Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
16. April 2010
Der Eagle ist nicht Schutz genug
Die Bundeswehr verbessert die Ausrüstung für die Truppen in Afghanistan – eine Überlebensgarantie ist das nicht.
BERLIN. Am Donnerstag hat sich beim Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan eine alte militärische Erkenntnis bestätigt: Es gibt weder die perfekte Waffe noch den perfekten Schutz. Gegen zwölf Uhr deutscher Zeit sind vier Bundeswehrsoldaten wahrscheinlich durch Raketenbeschuss getötet und fünf weitere zum Teil schwer verletzt worden. Einige von ihnen saßen in einem gepanzerten Fahrzeug vom Typ Eagle.
Von diesem geschützten Führungs- und Patrouillenfahrzeug verspricht sich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) viel: Um die Handlungsfähigkeit der Afghanistantruppen zu verbessern hat er, wie das Verteidigungsministerium in Berlin gestern bestätigte, die Beschaffung von sechzig Eagles vorgezogen. 2011 soll die Bundeswehr noch einmal neunzig Eagles erhalten. Beschlossen hat die Bundesregierung den Kauf von 198 Eagles bereits unter Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung (CDU) im Jahr 2008; doch jetzt soll die Lieferung schneller erfolgen als geplant.Nachdem die Nachricht von den am Karfreitag gefallenen Bundeswehrsoldaten in Deutschland eine heftige Debatte über die Ausrüstung der Isaf-Kontingente ausgelöst hatte, hat Guttenberg Konsequenzen gezogen. Er nutzt die Möglichkeit zur so genannten einsatzbedingten Sofortbeschaffung: Wenn den Truppen im Auslandseinsatz Geräte fehlen, hat das Verteidigungsministerium seit jeher den Spielraum, sie außerhalb der normalen Haushaltsplanungen zügig zu beschaffen.
Werbung
Der beschleunigte Kauf geschützter Fahrzeuge ist nicht die einzige Reaktion Guttenbergs auf den tödlichen Hinterhalt vom Karfreitag. Bei seinem Truppenbesuch am Mittwoch in Afghanistan hat der Verteidigungsminister angekündigt, so schnell wie möglich zwei Panzerhaubitzen nach Kundus zu verlegen. Die Forderung nach großkalibrigen Waffen ist von den Einsatzkontingenten zumindest unter der Hand wiederholt erhoben worden. Seit Karfreitag hat die Debatte über den Einsatz schwerer Waffen auch das Parlament erfasst. Der designierte Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) hat mit seiner Forderung nach einem Einsatz des Kampfpanzers Leopard II – er ist mit 60 Tonnen Gewicht, zwölf Metern Länge und 120-Millimeter-Kanone das größte bodengebundene Waffensystem der Bundeswehr – vor allem Spott geerntet. Das Gerät sei laut Einsatzführungskommando zu schwer für den Einsatz in Kundus. Doch der Forderung nach der Panzerhaubitze 2000, die auch Verteidigungspolitiker aus Union und FDP erhoben haben, ist Guttenberg nun nachgekommen.
Die Panzerhaubitze ist das schwerste Waffensystem, dass die Bundeswehr in Nordafghanistan zur Verfügung haben wird. Bisher steht lediglich der Schützenpanzer Marder zur Verfügung. Der ist mit knapp vier Metern Länge und gut 37 Tonnen Gefechtsmasse zwar auch kein kleines Kaliber. Aber die Panzerhaubitze ist zwölf Meter lang und 56 Tonnen schwer.
Vor allem von der Bewaffnung versprechen viele Politiker sich einen besseren Schutz für die Soldaten. Denn die Waffensysteme der Artillerie sind, wie Heeresexperten erklären, nicht für den Einsatz an der Front gedacht – sie wirken aus großer Entfernung. "Die Panzertruppe sieht den Gegner und schießt auf ihn", erklärt ein Heeressprecher. Die Haubitze dagegen schießt vierzig Kilometer weit und trifft auf zwanzig bis dreißig Meter genau.
Das ist für Landkriege alter Prägung präzise. In Afghanistan jedoch sind die Verhältnisse anders. Dort geht es um punktuelle Gefechte gegen Aufständische, die sich zudem konsequent hinter Zivilisten verbergen. Häufig greifen Taliban aus Dörfern an. Aus vierzig Kilometer Entfernung kann die Besatzung der Panzerhaubitze nicht sicherstellen, ob sie das Haus trifft, in dem die Taliban sich verbergen, oder den Nachbarn. Die Isaf-Regeln sehen vor, bei Gefechten mit Aufständischen die Zivilbevölkerung zu schonen. Deshalb ist offen, wie häufig die Haubitze eingesetzt werden kann. "Die Situation muss passen", heißt es im Verteidigungsministerium dazu. Vielleicht läuft es ja so wie beim Schützenpanzer Marder. Der wurde Ende 2006 verlegt; bis zum ersten Schuss dauerte es fast drei Jahre.
Autor: Bärbel Krauss


