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09. August 2012 00:05 Uhr

SPD-Chef

Babypause à la Gabriel – Medienoffensive gestartet

Sigmar Gabriel weilt eigentlich in der dreimonatigen Babypause für Tochter Marie. Doch gleichzeitig ist der SPD-Chef medial auf allen Kanälen präsent.

  1. Sigmar Gabriel. Foto: dpa

Marlene Rupprecht, Bundestagsabgeordnete aus Fürth, macht schon mehr als eineinhalb Jahrzehnte Frauen-, Kinder- und Familienpolitik für die SPD. Sie findet nichts daran auszusetzen, dass ihr Parteichef auch in seiner Babypause Zeit dafür findet, so viele Interviews zu geben, Papiere zu schreiben, Initiativen auf den Weg zu bringen, dass er zuletzt einen der Omnipräsenz naheliegenden Zustand in den Medien erreicht hatte. Dass Gabriel ein Vater sein will, der sich Zeit für seine Tochter nimmt, findet Marlene Rupprecht toll – und fügt an: "Schön wäre, wenn Gabriel seine Erfahrungen in die politische Arbeit mitnimmt. Es ist überfällig, das Berufsleben so zu gestalten, dass jungen Menschen die Entscheidung für Nachwuchs leichter fällt und junge Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können." Allerdings ist das in Gabriels Situation leichter als bei normalen Angestellten. Zumal er, anders als andere Väter und Mütter in Elternzeit, keine Gehaltseinbußen hinnehmen muss, wie die Saarbrücker Zeitung am Mittwoch berichtet hat. "Da versucht jemand, Vaterrolle, Berufstätigkeit und politisches Amt unter einen Hut zu bringen. Das ist es, was zählt."

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Abgeordnete haben generell keinen Rechtsanspruch auf Elternzeit; zudem sei Gabriels Amt als Parteichef, wie es im Willy-Brandt-Haus heißt, ein Ehrenamt, für das er eine Aufwandsentschädigung erhalte. Dass die vollen Bezüge während seiner Auszeit weiterlaufen, hat eine Parteisprecherin derweil bestätigt: "Sigmar Gabriel nimmt seine Babypause während der sitzungsfreien Zeit des Deutschen Bundestages und unter Einbeziehung seines persönlichen Jahresurlaubs".

Nicht ganz so entspannt, sondern eher zwiespältig ist die Resonanz auf Gabriels aus seiner Magdeburger Wohnung gesteuerte Kommunikationsoffensive. Dass er einem Acht-Punkte-Papier zur Bankenkontrolle sogleich die Forderung nach einem "Aufstand der Anständigen" unter den Bankangestellten gegen spekulierende Manager folgen ließ und damit ein Thema für den Bundestagswahlkampf gesetzt hatte, fand nicht nur in der SPD-Linken viele Anhänger. Nicht ganz so glücklich indes ging seine Initiative aus, die Philosophen Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin mit dem Ökonomen Peter Bofinger einen Euro-politischen Denkanstoß für das SPD-Wahlprogramm formulieren zu lassen. Der Aufsatz wurde von der politischen Konkurrenz benutzt, um Gabriel eine europapolitische Kehrtwende hin zum "Schuldensozialismus" anzudichten. Die Angriffe verfingen zeitweise so gut, dass Gabriel mit einem Pressestatement in der Berliner Parteizentrale und einem Eintrag auf seiner Facebook-Seite gegensteuern musste.

Jenseits der sachlichen Ebene ließ das Sommerfeuerwerk des Vorsitzenden erahnen, was der Herbst für die Sozialdemokraten mit sich bringen wird: immer dichter blühende Spekulationen über die Kanzlerkandidatur. Bisher haben Gabriel und seine Troika-Partner Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier stets erklärt, die Partei lasse sich diese Frage nicht von den Medien aufzwingen. Von nun an steht sie aber auf der Tagesordnung. Nach Gabriels jüngster Offensive gehen die Deutungen auseinander: Die einen sehen darin den Beleg, dass er den Job als Kanzlerkandidat doch selbst übernehmen will. Andere sind überzeugt, er wolle damit nur seine Freiheit als Parteichef untermauern, um am Ende einem anderen den Vortritt zu gewähren.

Autor: Bärbel Krauß