Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. Juli 2010 09:33 Uhr

Schmerzensgeld

Geld ohne Attest: Bahn muss für Hitzepanne schwitzen

Die Hitzepanne wird teuer für die Bahn: Im Verkehrsausschuss des Bundestags musste Bahnchef Grube das Schadenersatzangebot an die betroffenen Fahrgäste noch einmal verbessern.

  1. Ein kräftiger Schluck aus der Pulle soll sich die Bahn leisten: Sie muss in moderne Technik investieren. Foto: DPa

BERLIN. Nun erhält jeder Passagier, der durch die Hitzepannen der Bahn gesundheitlich beeinträchtigt wurde, 500 Euro Schmerzensgeld. Ein ärztliches Attest muss nicht mehr vorgelegt werden. Außerdem will das Unternehmen eine kostenlose Hotline für die Fahrgäste schalten und die Informationen für Reisende verbessern.

"Die Weichen sind auf mehr Verbraucherschutz gestellt", sagte Michael Goldmann, der verbraucherpolitische Sprecher der FDP, der im ICE selbst zweimal kräftig ins Schwitzen geriet.

"Wir haben eine schnelle, unbürokratische Wiedergutmachung geregelt", versicherte Bahnchef Grube nach der Sitzung. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen sein wird, kann der Vorstand noch nicht beziffern. Es dürfte ein Millionenbetrag zusammenkommen. Denn neben den Entschädigungen steht wohl auch eine Generalüberholung der Klimaanlagen an.

Das Problem selbst hat die Bahn mittlerweile weitgehend im Griff. In den vergangenen zwei Tagen fielen nur zwei Klimaanlagen aus. Dazu haben auch genauere Anweisungen an das Zugpersonal beigetragen. So sollen die Zugbegleiter die Anlagen schon früh am Tage auf warme Außentemperaturen einstellen, damit die Anlagen nicht erst spät anlaufen und schnell überlastet sind. Bei Hitze und längeren Wartezeiten werden die Zugtüren auch am Bahnhof geschlossen, damit es in den Waggons kühl bleibt.

Werbung


Der politische Bahngipfel kam den Gründen des neuerlichen Desasters auf der Schiene nicht auf die Spur. "Es sind nicht alle Ursachen geklärt", bedauerte der Ausschussvorsitzende Winfried Hermann (Grüne), der über zum Teil ausweichende Antworten klagte. Die Grünen halten das Kühlproblem für ein Resultat des Sparkurses der Bahn auf dem Weg zum Börsengang. "Bei der Wartung ist extrem geschlampt worden", sagte Anton Hofreiter, der verkehrspolitische Sprecher der Partei. Die Hersteller der Züge hätten den ICE bei Außentemperaturen von 42 Grad getestet, ohne dass Mängel an der Klimatechnik beobachtet wurden.

Die Industrie weist jede Schuld von sich, weil die Bahn die Wartung der Waggons selbst übernimmt. Einen offenen Streit um die Qualität der Technik vermeiden beide Seiten aber noch. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will in den kommenden Monaten das Eisenbahngesetz ändern. Die Verantwortung für die Technik soll nicht mehr allein bei der Bahn liegen. Die Zusammenarbeit zwischen Bahn, Herstellern, Verkehrsministerium und Eisenbahnbundesamt müsse besser werden, sagte der Minister. Auch Ramsauer hatte zuletzt den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn und dessen Börsenpläne für die Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Um die Bilanz aufzupolieren, habe die Bahn an der Wartung gespart. Dieser Vorwurf wurde in den vergangenen Jahren immer wieder laut und nach Aussage der Grünen auch häufig von Mitarbeitern anonym beklagt.

Nun mehren sich die Stimmen in der Regierung, die mehr Investitionen der Bahn in moderne Technik fordern. Zugleich hat die Koalition beschlossen, dem Konzern jährlich eine halbe Milliarde Euro als Pflichtdividende zu entziehen.

Autor: Wolfgang Mulke