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03. Februar 2012 19:12 Uhr

ARD-Deutschlandtrend

Bürger wenden sich von Christian Wulff ab

Die Glaubwürdigkeit ist futsch: Laut ARD-Deutschlandtrend sind 54 Prozent der Bundesbürger inzwischen der Ansicht, Wulff solle zurücktreten. Derweil sind mehr als 100 Strafanzeigen gegen den Bundespräsidenten eingegangen.

  1. Die Bürger sind die vielen dubiosen Nachrichten aus Schloss Bellevue – zuletzt ging es um das Auto des Bundespräsidenten – langsam leid. Foto: dpa

Christian Wulff sei eigentlich schon kein Bundespräsident mehr, war am Freitag zu lesen. Er residiere nur noch im Schloss Bellevue. So sieht die Welt aus der Warte des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel aus. Mit seinen despektierlichen Ansichten über das Staatsoberhaupt ist der Obergenosse jedoch mehrheitsfähig. Das zeigen aktuelle Umfragen.

Das ZDF-Politbarometer zeigte vor einer Woche einen ähnlichen, wenn auch noch nicht ganz so eindeutigen Trend: 50 Prozent für den Rücktritt, 45 Prozent dagegen. Das Meinungsbild hat sich in den vergangenen Wochen erheblich zu Lasten des umstrittenen Präsidenten verschoben. Die Bürger, Souverän in einer Demokratie, wenden sich von Wulff ab.

Interview brachte nur kurz Entlastung

Nach den ersten Berichten über dessen Hauskredit hielten 26 Prozent einen Rücktritt für angebracht, 70 Prozent waren damals anderer Ansicht. 51 Prozent erachteten den Bundespräsidenten in jenen ersten Tagen der Affäre trotz allem als glaubwürdig, 44 Prozent als unglaubwürdig, so die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen. Das verkehrte sich ins Gegenteil. Kurz vor Wulffs Fernsehinterview in der ersten Januarwoche waren schon 68 Prozent der Ansicht, er sei unglaubwürdig, 27 Prozent wollten ihm noch Glauben schenken. Das Interview brachte eine kurzzeitige Entlastung. Inzwischen bewerten aber wieder 64 Prozent Wulffs Verhalten als unglaubwürdig.

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Die Erwartungen der Bürger an ihre politischen Repräsentanten sind übrigens erstaunlich stabil. Zwei Drittel finden es richtig, dass für Politiker höhere moralische Maßstäbe zu gelten hätten als für gewöhnliche Leute. Die gleiche Frage hatten die Demoskopen aus Mannheim vor 20 Jahren schon einmal gestellt – mit annähernd gleichem Resultat. Zahlen des Instituts für Demoskopie in Allensbach bestätigen das. 71 Prozent hätten im Januar erklärt, Politiker seien nach strengeren moralischen Kriterien zu bewerten als Normalbürger. 63 Prozent seien darüber hinaus der Ansicht, dass bei Bundespräsidenten noch höhere moralische Maßstäbe angelegt werden müssten als bei Ministern oder Abgeordneten.

Was die Vorwürfe angeht, mit denen sich Wulff konfrontiert sieht, so urteilen die Bürger durchaus differenziert. 31 Prozent sehen laut Allensbach keine Gesetzesverstöße. 40 Prozent seien der Ansicht, Wulff habe nichts Illegales getan. Gleichwohl meinten zwei Drittel der Befragten, es sei nicht in Ordnung, wie der Bundespräsident sich verhalten habe. Im Detail fällt das Urteil der Bürger unterschiedlich aus. 67 Prozent haben nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Bundespräsident eng mit Unternehmern oder Managern befreundet ist. 60 Prozent sind sogar der Ansicht, dass der Bundespräsident sich von reichen Freunden Geld leihen dürfe. 58 Prozent finden es okay, wenn er sich von solchen Freunden zum Urlaub einladen lässt.

Hingegen halten es 81 Prozent für nicht akzeptabel, wenn das Staatsoberhaupt besonders zinsgünstige Kredite von Banken annimmt. Und 91 Prozent wollen auf gar keinen Fall dulden, dass ihr oberster Repräsentant von einer Fluggesellschaft in die erste Klasse befördert wird.

Erkennbar ist ein Überdruss an skandalumwitterten Nachrichten aus Schloss Bellevue. Allensbach zufolge bewerten 39 Prozent die Berichterstattung als angemessen, fast die Hälfte hält sie hingegen für übertrieben. Zu diesem Schluss kämen nicht nur Anhänger der Union und der FDP – der Parteien, die Wulff ins Amt verholfen haben. Auch die Klientel der Grünen und der Linkspartei urteilen ähnlich. Lediglich SPD-Anhänger bewerteten die Berichterstattung über Wulffs Affären als angemessen. Gabriel darf sich bestätigt fühlen.

Bei der Staatsanwaltschaft Hannover sind derweil mehr als 100 Strafanzeigen von Bürgern gegen Wulff eingegangen. Binnen 24 Stunden seien allein zehn Anzeigen hinzugekommen, sagte Behördensprecher Hans-Jürgen Lendeckel.

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Autor: Armin Käfer