Ärger." Forstwirt-Lehrlinge bildet er auch nicht mehr aus. Einer hatte innerhalb von drei Monaten 15 000 Euro Schaden an Maschinen verursacht. Andere schafften es morgens nicht pünktlich aus dem Bett oder fanden den Wald nicht, in dem gearbeitet werden sollte. "Einer kam am ersten Tag der Lehre erst um neun Uhr, am zweiten gar nicht, am dritten rief er an, ob ich ihn nicht bei einem Kumpel in Wilmersdorf abholen könnte. Da verliert man doch den Glauben."

Der Kreis Uckermark hat 15,9 Prozent Arbeitslose. Das ist Schlusslicht in Deutschland. Davon sind 3,4 Prozent arbeitslos, 12,5 Prozent sind Langzeitarbeitslose und leben seit Jahren von Hartz IV, teilt die Arbeitsagentur mit, genau sind es 4737. Fragt man nach, ob es nicht möglich sei, für die hohe Zahl leerer Stellen aus der hohen Zahl an Langzeitarbeitslosen zu schöpfen, drucksen Jobvermittler verlegen herum, weil sie öffentlich nichts Anstößiges sagen möchten: "Es gibt das Bemühen", heißt es dann. Und dass alles nicht so einfach sei. Und dann erfährt man, dass es nicht funktioniert, weil Leute auch einfach nicht mehr arbeiten wollen, weil sie an steigenden Anforderungen scheitern, weil es sich für sie kaum lohnen würde. Angebot und Nachfrage passen nicht übereinander.

In Gegenden wie der Uckermark wirkt das besonders bizarr: Ein Blick auf die Homepage der schönen Stadt Templin. Sie hat allein fünf Seiten Lehrstellen im Angebot. Es suchen nur Betriebe aus der Stadt: Maurer, Krankenpfleger, Tierpfleger, Bürokaufleute, Tischler, Köche, Mechatroniker, Landwirte, Rechtsanwaltsgehilfen. Schon seit sechs Monaten betreibt die Stadt diese Seite. "Weil die Unternehmen nicht mehr die richtigen Leute finden", heißt es im Rathaus. "Wir helfen, wo wir können."

Die richtigen Leute. "Die Dinge entwickeln sich hier immer weiter auseinander", beschreibt es Forstmann Schellner. "Immer mehr Hartz-IV-Familien, die lange aus der Arbeit raus sind. Und ihre Kinder finden nicht in ein geregeltes Arbeitsleben hinein, weil sie es zu Hause nie kennengelernt haben." Er will nicht ungerecht sein und herumschimpfen. Warum soll denn jemand auch arbeiten wollen als Gerüstbauer oder Sicherheitsmann mit sechs Euro die Stunde? "Lohnt sich für den doch auch gar nicht. Da bleibt man doch besser mit Hartz IV daheim und arbeitet nebenbei ein bisschen schwarz."

Dann regt er sich doch wieder ein bisschen auf. Auf dem Schreibtisch vor ihm liegt eine Bewerbung aus einem Nachbarort. Silvio, ein 23-jähriger Mann, Schule nach Klasse acht verlassen, kein Führerschein. Sein Abschlusszeugnis: eine Sechs, neun Fünfen, vier Vieren. Arbeitsverhalten: mangelhaft. "Was soll man mit so einem Kerl machen?", fragt Udo Schellner. "Heute wird doch niemand mehr eingestellt, nur um den Hof zu fegen!"

Autor: Bernhard Honnigfort


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